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Nach massiver Kritik Krankschreibung per Telefon nun doch weiter möglich

Eigentlich sollte die Sonderregelung gekippt werden. Doch nach massiver Kritik von Ärzten, Gewerkschaften und Verbraucherschützern können Arbeitnehmer sich weiterhin telefonisch krankmelden.
Foto: Guido Mieth/ Digital Vision/ Getty Images

Von Ärzteverbänden, Gesundheitspolitikern und Verbraucherschützern hagelte es Kritik: Eigentlich wollte der gemeinsame Bundesausschuss im Gesundheitswesen (G-BA) die seit einem Monat geltende Regelung kippen, dass Arbeitnehmer sich in der Coronakrise telefonisch krankschreiben lassen können, wenn sie erkältet sind. Am vergangenen Freitag hatte das Gremium schon beschlossen, sie nicht mehr zu verlängern - gegen die Stimmen von Medizinern und Krankenhäusern. Arbeitgeber hatten die Entscheidung dagegen begrüßt. Im G-BA sind die Kassenärztliche und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen vertreten.

Der Krankheitsverlauf bei Covid-19

Das Robert Koch-Institut hat die Parameter eines typischen Krankheitsverlauf  mit Daten aus China, insbesondere aus der Stadt Shenzhen berechnet. Es handelt sich um Mittelwerte über viele Patienten. Nach der Infektion beginnen die Symptome ab Tag 5. Schwere Fälle sind ab Tag 8 im Krankenhaus und ein, zwei Tage später auf der Intensivstation. Im schlimmsten Fall sterben Patienten nach zehn Tagen auf der Intensivstation. Dann liegen zwischen Infektion und Tod im Mittel zehn Tage. Ein Test wird üblicherweise frühestens einige Tage nach Einsetzen der Symptome durchgeführt, spätestens bei der Einweisung ins Krankenhaus. Wegen Wartezeit auf einen Test, der vom Labor benötigten Zeit und der Zeit bis zur Erfassung eines Infizierten in der offiziellen Statistik liegen zwischen Infektion und Testergebnis acht bis zehn Tage. Zehn Tage vergehen auch zwischen Test und Tod eines Covid-19-Patienten.

Jetzt rudert das Gremium zurück: Der Vorsitzende des G-BA, Josef Hecken, teilte nun mit, der Ausschuss werde sich im Laufe des Tages erneut mit dem Thema befassen und mit "hoher Wahrscheinlichkeit" eine Verlängerung der Regelung bis zum 4. Mai 2020 beschließen. Ärzte könnten "im Vorgriff auf diese Entscheidung" weiterhin aufgrund telefonischer Anamnese Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen. "Alle Verantwortlichen müssen derzeit tagesaktuell und auf unsicherer Erkenntnislage neu abwägen und entscheiden, wie eine schrittweise Herstellung des regulären Medizinbetriebes unter Wahrung des gebotenen Infektionsschutzes möglich ist", sagte Hecken. Wer sich beim Arzt krankmeldet, kann allerdings zunächst nur eine Woche lang arbeitsunfähig geschrieben werden; die Krankschreibung kann aber "bei fortdauernder Erkrankung" auch telefonisch einmal verlängert werden.

Grundsätzlich ist es nicht möglich, eine Krankschreibung zu bekommen, ohne bei einem Arzt vorzusprechen. Mit der Sonderregelung, die am 20. März in Kraft trat, sollten aber Ärzte entlastet und die weitere Verbreitung des Coronavirus eingedämmt werden - Leute mit leichten Atemwegsbeschwerden sollten so aus Arztpraxen und Krankenhäusern ferngehalten werden. Dass der Ausschuss die Regelung jetzt wieder kippen wollte, sorgte bei der Ärzteschaft für Empörung: "Das ist unverantwortlich. Diese Patienten könnten eine harmlose Erkältung haben, aber auch an Covid-19 erkrankt sein und damit Ärzte, Praxispersonal sowie andere Patienten mit teilweise schweren Erkrankungen anstecken", sagte etwa der Vorsitzende der freien Ärzteschaft (FÄ) Wieland Dietrich. "Es ist empörend, wie der dringend gebotene ärztliche Sachverstand hier missachtet wird."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hatte gefordert, die Telefonregelung bis mindestens Ende Juni weiter gelten zu lassen. "Jetzt zu beschließen, sich bei Atemwegsbeschwerden nicht mehr telefonisch krankschreiben zu lassen, zeugt von wenig Realitätssinn des G-BA und tiefem Misstrauen gegenüber den Beschäftigten", hatte Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach am Sonntag gesagt. Auch Gesundheitsexperten unter anderen von CSU, SPD und Grünen hatten Unverständnis gegenüber dem Plan gezeigt, die Regelung zu kippen.

mh/dpa
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