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06. Juni 2015, 10:43 Uhr

Digitale Minijobs

Dienstantritt zur Schnitzeljagd

Öffnungszeiten checken, Straßenecken fotografieren: Beim Crowdsourcing erledigt man kleine Arbeiten mit dem Smartphone. Ist das ein nettes Zubrot für Studis und Rentner - oder eine Bedrohung für richtige Arbeitsplätze?

Rein in den Supermarkt, mit dem Smartphone ein paar Fotos vom Kühlregal schießen und einen kurzen Text eintippen - fertig. In der schönen, neuen Arbeitswelt der digitalen Ära sehen Gelegenheitsjobs oft so aus. Und krempeln Teile der Arbeitswelt damit um.

Allein in Deutschland gibt es inzwischen Hunderttausende sogenannter Microjobber. Sie fotografieren für Datenbanken Waren und Plakate oder Speisekarten in Restaurants, sie kategorisieren Produkte für Onlinekataloge, bewerten Serviceleistungen und registrieren Öffnungszeiten.

Das passende Oberbegriff heißt "Crowdsourcing", zusammengesetzt aus "Crowd" für Masse und "Outsourcing" für Auslagern. Auch anspruchsvolle Aufgaben, wie die Entwicklung von Produkten und Software, werden so organisiert. Oft sind die Aufgaben zerstückelt in kleine Häppchen und verteilt auf viele Köpfe weltweit, die miteinander um die lukrativsten Jobs konkurrieren.

Für die Auftraggeber kann sich das lohnen: Bei manchen Plattformen können sie sich aus den von Crowdworkern angebotenen Arbeiten die Rosinen herauspicken. Oft spart die Vergabe der Mini-Arbeiten auch Zeit und Geld. Die Lebensmittelkonzerne etwa mussten früher zahllose Außendienstler im ganzen Land umherschicken, um zu prüfen, wie ihre Werbeaktionen bei den Kunden ankommen. Heute arbeitet ein Schwarm von Privatleuten den Außendienstlern zu - von Studenten über Beamte und Hausfrauen bis hin zu Senioren.

Das reicht niemals für den Lebensunterhalt

Aber was bedeutet das für die Arbeitskräfte? Übers Internet klaubt sich eine neue Schicht von Netzarbeitern Kleinstaufträge zusammen und erledigt sie praktisch zu jeder Zeit und von jedem Ort aus - für Honorare, die ein Taschengeld oft nicht übersteigen, wie Dorothea Utzt, Mitbegründerin der Smartphone-App Streetspotr, einräumt.

Im Schnitt etwa drei bis vier Euro verdienen die mittlerweile über 325.000 Mitglieder mit einem Streetspotr-Job. Das Unternehmen stellt dafür eine Gutschrift aus, um die Versteuerung muss sich dann jedes Mitglied selbst kümmern, sagt Utzt.

Dass die Honorare nicht für den Lebensunterhalt ausreichen, liegt auf der Hand. Darum gehe es den Mitgliedern aber nicht, sagt Utzt, viele sähen die Jobs eher sportlich-spielerisch: "Das ist ein bisschen wie Schnitzeljagd."

Die Unternehmerin rechnet fest damit, dass der Markt für solche Vermittlungsdienste künftig weiter wächst. Seit der Gründung 2011 hätten sich die Streetspotr-Umsätze jährlich verdoppelt, konkrete Zahlen nennt Utzt nicht. Noch schreibt das Start-up, das auch die Förderbank KfW als Investor an Bord hat, aber Verluste.

Wildwest-Jobs zu Dumpinpreisen

Die Gewerkschaften sehen in der Crowdwork durchaus Chancen - aber auch viele Risiken. Es gebe auch gut bezahlte Online-Projekte, die sich für Spezialisten lohnen können, sagt Oliver Suchy vom Projekt "Arbeit der Zukunft" beim DGB-Bundesvorstand. Zumal durch das Netz Menschen leichter Zugriff auf Arbeit bekommen können, die vorher keinen Job gefunden haben.

Wer sich aber mit diesen digitalen Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten muss, kann schlecht dran sein: "Das ist teils Wildwest, was die Bedingungen angeht, und oft im Dumping-Bereich, was die Bezahlung angeht. Außerdem verschärft sich der Druck auf die Beschäftigten und Unternehmen in der analogen Arbeitswelt", sagt Suchy.

Seit einiger Zeit arbeiten die Gewerkschaften intensiv an Spielregeln für die neue Arbeitswelt. So haben IG Metall und Ver.di Internetplattformen zum Thema geschaltet, auf denen Crowdwork-Anbieter auch bewertet werden. Die Arbeitnehmervertreter treiben viele Fragen um - allen voran die, ob Crowdworker eigentlich als Selbstständige oder nicht vielmehr als Scheinselbstständige anzusehen sind?

Auch das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erwartet massive Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt durch Digitalisierung und Crowdwork. Bisher seien solche Arbeitsformen noch eine Randerscheinung, doch dürfte die Dynamik zunehmen, erwartet IAB-Direktor Joachim Möller. Die Frage sei dann, wie man im immer grenzenloseren Arbeitsmarkt überhaupt Strukturen schaffen könne, um für eine soziale Absicherung der Menschen zu sorgen.

Christine Schultze, dpa/mamk

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