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Prämie für gesunde Mitarbeiter Das ist so Neunziger

Mit Daimler zahlt nun auch ein großer Konzern Prämien an Mitarbeiter, die sich nicht krankschreiben lassen. Das zeigt, wie schwer sich Unternehmen von den Regeln der alten Arbeitswelt trennen können.
Immer alle da: althergebrachte Präsenzkultur

Immer alle da: althergebrachte Präsenzkultur

Foto: Daimler

Der Krankenstand dürfte nicht das größte Problem der Arbeitgeber in Deutschland sein: Im vergangenen Jahr haben sich nur 45 Prozent der Beschäftigten überhaupt einmal krankgemeldet - und da sind alle jene mitgezählt, die bereits am nächsten Tag wieder zur Arbeit gekommen sind. So niedrig war der Anteil zuletzt vor zehn Jahren, schreibt die DAK-Gesundheit in ihrem neuen Report .

Trotzdem gilt seit Beginn des Jahres bei Daimler eine neue Betriebsvereinbarung. Das Besondere: Wer nie krank ist, bekommt ab diesem Jahr mehr Geld: 50 Euro pro Quartal, das er durchhält, insgesamt 200 Euro im Jahr.

Das Projekt ist umstritten. Für eine Erkrankung kann man nichts, damit ist der Bonus Glückssache. Wenn auch in Stufen: Ein Ausfalltag im Quartal verringert die Zahlung von 50 auf 30 Euro, ab dem zweiten Tag gibt es nichts mehr, nada, nix. So soll Blaumachen weniger reizvoll werden.

Irgendwas muss man doch machen

Eine seltsame Maßnahme angesichts der Faktenlage. Im Mittelstand trifft man solche Prämien öfters an, in Konzernen sind sie die Ausnahme. Allenfalls, dass Gewinnbeteiligungen mit Formeln berechnet werden, in die auch die tatsächlich geleisteten Arbeitstage einfließen.

Irgendwas muss der Chef doch dagegen machen, im Sinne der ehrlichen Mitarbeiter, so lautet oft das Argument: Mitarbeiter, die blaumachen, schaden ja nicht nur dem Arbeitgeber, sondern muten den Kollegen auch noch Mehrarbeit zu.

Doch Arbeitgeber senden damit ein Signal, das aus der Zeit gefallen scheint. Ausgerechnet Daimler, wo man sich in den vergangenen Jahren viel hat einfallen lassen, um die Arbeitswelt im Konzern zu modernisieren: Wer nicht am Fließband steht, darf ins Homeoffice; die Hierarchien wurden eingeebnet, Arbeitszeiten flexibilisiert; und wer will, kann alle Mails, die im Urlaub ankommen, automatisch löschen lassen.

Das passt zum Grundsound vieler Personalverantwortlicher der vergangenen Jahre: Arbeitsorganisation und Management sollten menschlicher werden. Man stehe in Konkurrenz um junge Talente, hieß es, die seien wählerisch und sehnten sich nach einem Arbeitsplatz zum Wohlfühlen.

Aber mit der Gesundheitsprämie signalisieren Arbeitgeber: Liebe Mitarbeiter, es ist wichtig, dass Ihr anwesend seid, koste es, was es wolle. Der Oberbegriff dafür lautet Präsenzkultur. Dazu gehören Überstunden und der tragikomische Mechanismus, dass sich niemand traut, zuerst Feierabend zu machen. Dazu gehören unflexible Arbeitszeiten. Dazu gehören auf keinen Fall Homeoffice-Kollegen und allzu viele Teilzeitkräfte - immer gut, wenn alle da sind.

Eigentlich dachten viele, dass die Präsenzkultur allmählich aus der Mode kommt. Denn oft ist es eher schlecht, wenn alle da sind. Kränkelnde Mitarbeiter, zum Beispiel. Die sind eh nicht leistungsstark und stecken alle anderen an, Stichwort Abteilungsschnupfen. Oder alle, die kaum wissen, wie sie Arbeitszeit und Familie in Einklang bringen sollen.

An der Gesundheitsprämie zeigt sich: Selbst in modernen Unternehmen hält sich das Präsenzdenken teils hartnäckig. Sie ist aber nicht der einzige Beleg:

  • Laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes haben 2015 insgesamt 11,6 Prozent der Erwerbstätigen von zu Hause aus gearbeitet. Der Wert stagniert seit fünf Jahren, liegt nicht mal mehr in der Nähe des Spitzenwerts von 2008. Damals waren es 14,2 Prozent. Von einem Homeoffice-Boom kann keine Rede sein.
  • 23 Prozent aller Beschäftigten arbeiten regelmäßig 45 Stunden pro Woche oder mehr, so eine Umfrage für den DGB . Betrachtet man nur die Vollzeitarbeiter, ist sogar ein Drittel regelmäßig überlang bei der Arbeit.
  • Als wäre das nicht genug, verzichtet jeder dritte Beschäftigte auf Urlaubstage  - und zwar vor allem dort, wo die Arbeitszeit ohnehin schon ausufert.
  • Und schließlich sind 68 Prozent der Beschäftigten 2015 auch schon krank zur Arbeit gegangen. Womit wir wieder bei der Gesundheitsprämie wären. Die Mehrzahl

All die schönen Worte über Wohlfühlarbeitsplätze klingen hohl angesichts dieser Zahlen: Die Präsenzkultur ist weiterhin stark in Deutschland.

Bei Daimler ist die Prämie Teil eines Pakets, das insgesamt der Gesundheit der Belegschaft dienen soll. Mit der gleichen Betriebsvereinbarung wurde auch das Angebot betriebsärztlicher Vorsorgeuntersuchungen ausgebaut. Sicher war das nötig, um die Anwesenheitsprämie beim Betriebsrat durchzusetzen.

Aber auch, wenn man sich die anderen Zahlen aus dem Report der DAK-Gesundheit ansieht, erscheint Vorsorge notwendig: Einen neuen Höchststand unter den Krankheitstagen in Deutschland erreichen psychische Erkrankungen. Das klingt wirklich nicht nach Wohlfühlarbeitsplätzen.