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19. Juni 2013, 06:11 Uhr

Crowdfunding

Die Chefs, das sind wir alle

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Espresso aus der Mikrowelle oder Hartz-IV-Möbel - die Zahl der Crowdfunding-Projekte wächst. Wer seine Idee vom Schwarm finanzieren lassen will, muss Kontrolle abgeben. Doch das ist gut für das neue Produkt.

Es hätte alles so einfach laufen können mit Christoph Meyls Espresso-Gerät. Überraschende Idee, schickes Produkt, tolles Erklärvideo - Espresso aus der Mikrowelle. Aber die 250.000 Euro, die der Münchner Ingenieur auf der deutschen Crowdfunding-Plattform "Startnext" Mitte Januar 2013 gefordert hatte, waren der Crowd dann wohl doch zu viel. Gerade einmal 10.000 Euro davon waren drei Monate später zusammen gekommen. Status: nicht geschafft.

Nachdem das Prinzip, sich seine Ideen von der Masse bezahlen zu lassen, in den USA schon seit 2007 verbreitet ist, hat sich diese Form der Finanzierung längst auch in Deutschland etabliert, mit Plattformen wie "Seedmatch", "Startnext", "Krautreporter" nur für journalistische Ideen oder "Indiegogo". Umso wichtiger, dass klar wird, worum es in einem Projekt geht, damit die angepeilte Finanzierungssumme auch erreicht wird. Es gibt schließlich jede Menge Konkurrenz.

Laut "Crowdfunding-Monitor" stieg die Anzahl der erfolgreichen Projekte in Deutschland zwischen 2011 und 2012 um 190 Prozent. Allein bei "Startnext" haben seit der Gründung 2010 knapp 70.000 Finanziers Unterstützergelder von insgesamt vier Millionen Euro gezahlt - allein drei Millionen Euro im vergangenen Jahr. Die Erfolgsquote liegt bei 51 Prozent. Und Meyls Espressomacher "Piamo" gehörte eben zu den restlichen 49.

"Die Leute sollen gespannt sein und voller Vorfreude"

Einer der Gründe, warum Meyl für seine Erfindung auf diese Weise Mikroinvestoren suchte, war simple Marktforschung. "Wir wollten beweisen, dass es einen Markt dafür gibt", sagt er. Die Zahlen auf "Startnext" sprechen auf den ersten Blick eine andere Sprache. Trotzdem ist das Projekt für ihn nicht gestorben: Erste potentielle Partner haben sich bei ihm gemeldet.

Dass es auf "Startnext" nicht geklappt hat, lag unter anderem an der Diskrepanz zwischen Zielsumme und Unterstützerkreis: "Meine größte Lehre war, dass man seine sozialen Netzwerke aktivieren sollte, lange bevor das Projekt auf der Plattform startet", sagt Meyl. "Die Leute sollen ja gespannt sein und voller Vorfreude, dass es bald losgeht."

Die passende Summe für die Idee, ein großes Netzwerk aus Followern, das über Social-Media-Kanäle oder andere Medien mobilisiert werden kann, und eine gelungene Dramaturgie, um die Fans bei der Stange zu halten: Alles Aspekte, die für Denis Bartelt elementar sind, damit ein Crowdfunding-Projekt auch gut läuft.

Bartelt ist Mit-Gründer von "Startnext", von Anfang an gab's auf der sonst kostenlosen Seite eigene Beratungsmodule gegen Honorar. Wenn soziales Netzwerk und Zielsumme nicht zusammen passen, raten die "Startnext2-Experten laut Bartelt auch mal ab; zehn bis 15 Prozent der Ideen kommen gar nicht erst an den Start. Ob man sich das Coaching leisten will, liegt sicher mit am Projektbudget: Wer nur 1000 Euro von den Fans haben will, wird kaum 107 davon in ein Coaching stecken.

Je mehr Dynamik, desto besser

In den meisten Fällen, so die Erfahrung von "Startnext"-Gründer Bartelt, nimmt ein Projekt erneut Fahrt auf, wenn drei Viertel der Finanzierungsphase verstrichen sind. Sein Tipp: gezielt weitere Gegenleistungen freischalten, neue Infos veröffentlichen, Events ankündigen. Je mehr Dynamik, desto besser, dann klappt's vielleicht auch mit der Überfinanzierung.

Mit am wichtigsten ist Bartelt zufolge aber, dass die Idee zum Finanzierungsmedium passt: "Man sollte auch bereit sein, das Projekt mit der Crowd zusammen weiter zu erarbeiten." Die Anregungen, die dann von außen kommen, darf man nicht als Kontrollverlust missverstehen. "Crowdsourcing ist entscheidend. Aber die wenigsten Projekte haben das bislang voll ausgeschöpft", sagt Bartelt. Die Finanziers wollen mitreden, sie wollen Teil des Produkts werden. "Der Funke muss überspringen", sagt Bartelt. Wenn die Crowd begeistert ist, tragen sie das Projekt als Multiplikatoren weiter, das Ding wird viral - ein Marketingeffekt, von dem viele Unternehmer nur träumen.

Etwa mit dem perfekten Namen: "Hartz-IV-Möbel-Buch" ist einer davon. Die Idee erklärt sich von allein. Van Bo Le-Mentzel hat das Prinzip Crowdfunding so gut verstanden, dass er neben dem Buch für billige Möbel zum Selberbauen mittlerweile noch zwei andere Projekte realisieren konnte, weitere sind schon in der Pipeline. "Es darf nicht nur um die Summe gehen", sagt er, "es geht um Geschichten." Crowdfunding ist für ihn auch eine Mentalitätsfrage, denn "es ist leichter, zwei, drei Bank-Leute zu überzeugen als 50 bis 1000 in der Crowd".

"Die Crowd ist intelligenter als du selbst"

Er empfiehlt, die Fans nicht nur als Finanziers, sondern als Mitarbeiter, Thinktank und Journalisten zu begreifen - ihre Schwarmintelligenz-Expertise sei unschätzbar: "Die Crowd ist intelligenter als du selbst." Wer einmal verstanden habe, dass diese Unterstützer mit ihrem kostenlosen Input das Produkt weiterentwickeln, brauche auch weniger Budget. Dass die Idee am Ende anders aussieht als am Anfang, gehört bei dieser Finanzierungsart dazu.

Und dass man für seine Investition auch etwas bekommt: Standard ist natürlich das Produkt, das man mitfinanziert, je nach Summe auch noch andere Dinge, von Workshops bis zum simplen "Danke" ist alles dabei. "Crowdfunding ist letztlich nur ein pompöser Name für einen Abo-Service", sagt die US-amerikanische Journalistin Ann Friedman.

Zumindest, wenn das Projekt zu etwas so Handfestem führt wie das Magazin "Tomorrow", das sie via "Kickstarter"-Plattform zusammen mit sieben Kollegen herausbrachte. "Unsere Erfahrung war: Unsere Unterstützer wollten ganz eindeutig ein gedrucktes Magazin in Händen halten, etwas, das ihnen gehört" - nichts, was am Ende kostenlos für alle online zugänglich ist. Ihrer Meinung nach taugen Crowdfunding-Plattformen vor allem "für den ersten Push", einen Kickstart eben. Dann werden vielleicht Großfinanziers aufmerksam.

Vor zwei Monaten hat der Möbelbauer Van Bo Le-Mentzel wieder was Neues gegründet, ganz ohne Plattform. Sein jüngstes Projekt: die "Crowdbuilding Academy". Er gibt jetzt Workshops, kostenlos. Damit andere lernen können, wie auch sie genug Unterstützer finden. So wie er.

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