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Coaching-Kultur "Menschen verwandeln sich in Schmalspur-Persönlichkeiten"

Die sogenannte Coaching-Kultur verbreitet sich schneller als ein Grippe-Virus, findet unsere Autorin - und grübelt, welche Sätze sie am meisten nerven.

Schwer zu sagen, welche Bemerkung mich am meisten auf die Palme bringt. Hohes Adrenalinpotenzial hat auf jeden Fall der Satz: "Ich sehe Ihren Punkt." Auch "Sie geben da einen wichtigen Impuls" kann mich aggressiv machen, vor allem in Kombination mit: "Wir sollten gemeinsam überlegen, wie wir in dieser Angelegenheit vorankommen." Dazu schaut einen das Gegenüber unbedingt freundlich an, nickt wie ein Wackeldackel mit dem Kopf und spricht in sanfter Stimmlage.

Ich weiß nicht, wie es passieren konnte, dass sich die sogenannte Coaching-Kultur schlimmer als ein Grippe-Virus ausgebreitet hat. Vermutlich, weil es keine Impfung dagegen gibt. Viele Menschen, die früher ganz selbstverständlich darauf vertrauten, dass ihnen ihre Erziehung und ihre Lebenserfahrungen das nötige Rüstzeug verleihen, um in herausfordernden Situationen angemessen zu handeln, klingen mittlerweile, als ob sie ein Alexa-Programm verschluckt hätten: "Ich habe momentan Schwierigkeiten, dich zu verstehen."

Es gab immer schon Tricks, um sich innerlich für das Zusammentreffen mit schwierigen Persönlichkeiten zu wappnen. Zum Beispiel hilft das Lesen von Romanen, da lernt man die tollsten Charaktere besser kennen. Im Geiste bis drei zu zählen, wenn der andere einem gerade völlig irre erscheint, ist auch ein guter Trick. Oder sich vorzustellen, er wäre die reizende, leider etwas verwirrte Urgroßoma, damals, als sie schon fast neunzig war und Blätterteigpasteten mit Eierlikör servierte. Alles besser, als sich coachen zu lassen.

Menschen verwandeln sich in Schmalspur-Persönlichkeiten

Denn schon nach wenigen Stunden führt so ein Training dazu, dass gecoachte Männer und Frauen an Ähnlichkeit mit sich selbst verlieren. Ihr Verhalten büßt nicht nur die vertrauten Merkmale ein, es geht auch die Varianz verloren. Menschen verwandeln sich in Schmalspur-Persönlichkeiten. Plötzlich suchen ihre Hände die immer gleiche Position, weil diese gemeinsam mit einem Coach als Wohlfühlposition erarbeitet wurde. ("Gemeinsam" scheint in dieser Welt übrigens eine Zaubervokabel zu sein.) Wenn jemand die Hände plötzlich ständig locker verschränkt hält, hat das meistens sehr viel Geld gekostet.

Gleichzeitig fühlt sich, wer ein Coaching absolviert hat, offensichtlich ermutigt, das neu Erlernte beherzt einzusetzen. Manchmal habe ich den Verdacht, so ein Coach gibt seinen Kunden oder Patienten - was ist hier der richtige Begriff? - Hausaufgaben auf. Und wir Ungeschulten drum herum sind die Versuchskaninchen.

Denn letztlich zielt die ganze Idee ja darauf, Situationen zu kontrollieren und andere möglichst unmerklich zu manipulieren. Aber, hey, auch wenn wir zu denen gehören, die nicht gecoacht sind, sind wir deshalb ja nicht doof. Also sitzen sich ein Coachy und ein Ungeschulter gegenüber und tun so, als ob sie auf Augenhöhe miteinander sprächen, was sie aber nicht tun, und was beide wissen. Die Selbstverständlichkeit der Situation schwindet dahin. Der Rest ist Krampf.

Irgendetwas stimmt nicht

Bevor ich nun Mails von hauptberuflichen Coaches bekomme, gebe ich besser gleich zu, dass diese Tätigkeit vermutlich deutlich komplexer ist, als ich sie hier dargestellt habe. Aber irgendetwas stimmt nicht, wenn in einer Gesellschaft Authentizität und Individualität als hohes Gut gelten und gleichzeitig Optimierungsdruck herrscht.

Die Sehnsucht nach dem Unverfälschten, nach dem Original lässt uns im Urlaub in pittoreske Städte reisen (für den Besuch des Stadtzentrums von Venedig wird bald Eintritt verlangt) oder mit leichtem Grusel im "Goldenen Handschuh" auf St. Pauli einen Korn bestellen. Alles so schön echt hier. Gleichzeitig wird gebotoxt und gecoacht, dass die Kassen klingeln. Diesen Widerspruch muss jeder für sich selbst lösen. Locker verschränkte Hände helfen jedenfalls nicht weiter.

Aus dem S-Magazin

Ausgabe 1/2019

Authentizität
Warum das vermeintlich Echte derzeit so gut ankommt

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