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Krankenhauseinsatz statt Staatsexamen "Ich weiß nicht, wie wir das durchstehen sollen"

Lara Tretschock hat monatelang für das zweite Staatsexamen in Medizin gelernt. Es wurde gekippt, weil die Kliniken angeblich dringend Hilfe brauchten. Nun arbeitet sie in der Chirurgie und ist stinksauer auf die Politik.
Aufgezeichnet von Verena Töpper
Medizinstudentin Tretschock: "Von einem dringlichen Corona-Einsatz kann keine Rede sein"

Medizinstudentin Tretschock: "Von einem dringlichen Corona-Einsatz kann keine Rede sein"

Foto: privat

Mitte April sollten bundesweit rund 4600 angehende Mediziner zum zweiten von drei Staatsexamina antreten, dem sogenannten M2. Doch am 30. März unterzeichnete Gesundheitsminister Jens Spahn eine "Verordnung zur Abweichung von der Approbationsordnung für Ärzte bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite"  - und mit dieser Verordnung konnte das Examen um ein Jahr verschoben und der Start der praktischen Ausbildung auf April vorgezogen werden. Für das vorgezogene Praktische Jahr sind 45 statt 48 Wochen vorgesehen.

Die M2-Verschiebung gilt laut Bundesgesundheitsministerium "im Grundsatz bundesweit", enthält aber ein Schlupfloch: "Die Länder haben nach Lage vor Ort die Möglichkeit, hiervon abzuweichen, wenn sie die ordnungsgemäße Durchführung der Prüfung unter den Bedingungen der epidemischen Lage sicherstellen können."

Davon machten 14 der 16 Bundesländer Gebrauch. Elf Bundesländer hielten am geplanten Prüfungsdatum fest; in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin konnten Studierende wählen, ob sie das M2 jetzt oder erst in einem Jahr schreiben wollen - und nur Bayern und Baden-Württemberg verschoben das Examen für die Studierenden ins Frühjahr 2021.

Was das für die Betroffenen bedeutet, berichtet Lara Tretschock, 24, die in Heidelberg Medizin studiert:

"Ich gehöre zu den Medizinstudenten, die nun, anstatt ihr zweites Staatsexamen zu absolvieren, direkt im Krankenhaus arbeiten. Und ich bin darüber nicht nur enttäuscht, sondern auch wütend. Wissen die Politiker eigentlich, was sie uns da eingebrockt haben?

Fast sechs Monate lang hatte ich jeden Tag zehn bis zwölf Stunden für die Prüfung gelernt. Ich war mit allem durch, ich hätte mein Wissen nur noch präsentieren müssen. Meinen Nebenjob in einer Arztpraxis hatte ich für die Lernphase gekündigt, so wie fast alle meiner Kommilitonen. Das Examen ist hart. Es gibt spezielle 100-Tage-Lernpläne, ohne die hat man gar keine Chance. Zeit für etwas anderes außer Lernen bleibt da nicht.

Das zweite Staatsexamen war dieses Jahr für den 15. bis 17. April angesetzt, und in den meisten Bundesländern konnte man es an diesen Tagen auch ablegen. Nur in Bayern und Baden-Württemberg wurde das Examen zwei Wochen vorher für alle abgesagt - mit der Begründung, wir Medizinstudenten würden in der Coronakrise dringend in den Krankenhäusern gebraucht.  Das hatte mir eingeleuchtet, ich will ja auch gern helfen. Aber der Start des Praktischen Jahres wurde vom 18. Mai auf den 20. April vorgezogen – und da wäre die Prüfung ja schon vorbei gewesen!

Aufwandsentschädigung von 680 Euro im Monat

Ich hätte kein Problem damit gehabt, am Freitag Examen zu schreiben und am Montag mit der Arbeit zu beginnen, aber mir wurde gar keine Wahl gelassen. Für mich und meine Kommilitonen in Heidelberg gab es nur zwei Optionen: Entweder ohne zweites Staatsexamen ins Praktische Jahr zu starten und es dann im Anschluss daran nachholen, im Frühjahr 2021, direkt vor dem dritten Staatsexamen. Oder die Prüfung auf den Herbst 2020 verschieben und bis dahin pausieren. Das war mir zu riskant. Denn wenn das Examen im Herbst dann doch ausfallen würde, müsste man wieder bis zum Frühjahr warten und hätte dann ein ganzes Jahr vertrödelt.

Nun arbeite ich also ohne Examen in der Chirurgie eines Lehrkrankenhauses der Universität Heidelberg, für 680 Euro im Monat. Damit habe ich es sehr gut getroffen; viele Krankenhäuser bezahlen deutlich weniger. Das kann jede Klinik regeln, wie sie will. Unsere Studentenvertretung fordert schon seit Jahren, dass im Praktischen Jahr zumindest der Bafög-Höchstsatz gezahlt wird, aber bislang hat sich da wenig getan, auch von einer geplanten Coronakrisen-Zulage ist bei mir noch nichts angekommen. Ohne die Unterstützung meiner Eltern käme ich nicht über die Runden. Und ein Nebenjob neben der Arbeit im Krankenhaus wäre nicht zu schaffen.

"In meiner Abteilung ist weniger los als üblich. Von einem dringlichen Corona-Einsatz kann keine Rede sein."

Viele meiner Kommilitonen sind sogar schon im Schichtdienst eingeteilt, ich zum Glück nicht. Für Operationen, bei denen ich assistieren darf, bleibe ich schon mal länger, aber ansonsten habe ich ganz reguläre Arbeitszeiten. Ich bin bei OPs und Patientengesprächen dabei, nehme auch mal Blut ab oder lege Venen-Verweilkanülen. Mit Corona-Patienten habe ich nichts zu tun.

In meiner Abteilung ist sogar weniger los als üblich, denn viele Operationen sind ja wegen der Krise verschoben worden. In der Inneren Medizin werde ich erst im November eingesetzt, das ist meine dritte Station. Von einem dringlichen Corona-Einsatz kann also keine Rede sein.

Üblicherweise bewirbt man sich schon während des Praktischen Jahres auf Assistenzarztstellen. Da frage ich mich, welche Chancen ich wohl haben werde, wenn ich mich ohne Examen bewerben muss – und meine Mitbewerber aus 14 anderen Bundesländern das zweite Staatsexamen schon abgeschlossen haben.

Die einzig faire Lösung wäre meiner Meinung nach, das Examen für uns ganz ausfallen zu lassen und stattdessen die Noten der bisherigen Prüfungen zu werten. Das fordern die Dekane und Studiendekane der medizinischen Fakultäten Baden-Württembergs schon seit Wochen, auch Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer sprach sich dafür aus.

Sorgen bereitet mir auch die fehlende Lernzeit. Den ganzen Stoff ein Jahr lang präsent zu halten, ist unmöglich. Denn es kommen ja nicht nur Themen aus den Gebieten dran, mit denen ich im Krankenhaus zu tun haben werde. In der Prüfung geht es zum Beispiel auch um Rechtsmedizin, Schussverletzungen oder Strangulationen.

Uns stehen während des Praktischen Jahres nur 30 Fehltage zu – ob man die nimmt, weil man Husten und Schnupfen hat, um Urlaub zu machen oder um zu lernen, interessiert niemanden. Wer ohne triftigen Grund mehr Tage fehlt, muss möglicherweise alles wiederholen.

Zwischen dem Ende des Praktischen Jahres und der nun für Frühjahr 2021 geplanten Prüfung liegen 45 Tage. Das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen schreibt auf seiner Website, wir könnten die 30 Fehltage doch zum Lernen nutzen und zum Beispiel 20 Tage ans Ende unseres Arbeitsjahres legen, dann hätten wir für das verschobene Staatsexamen 65 Tage Vorbereitungszeit. Zum einen sind auch 65 Tage viel zu wenig – alle verfügbaren Lernpläne sind ja auf 100 Tage angelegt. Zum anderen verleitet das dazu, im Krankheitsfall krank zur Arbeit zu gehen, um Fehltage zu vermeiden – und damit würde man ja sogar Patienten gefährden.

"Zeit für Urlaub ist frühestens im Sommer 2021"

Ich habe deshalb eine Mail an das Institut für Prüfungsfragen geschickt, bekam aber nur zur Antwort, ich solle nicht von Eventualitäten ausgehen. Dass man in einem Jahr Krankenhauseinsatz auch mal krank wird, halte ich aber für nicht besonders abwegig. Zumal wir ja jetzt schon keine Zeit zum Erholen hatten: Wir haben den ganzen Winter lang nonstop gelernt, sind jetzt im Praktischen Jahr, müssen danach für das zweite und auch noch das dritte Staatsexamen lernen. Zeit für Urlaub ist dann frühestens im Sommer 2021. Ich weiß nicht, wie wir das überhaupt durchstehen sollen."

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