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Job-Kommunikation in der Coronakrise Ping, Ping – es hört nie auf

Seit der Pandemie ertrinken wir in Nachrichten: Microsoft hat allein im Februar mehr als 40 Milliarden zusätzliche E-Mails und Chatnachrichten gezählt. Auch nach Feierabend wird vermehrt gearbeitet.
Allein im Februar 2021 wurden über Outlook mehr als 40 Milliarden mehr E-Mails verschickt als im Februar des Vorjahres.

Allein im Februar 2021 wurden über Outlook mehr als 40 Milliarden mehr E-Mails verschickt als im Februar des Vorjahres.

Foto: Anya Berkut / iStockphoto / Getty Images

Wir haben Post. Und ein paar Sekunden später schon wieder. Kaum sind alle Nachrichten gelesen, beantwortet oder gelöscht, geht es von vorne los. Schon vor elf Jahren wurde im SPIEGEL das Ende der E-Mail gefordert. Doch ein Ende ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Die Coronapandemie hat dem Kommunikationsmittel aus den Achtzigerjahren noch einmal einen Schub gegeben. Im Februar 2021 wurden weltweit sagenhafte 40,6 Milliarden E-Mails mehr versendet als im Februar des Vorjahres – und das allein über Outlook, das E-Mailprogramm von Microsoft, an gewerbliche Microsoft-Kunden und Bildungseinrichtungen.

Der Technologiekonzern hat für einen »Work Trend Index« die Nutzung von beliebten Anwendungen wie Outlook und Teams ausgewertet, »unter dem strengen Schutz aller personen- und unternehmensbezogenen Daten«, wie der Konzern versichert. Microsoft hatte sich erst vor wenigen Monaten hierzulande heftige Kritik von Gewerkschaften und Datenschützern eingehandelt, weil das neue Office-Paket Microsoft 365 unter anderem aufzeichnen kann, wann und wie viele E-Mails die Angestellten an welchen Tagen verschicken und wie oft und wie lang sie über Teams miteinander sprechen oder chatten.

So kritisch der mögliche Einsatz der Software als Überwachungs-Tool gesehen werden muss, so interessant ist der Schlüssellochblick, den die anonymisierten Daten bieten. Denn sie beweisen, was derzeit viele fühlen: Die Coronapandemie hat den Arbeitsalltag deutlich stressiger gemacht.

  • Microsoft-Nutzer auf der ganzen Welt haben im Februar 2021 zweieinhalb Mal so viel Zeit in Online-Meetings verbracht wie im Februar 2020

  • Auf der Kommunikationssoftware Teams dauert das durchschnittliche Meeting derzeit 45 Minuten und ist damit zehn Minuten länger als noch vor einem Jahr

  • Die Zahl der Chatnachrichten, die ein durchschnittlicher Teams-Nutzer pro Woche verschickt, stieg im Vergleich von Februar 2020 zu Februar 2021 um 45 Prozent

  • Die Zahl der Chatnachrichten, die nach 17 Uhr verschickt wurden, stieg in diesem Zeitraum um 42 Prozent

Auf Chatnachrichten wird innerhalb von fünf Minuten geantwortet

Jeder zweite Teams-Nutzer antworte innerhalb von fünf Minuten auf eine Chatnachricht, so Microsoft, und dieser Wert habe sich seit Jahren nicht verändert. »Das beweist, dass die Intensität unserer Arbeitstage und die Anforderungen an die Mitarbeiter deutlich gestiegen sind«, heißt es in dem Report, der dem SPIEGEL vorab vorlag.

Interessanterweise ist die Zahl derer, die auf Teams Chatnachrichten in eigens eingerichteten Kanälen posten, zwischen April 2020 und Februar 2021 um fünf Prozent zurückgegangen. Dafür stieg die Zahl derjenigen, die Chats in Kleingruppen oder an einzelne Kollegen posteten. Microsoft folgert daraus, dass die Verlagerung der Arbeit ins Homeoffice unsere Netzwerke habe schrumpfen lassen. Hinweise darauf gebe es auch in der Nutzung von Outlook: »Unsere Analyse zeigt, dass wir uns im Lockdown an unsere unmittelbaren Teams klammern und unser breiteres Netzwerk vernachlässigen. Vereinfacht ausgedrückt: Die Unternehmen sind nun stärker isoliert, als sie es vor der Pandemie waren«, heißt es dazu im Microsoft-Report. In Ländern wie Neuseeland, in denen die Coronaregeln inzwischen deutlich lockerer geworden sind, sehe man, dass die Kommunikation mit Menschen außerhalb des engsten Kreises wieder zunehme.

Jeder Sechste hat schon vor Kollegen geweint

Begleitend zur Auswertung der Softwarenutzung ließ Microsoft im Januar 2021 weltweit mehr als 31.000 Vollzeitangestellte und Selbstständige befragen. Die wichtigsten Punkte dieser Befragung:

  • 42 Prozent der Interviewten sagten, sie würden nach einem Jahr im Homeoffice noch immer wichtige Büroausstattung vermissen. Nur knapp jeder Zweite gab an, von seinem Arbeitgeber bei der Ausstattung des Homeoffice unterstützt worden zu sein. Und jeder Zehnte hatte zu Hause noch nicht mal stabiles Internet

  • Von den Befragten, die eine Führungsposition haben, sagten 61 Prozent, dass es ihnen im Moment »gut geht«. Von den Befragten ohne Führungsposition sagten dies nur 38 Prozent. Und 37 Prozent gaben an, ihr Arbeitgeber verlange zu viel von ihnen. »Führungskräfte haben den Kontakt zu den Mitarbeitenden verloren und brauchen einen Weckruf«, heißt es dazu im Report

  • Weltweit gaben vier von zehn Befragten an, darüber nachzudenken, in diesem Jahr den Arbeitgeber zu wechseln

  • 36 Prozent der in Europa Befragten sagten, sie könnten sich nun, wo sie ohnehin aus dem Homeoffice arbeiten, auch einen Umzug vorstellen. Im internationalen Vergleich ist dieser Wert eher niedrig: Weltweit sagte knapp jeder Zweite, er oder sie wolle das ortsunabhängige Arbeiten nun für einen Umzug nutzen

  • Jeder sechste Befragte gab an, seit Beginn der Coronapandemie schon vor Kollegen geweint zu haben

  • Das empfundene Stresslevel ist in Europa besonders hoch: Von den europäischen Befragten gaben 46 Prozent an, sich an einem durchschnittlichen Arbeitstag gestresst zu fühlen, 42 Prozent sprachen sogar von Erschöpfung

»Wir brauchen eine neue Definition von Produktivität«, sagte Jared Spataro, der Microsoft 365 verantwortet, bei der Vorstellung der Ergebnisse im Videochat. »Vielerorts gilt die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden noch immer als Indikator dafür, wie produktiv ein Team ist. Damit behandelt man Arbeitnehmer aber wie Roboter.« Zielführender sei es, die Performance zu betrachten, also das Ergebnis der geleisteten Arbeit. »Das ist wie bei Spitzensportlern: Das beste Ergebnis erzielt man nur, wenn sich stressige Zeiten und Erholungsphasen abwechseln.«

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