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Rarotonga: "Hier passt einfach alles"

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Deutsche auf den Cookinseln Vom Glück, jeden Tag barfuß zu gehen

Carina Wenzel, 39, lebt auf den Cookinseln im Südpazifik. Für ihre Arbeit als Tauchlehrerin steht sie früh auf und macht spät Feierabend. Und fühlt sich doch frei wie nie zuvor.

"Fünf Jahre lang hatte ich ihn nicht gesehen: einen Freund aus meinem Abi-Jahrgang. Dann besuchte ich ihn auf Rarotonga, einer der Cookinseln, mitten im Südpazifik. Und verliebte mich - in die Insel, das Meer, die Menschen und in den Schulfreund. Er sagte mir, das müsse wohl der Tauchlehrereffekt gewesen sein.

Nach dem Abi hatte ich erst einmal eine Ausbildung als Schreinerin gemacht und bin dann nach Italien gezogen, um die Sprache zu lernen. Ich habe sieben Jahre lang dort gelebt - es war eine gute Zeit, ich mochte das Land. Nur richtig glücklich wurde ich da nicht. Also machte ich eine Weltreise, um herauszufinden, was ich wirklich wollte: Ich flog nach Hongkong, Australien, Neuseeland, auf die Cookinseln, in die USA und nach Kanada.

Auf den Cookinseln fühlte ich mich am wohlsten, hier hat alles gepasst. Die Menschen, die Natur, ich sammelte Muscheln und ging tauchen. Und entschied mich dazu, mein Leben in Italien hinter mir zu lassen, um nach Rarotonga zu ziehen.

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Rarotonga: "Hier passt einfach alles"

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Ich löste mein Leben in Italien auf, verkaufte meine Sachen, kündigte meine Verträge, verabschiedete mich von den Menschen, die ich lieb gewonnen hatte. Es fiel mir relativ leicht zu entscheiden, welche Sachen ich in mein neues Leben mitnehmen wollte: alles, was ich gern hatte, meine Lieblingsklamotten, eine Decke, Tauchzeug, eine Edelstahlpfanne und andere Kochutensilien. Auf den Flug nahm ich nur einen Reiserucksack und eine Tasche fürs Handgepäck mit.

Es ist schon etwas anderes, wenn man mitten im Südpazifik auf einer 67 Quadratkilometer großen Insel lebt, die nur 9000 Einwohner hat. Ich bin in einer Großstadt aufgewachsen, hatte nie zuvor in einem wirklich kleinen Dorf gelebt, wusste nicht, ob mir das nicht zu einsam werden würde. Ich reiste mit einem Touristenvisum ein, das sechs Monate gültig war - und sagte mir, wenn es nicht passt, dann fliege ich wieder zurück.

In Rarotonga angekommen, zog ich bei meinem Schulfreund ein - der inzwischen mein Lebenspartner ist - und half in seiner Taucherbasis aus. Hier verleiht er unter anderem auch Motorroller, Fahrräder, Kajaks. Es hat gepasst, ich bin nicht zurückgeflogen und arbeite immer noch im Geschäft mit.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

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Inzwischen wohne ich seit acht Jahren hier und bereue keinen einzigen Tag davon. Ich habe eine Arbeitsgenehmigung, mit der ich im Land bleiben darf. Sie muss aber jedes Jahr erneuert werden. Nach zehn Jahren hier kann ich eine Daueraufenthaltsgenehmigung beantragen. Ich würde wirklich gern hier bleiben. Es ist aber nicht garantiert, dass ich die Genehmigung bekomme.

Jeden Tag stehe ich um 6.45 Uhr auf, bin kurz vor acht im Shop. Ich gehe mit den Touristen tauchen, verleihe Ausrüstung, repariere Fahrräder oder Roller, mache sauber, gebe Tauchkurse. Kein Tag ist wie der andere. Zwischen 17 und 18 Uhr mache ich Feierabend. Ich bin die einzige richtige Angestellte und arbeite von Montag bis Freitag, an den Wochenenden habe ich normalerweise frei.

Und obwohl mein Freund und ich gemeinsame Tagesabläufe haben und wir in einem 20 Quadratmeter großen Bungalow wohnen, gehen wir uns nicht auf die Nerven. Die meiste Zeit verbringen wir ohnehin draußen in der Natur. Wir wohnen 700 Meter vom Meer entfernt und ich bin auch ganz froh darüber, nicht direkt am Strand zu leben. Manchmal kann es da schon ziemlich stürmisch werden und Zyklone können viel Schaden anrichten.

Um die Ecke haben wir einen Tante-Emma-Laden, aber Lebensmittel kaufen wir meist in einem großen Supermarkt. Für einen Liter Milch zahlen wir 2,40 Neuseeland-Dollar, das sind umgerechnet 1,50 Euro. Ein 500g Stück Gouda kostet 7,30 Euro und ein Kilo Hackfleisch 6,60 Euro. Das ist nicht günstig. Ich verdiene hier umgerechnet 850 Euro netto im Monat und wir zahlen knapp 410 Euro Miete.

Wenn man viele westliche Lebensmittel oder Milchprodukte braucht, ist das Einkaufen eher kostspielig. Aber wenn man zum Beispiel ein Kilo frischen Gelbflossenthunfisch möchte, bezahlt man zwischen zehn und 15 Euro dafür.

Auf dem Markt gibt es frische Gemüsesorten zu erschwinglichen Preisen. Und vieles wächst je nach Saison einfach im Garten oder beim Nachbarn auf dem Feld, der uns gern mal einen Sack Tomaten abgibt. Ein Freund von uns versorgt uns mit Bananen und anderem Obst.

Alle zwei Jahre fliegen wir nach Deutschland. Das ist selbstverständlich teuer und umständlich. Die Flüge gehen entweder über Los Angeles und London oder über Auckland und Asien und wir zahlen meist zwischen 1200 und 1700 Euro dafür.

Ich freue mich immer riesig, wenn ich meine Familie und Freunde in Deutschland besuche. Und natürlich tut mir das Abschiednehmen von geliebten Menschen weh, doch ich merke bei jedem meiner Besuche wieder aufs Neue, wie nach ein paar Wochen die Sehnsucht nach meiner Insel wächst. WhatsApp und Skype machen das Kommunizieren heutzutage sehr viel einfacher. Mit meinem Vater telefoniere ich einmal in der Woche.

Meine Zeit in Italien vermisse ich überhaupt nicht. Ich fühle mich frei und ungebunden, alles passt. Allein, dass ich jeden Tag barfuß laufen kann, ist für mich ein großes Glück.

Jedem, der so etwas vorhat, rate ich, seinem Herzen zu folgen, aber sich auch zu fragen, ob er auf der anderen Seite der Erde wirklich arbeiten könnte. Natürlich braucht man Geld zum Überleben und muss flexibel sein, sollte nicht stur an einem Plan festhalten.

Ich werde dieses Jahr 40 und ich habe keine Kinder. Hätte ich welche, könnte ich dieses Leben hier nicht so führen wie jetzt. Mutterschutz gibt es nur für vier Wochen, und ohne zu arbeiten habe ich kein Anrecht auf eine Arbeitserlaubnis und müsste das Land verlassen. Klar mag ich Kinder, aber ich finde es nicht schlimm, dass ich keine habe.

In Rarotonga gibt es sehr viele Expats, jedoch verlassen die meisten nach zwei, drei Jahren wieder die Insel. Einer Expat-Gemeinschaft würde ich mich nicht zuordnen. Unser enger Freundeskreis besteht aus Ausländern und Insulanern.

An freien Tagen sind wir sind auch mal froh, allein zu sein. Wenn es regnet, bleiben wir auch gerne zu Hause, schauen uns den 'Tatort' auf YouTube an oder lesen. Wenn ich neue Bücher brauche, dann bestelle ich sie mir einfach hierher - zum Glück kommen sie normalerweise auch hier an - am Ende der Welt."

Kulturschock
Foto: epa efe Lacerda/ dpa

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