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29. August 2013, 13:40 Uhr

Crowdfunding fürs Studium

Gebt uns Geld, wir wollen forschen

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Ein Flugticket, ein WG-Zimmer und ein Laptop, oft reicht das schon für die Forschungsreise. Doch gerade für kleine Projekte lassen sich nur schwer Stipendien ergattern. Wie man trotzdem zu Geld kommt, macht die Gründerszene vor: per Schwarmfinanzierung.

Auf Stipendien können sich Studenten nur bedingt verlassen, das weiß Johann Esau aus eigener Erfahrung. Um ein Praktikum im Jemen zu finanzieren, stellte der Arabistikstudent aus Marburg 2009 einen Antrag beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), drei Monate vor der Reise schickte er ihn los. Der Antrag wurde abgelehnt. Als er schon wieder zurück war, kam noch einmal Post: Weil ein anderes Stipendium geplatzt war, zahlte der DAAD die Reise nun doch. "Das war schön", sagt Esau. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte er das Geld für die Reise längst anders organisieren müssen.

Esau ist inzwischen für seine Masterarbeit in der ägyptischen Hauptstadt Kairo unterwegs. In dem Land, in dem Konfessionslose offiziell nicht existieren, will er mit Atheisten sprechen. Forschung gibt es zu dem Thema kaum, deshalb führt er selbst Interviews. Diesmal ist er die Finanzierung anders angegangen: Das Geld für die Reise hat er über die Crowdfunding-Seite Sciencestarter aufgetrieben.

Unter den zwei Dutzend Spendern sind einige Freunde von ihm, aber auch zum Beispiel der Humanistische Verband Deutschlands. Für seinen größten Spender will Esau einen Vortrag halten. Und als Dankeschön veröffentlicht er seine Arbeit im Internet. Eine Spenderin kommentiert, sie finde das Projekt sehr wichtig: "Atheisten werden zu oft vergessen oder totgeschwiegen."

1290 Euro hat er für seine vierwöchige Reise gesammelt, die er trotz der Unruhen durchzieht. "Im Nachhinein hätte ich auch mehr angeben können", sagt er im Skype-Interview vor der kahlen Wand eines WG-Zimmers in Kairo. Mit dem Betrag komme er aber schon zurecht: "Ich wollte nicht als jemand erscheinen, der das Geld am Ende in ein neues Handy steckt."

Mit einer höheren Zielsumme hätte Esau außerdem riskiert, leer auszugehen. Auf Sciencestarter gilt das Alles-oder-nichts-Prinzip: Wer nach einer bestimmten Zeit nicht die volle angepeilte Spendensumme eintreiben kann, darf nichts davon behalten.

Inspiriert von US-Seiten wie Kickstarter gibt es in Deutschland seit etwa drei Jahren Plattformen, die solche Schwarmfinanzierungen organisieren. Das Prinzip ist meist dasselbe: Wer Geld auftreiben will, stellt ein Werbevideo ins Profil und schreibt darunter, warum es sich lohnt, zu spenden. Besonders beliebt sind Filme und Musikproduktionen. Dass auch Wissenschaftler auf Spenden setzen, ist in Deutschland noch die Ausnahme.

100 Fans spenden 60 Euro

"Jeder Student schreibt eine Masterarbeit. Warum sollen die gerade mir Geld geben?", fragte sich auch Esau. Wer sich aus dem Elfenbeinturm in die Öffentlichkeit wagt, der muss auch damit rechnen, vor allen sichtbar zu scheitern. Manchmal ist selbst eine hohe Zahl von Unterstützern keine Garantie dafür, dass es klappt. Das erleben gerade zwei Doktorandinnen, die den Deutschunterricht in China wissenschaftlich untersuchen wollen. Über 105 Fans haben sie zum Zeitpunkt der Recherche, das ist viel. Gespendet haben die aber nur 90 Euro. Da hilft selbst das Versprechen nicht, dass chinesische Studenten den großzügigsten Sponsoren ein Ständchen singen werden.

"Wir haben vor allem freundliche Antworten bekommen", sagt Johanna Varuzza, 29. Dabei haben sie und ihre Kollegin eigentlich alles richtig gemacht: ein ausführliches Profil erstellt, ein Video produziert, den Link an Freunde und Verwandte geschickt, bei Kulturvereinen und Institutionen angerufen. Woran hakt es also? Vielleicht ist ihr Thema zu spezifisch, vermutet Varuzza. Vielleicht haben ihre Fans nicht so viel Geld. Vielleicht liegt es auch daran, dass die beiden Wissenschaftlerinnen auf der Seite schreiben, dass sie schon die Zusage für ein ziemlich üppiges DAAD-Stipendium haben.

Besonders wichtig seien die ersten Spender, sagt Thorsten Witt von Sciencestarter: "Wenn es schon Unterstützer gibt, ziehen andere eher nach." Bevor ein Projekt auf die Seite geht, wird es von Mitarbeitern gelesen. Ist die Darstellung ansprechend? Die Sprache verständlich? Mit der Gegenkontrolle will Sciencestarter den Spendensammlern helfen, aber auch Pseudowissenschaftler ausschließen. Betrugsfälle seien ihm keine bekannt, sagt Witt, aber es hätten sich auch schon Leute gemeldet, die göttliche Wellen messen wollten.

Eine Mischkalkulation erhöht die Chancen auf Erfolg

Vor allem für kleinere Beträge empfiehlt Witt die Schwarmfinanzierung. Wer eine Reise für weniger als 2000 Euro finanzieren wolle, brauche es oft nicht erst bei einer Einrichtung wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft versuchen, sagt er. Die Fristen seien zu lang, der Aufwand zu groß.

Viel spricht dafür, es über mehrere Kanäle zu versuchen. So wie die sechs Skandinavistikstudenten aus Berlin, die auf der Suche nach der kulturellen Identität Norwegens gerade den westlichen Teil des Landes durchqueren. "Wanderstudenten" nennen sie sich. Unterwegs dokumentieren sie christlich-heidnische Spuren wie alte Inschriften und Kunstwerke. Ein Teil der Gruppe wandert, ein anderer ist mit dem Auto unterwegs, führt Interviews und dreht einen Film über die Recherchen.

Knapp 1000 Euro gibt ihnen eine norwegische Stiftung für die Expedition, auch die Humboldt-Universität zahlt mehrere hundert Euro. Etwa gleichzeitig mit den Förderanträgen starteten die Wanderstudenten ein Projekt auf der Crowdfunding-Seite Inkubato. Die Ansage: Je mehr ihr uns gebt, desto länger können wir wandern. Am Ende kamen 1250 Euro zusammen, ein Viertel mehr als geplant.

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