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Aushilfen auf der Intensivstation "Viele sehen uns nur als Verfügungsmasse für medizinische Leistungen"

Den Intensivstationen fehlt Personal. Pflegerin Kathrin Hüster arbeitet täglich mit Corona-Patienten, die beatmet werden müssen. Warum sie davor warnt, Kollegen aus anderen Abteilungen zum Noteinsatz zu holen.
Ein Interview von Matthias Kaufmann
Krankenversorgung in einer Klinik (Symbolfoto)

Krankenversorgung in einer Klinik (Symbolfoto)

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Jeffrey Groeneweg / Hollandse Hoogte / imago images

SPIEGEL: Frau Hüster, auf den Intensivstationen wird es derzeit in der zweiten Corona-Welle wieder eng. Es fehlt vor allem an Personal – wie schon bei der ersten Welle. Hätte man über den Sommer nicht neue Kollegen anlernen oder weiterqualifizieren können?

Hüster: Mit Hilfskräften ist leider niemandem geholfen. Die würden verheizt, ohne dass es die Stammkräfte entlasten würde. Im Gegenteil, der Stress würde für uns eher zunehmen. Und die Fachweiterbildung zum Intensivpfleger dauert zwei Jahre.

SPIEGEL: Trotzdem hört man solche Vorschläge immer wieder: Intensivmedizin ist zu einem großen Teil Gerätemedizin. Ab und zu muss jemand mit anpacken, den Rest regelt die Maschine, für die Behandlungsentscheidungen ist eh der Arzt zuständig.

Hüster: Ein völlig falsches Bild. Tatsächlich ist es für die Pflegekräfte vor allem ein irres Arbeitspensum, stets unter Zeitdruck. Dazu gehören Medikamentenmanagement und die engmaschige Beobachtung der Patienten: Kommt es zu Wechselwirkungen? Führt das neue Medikament dazu, dass sich der Patient schneller wundliegt? Nur wenn wir das früh erkennen, können wir Fehlentwicklungen stoppen. So oft kann ein Arzt gar nicht vorbeischauen, das ist Aufgabe der Pfleger.

SPIEGEL: Bei der Beatmung spielen Maschinen eine entscheidende Rolle.

Hüster: Schon, aber auch hier kann man nicht einfach etwas einstellen und dann laufen lassen. Beatmungspatienten beobachten wir genau, und dazu braucht es Fachkenntnisse und Erfahrung. Wir müssen präventiv arbeiten – wenn an der Maschine der Alarm losgeht, kann es schon zu spät sein. Dann kann man häufig nur Notmaßnahmen einleiten, die Patienten erst recht belasten. Wenn ich sehe, dass ein Patient in eine kritische Situation kommt, kann ich sofort eingreifen, noch während vielleicht Kollegen zur Unterstützung unterwegs sind. Diese Kompetenz hat eine Hilfskraft nicht. Der Zeitunterschied kann über Leben und Tod entscheiden.

SPIEGEL: Kann die Fachkraft nicht der Hilfskraft sagen: Setz du mal die Spritze – und schon zum nächsten Bett weitergehen?

Hüster: Da müsste ich erst erklären, was genau gemacht werden muss, und anschließend die Ausführung kontrollieren. In der Zeit erledige ich das auch selbst. Es ist außerdem haftungsrechtlich problematisch, wenn einer von den beiden einen Fehler macht. Und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Fehler passieren: Es kann Missverständnisse geben, die Hilfskraft ist gestresst, und dann stehe ich noch da und sage, dass das jetzt aber fix gehen muss.

SPIEGEL: Wie sieht es mit Kollegen aus anderen medizinischen Abteilungen aus, die haben doch Berufserfahrung?

Hüster: Bleiben wir beim Beispiel: Gibt ein Beatmungsgerät Alarm, dann gibt es zig Möglichkeiten, woran es liegen kann. Muss der Patient neu intubiert werden? Hat er eine Panikattacke? Ich habe gelernt, das zu erkennen, aber Kolleginnen und Kollegen aus anderen Stationen haben da Probleme. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, der Beruf ist hoch spezialisiert.

SPIEGEL: Es gibt Kliniken, die wollen examinierte Krankenpflegekräfte anwerben und binnen kürzester Zeit auf den Einsatz an Corona-Patienten vorbereiten. Geht das?

Hüster: Mag sein, aber das ist riskant. Corona-Patienten sind unfassbar aufwendig.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Hüster: Schon die Beatmung ist kompliziert. Meist hängen sie zugleich noch an der Dialyse, sie sind in Bauchlage, sie bekommen furchtbar viele Medikamente, unter anderem, um den Kreislauf überhaupt stabil zu halten. Einige dieser Medikamente werden in einem bestimmten Wechselintervall gegeben, und auch dabei muss ich immer den Patienten beobachten und sehen, ob die gewünschte Wirkung eintritt. Corona-Patienten, die Intensivpflege brauchen, können wir nicht aus den Augen lassen.

SPIEGEL: Warum?

Hüster: Weil sie binnen weniger Minuten kippen können. Ich hatte das neulich mit einer Patientin, der wir zwar Sauerstoff gegeben haben, die aber sonst in einem guten Zustand zu sein schien. Wir wollten sie eigentlich auf eine andere Station verlegen. Eine Stunde später war sie intubiert und kam nicht mehr ohne Beatmungsgerät aus.

SPIEGEL: Dazu muss man wissen: Ein intubierter Patient bekommt Sauerstoff nicht mehr über eine Maske oder ein Mundstück zugeführt, sondern über einen Schlauch direkt in die Luftröhre.

Hüster: Dazu werden die Patienten sediert, den Schlauch im Hals erträgt keiner bei Bewusstsein, auch wenn im Verlauf eine gewisse niedrigschwellige Sedierung angestrebt wird. Bei dieser Patientin brach die Sauerstoffversorgung so rapide zusammen, dass wir eine Notfallintubation machen mussten.

SPIEGEL: Wie sieht die Berufsausbildung für Intensivpfleger aus?

Hüster: Voraussetzung ist eine Ausbildung zur Pflegefachkraft, die dauert drei Jahre. Das ist neuerdings eine generalistische Ausbildung, das heißt: Egal ob die Neulinge später als Pfleger im Krankhaus, in der Altenpflege oder in einer Reha für Kinder arbeiten – sie bekommen die gleichen Grundlagen vermittelt. Damit kann man dann die Fachweiterbildung Intensivpflege machen, die weitere zwei Jahre dauert. Dort werden unter anderem die Kenntnisse erworben, von denen ich gerade gesprochen habe.

SPIEGEL: Arbeiten die Kolleginnen und Kollegen während der Weiterbildung bereits auf der Station mit?

Hüster: Ja, die Qualifizierung erfolgt berufsbegleitend. Allerdings ist in den meisten Bundesländern eine Berufserfahrung von sechs Monaten Voraussetzung, um die Fachweiterbildung zu beginnen. Bei uns in Nordrhein-Westfalen ist das leider nicht so. Da können frisch gebackene Pfleger direkt mit der Weiterbildung beginnen. Generell kann aber jeder, der gerade sein Examen gemacht hat, auf einer Intensivstation anfangen. Ich persönliche halte das für falsch.

SPIEGEL: Warum?

Hüster: Es ist besser, wenn Berufseinsteiger auf anderen Stationen in den Job finden, und lernen, sich zu strukturieren. Die Kolleginnen und Kollegen werden leicht verheizt auf den Intensivstationen. Zum einen, weil sie zu Anfang oft hinderlich sind für die schnellen Abläufe. Dafür können sie nichts, und das ist auch keine schöne Erfahrung für sie. Zum anderen wissen viele von ihnen nicht, worauf sie sich da eingelassen haben, das führt zu Frust, einige brechen vorzeitig ab.

SPIEGEL: Kommen auch Absolventen mit einem falschen Berufsbild zu Ihnen?

Hüster: Ja, viele heroisieren die Arbeit auf der Intensivstation.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Hüster: Ein Pflegeschüler kam mal zu uns und sagte: "Intensivstation ist ein bisschen wie Armageddon". Das klingt nach Action und ein bisschen elitär.

SPIEGEL: Und?

Hüster: Nichts ist da elitär oder heroisch, das ist vor allem stressig. Unser Berufsalltag fühlt sich teils an wie Fließbandarbeit, erst recht, wenn sich die Abteilungen stark füllen, so wie jetzt. Aber für Neulinge ist das ein krasses Fließband: Da ist mehr Leid, mehr Sterben als auf anderen Stationen. Und man hat mit den Angehörigen zu tun, mit deren existenziellen Ängsten, die sind auch in Extremsituationen. Es geht in jeder Schicht immer um alles, das hält nicht jeder aus.

SPIEGEL: Die jungen Kollegen brechen dann ab?

Hüster: Ja. Wegen des aktuellen Personalmangels landen derzeit auch Pflegeschüler im dritten Ausbildungsjahr auf den Intensivstationen. Abgesehen von den Gefahren, die das mit sich bringt: Damit bereiten wir den Personalmangel der Zukunft vor. Viele von diesen jungen Kollegen werden das nicht lange mitmachen, und wir wissen nicht, wie viele von ihnen sich komplett von den Pflegeberufen abwenden.

SPIEGEL: Sie werden also aus dem Job vergrault.

Hüster: Das gilt auch für die Kollegen aus anderen Abteilungen, die man nun dazu drängt, in der Intensivpflege einzuspringen. Das sind teils Leute, die zwanzig Jahre in der Gynäkologie gearbeitet haben, gut und auch gerne. Und es hatte Gründe, dass sie nie auf der Intensiv angefangen haben: Denen war klar, dass das nichts für sie ist. Auch bei vielen dieser Kräfte wird die Pandemie personelle Konsequenzen haben. Die werden den Job fluchtartig verlassen.

SPIEGEL: Umfragen zeigen, dass junge Menschen stärker in systemrelevanten Berufen arbeiten wollen – vielleicht auch, weil durch Aktionen wie den Applaus von den Balkonen Pflegeberufe öffentliche Anerkennung fanden.

Hüster: Die Frage nach der Wertschätzung unserer Arbeit macht mich nur wütend. Die Leute, die da applaudiert haben, meinten das in dem Moment sicher gut. Aber als in der Politik das Gefeilsche um die Prämie für Pfleger losging – das war nur unwürdig. Derzeit werden in einigen Bundesländern schon die geltenden Überstundenregeln ausgehebelt, damit wir bald rund um die Uhr arbeiten. Und wenn Pfleger in den Dienst geschickt werden, die selbst Corona-Symptome haben, ist das ein Skandal.

SPIEGEL: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Hüster: Ich glaube, dass viele uns nur als Verfügungsmasse für medizinische Leistungen sehen. Ich bin aber ein Mensch, der auch mal überlastet sein kann, der seinen Feierabend braucht. Ich sorge mich um meine Gesundheit und die meiner Familie. Wenn es auch bei mir zu viel werden sollte, müsste ich mich aus dem Job zurückziehen.