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Supermarkt-Wachmänner "Es gibt immer welche, die keine Rücksicht nehmen"

Ingo Mertens leitet ein Sicherheitsunternehmen. Früher gingen seine Wachleute mit Bands wie Queen auf Welttournee. In Zeiten von Corona stehen sie nun vor Supermärkten.
In Supermärkten gelten in Zeiten von Corona klare Regeln

In Supermärkten gelten in Zeiten von Corona klare Regeln

Foto: Action Pictures/ imago images

"Eigentlich ist unser Unternehmen auf Crowd-Management spezialisiert. Wir entwerfen Sicherheitskonzepte, damit Großveranstaltungen wie Konzerte nicht aus dem Ruder laufen. Früher sind wir mit Queen auf Tour gegangen, bis heute begleiten wir beispielsweise The Cure, Depeche Mode, Udo Lindenberg oder Herbert Grönemeyer.

80 Festangestellte sind für uns im Einsatz, hinzu kommen 440 Mitarbeiter als 450-Euro-Kräfte. In den vergangenen Jahren haben wir jährlich zwischen 1600 und 1800 Veranstaltungen begleitet. Jetzt stehen einige unserer Mitarbeiter täglich vor 15 Rewe-Supermärkten, um den Ein- und Ausgang zu regeln und um Kassiererinnen und Kassierer zu unterstützen.

Toilettenpapier-Gangs und dreiste Kunden

Mittlerweile haben viele Geschäfte Schilder aufgehängt, um Toilettenpapier oder Mehl zu rationieren. Von der Marktleitung haben wir erfahren, dass Gangs herumfahren und massenhaft Toilettenpapier aufkaufen. Anschließend verkaufen sie es weiter. Viele Verkäuferinnen und Verkäufer sind damit überfordert, denn von einigen Kunden werden sie beschimpft oder sogar bespuckt. Unsere Aufgabe ist es, darauf hinzuweisen, dass sich die Menschen an die Vorgaben halten müssen. Bisher funktioniert das gut: Niemand musste Hausverbot bekommen, Handgreiflichkeiten hat es auch noch keine gegeben.

Heldinnen und Helden des Corona-Alltags

In der aktuellen Zeit braucht es Leute, die im Großen und im Kleinen mit anpacken, damit unsere Gesellschaft weiter funktioniert - sei es durch ihr berufliches oder privates Engagement. Wir stellen vor: Die Heldinnen und Helden des Corona-Alltags.

Bei anderen Vorgaben läuft es manchmal noch nicht so wie erhofft: Je nach Größe des Supermarkts darf sich aktuell immer nur eine gewisse Anzahl an Menschen darin aufhalten. Damit wir wissen, wie viele im Laden sind, haben wir auch die Zahl der Einkaufswagen und -körbe reduziert. Unsere Kunden bitten wir dann, bei jedem Einkauf eins von beiden zu nutzen. Sind alle belegt, müssen sie draußen warten.

Einkaufswagen für den Sicherheitsabstand

Manche haben für diese Einlassbegrenzungen Verständnis, andere ignorieren sie, schmeißen die Körbe auf den Boden, werden beleidigend oder fangen an zu diskutieren: Ich will aber nur Brötchen holen, ich will den Korb nicht anfassen. In einigen Geschäften gibt es bereits Handschuhe und Desinfektionsmittel, um sie zu reinigen. Das muss sich gerade noch einspielen, aber manche Kunden haben für die Situation kein Verständnis. Kleben wir Pfeile auf, dass man rechtsherum gehen soll, gehen sie linksherum.

Erst vor einigen Tagen hat sich ein junger Mann geweigert, einen Korb zu nehmen - und wurde beleidigend: Möchtegern-Security, sagte er, der Mitarbeiter könne froh sein, dass er überhaupt einen Job habe. Weil der konterte, schrieb der Kunde noch am gleichen Tag eine Beschwerde-E-Mail an die Filialleitung.

Es hat keinen Zweck wegen solcher Leute Stress anzufangen. Wenn man als Sicherheitskraft allerdings jeden Tag die Wut und Unzufriedenheit einzelner Kunden abbekommt, kann ich verstehen, dass es irgendwann reicht. Zum Glück ist nicht jeder so. Die meisten Kunden halten sich an das, was wir sagen, und wünschen uns, dass wir gesund bleiben. Bisher war auch noch kein Geschäft überfüllt, sodass jemand draußen warten musste.

So wenig Angst wie möglich

Damit unsere Mitarbeiter vor Corona geschützt bleiben, waschen sie sich regelmäßig ihre Hände, ziehen Schutzhandschuhe an, halten Abstand - das funktioniert auch im Alltag. Einen Mundschutz tragen sie allerdings nicht, denn wir wollen nicht den Eindruck erwecken, dass sie selbst infiziert sind.

Wir versuchen, unseren Kunden so wenig Angst wie möglich zu machen. Im Gegensatz zu anderen Supermärkten verzichten wir beispielsweise auf Gitter vor dem Geschäft, das sieht so martialisch aus - stattdessen setzen wir Absperrbänder ein, wie am Flughafen. Außerdem stellen wir extra keine 1,90-Meter-Männer mit breiten Schultern und kräftigen Armen vor die Eingänge, sondern ganz normal gebaute Menschen. Wir wollen nicht den Türsteher-Eindruck erwecken, denn hier geht es nur um Information, Leitung und Lenkung. Im Normalfall sollen unsere Sicherheitskräfte nicht körperlich eingreifen, sondern die Kunden auf die Vorschriften hinweisen.

Auf den Ernstfall vorbereitet

Momentan lernen wir jeden Tag dazu, das müssen wir auch. Denn wir können nicht stur auf bestimmte Arbeitszeiten bestehen, wenn kaum Kunden in den Läden sind und wir nicht gebraucht werden. Von manchen hören wir, dass einige unserer Maßnahmen übertrieben seien. Sollten Medien jetzt allerdings melden, dass es bald keine Milch mehr gebe, rennen uns die Leute die Supermärkte ein. Auf diesen Ernstfall sind wir vorbereitet.

Außerdem machen wir die Erfahrung: Supermarktkunden unterscheiden sich nicht so sehr von Konzertbesuchern. Denn sowohl auf Konzerten als auch bei Hamsterkäufen gibt es immer welche, die sich selbst am nächsten sind, die keine Rücksicht nehmen. Manche bedanken sich, andere reißen das Flatterband durch oder steigen darüber. Egal, welche Sicherheitskonzepte wir uns überlegen - es wird immer welche geben, die sich nicht daran halten. Das können wir auch als Sicherheitsunternehmen nicht verhindern."

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