Krankenkassen-Report Kinderlose genauso gestresst wie Eltern 

Berufstätige ohne Kinder haben es leichter als Eltern - so ein gängiges Vorurteil. Eine Untersuchung der DAK belegt nun: Beide Gruppen leiden gleichermaßen unter den Anforderungen von Job und Privatleben.

DPA

Kinder kriegen, Karriere machen, Haus bauen - und das alles innerhalb von zehn Jahren bitte, im Alter von 30 bis 40. Die sogenannte Rushhour des Lebens verlangt Menschen lebensformende Entscheidungen ab, gilt als Phase der Überforderung. Kurz: als Stress pur. Doch ist das wirklich so? Fühlen sich erwerbstätige Eltern mehr im Stress als Kinderlose? Und sind sie folglich auch gesundheitlich eher angeschlagen?

Diese Fragen versucht der neue DAK-Gesundheitsreport zu beantworten. Für diesen wurden die Daten von 2,7 Millionen erwerbstätigen Versicherten ausgewertet sowie rund 3000 Männer und Frauen im Alter von 25 bis 40 Jahren gezielt befragt. Die Ergebnisse überraschen: Erwerbstätige Eltern zählen nicht nur zu der gesündesten Versichertengruppe, sondern mitunter zu der am wenigsten gestressten. Kein Grund zur Entwarnung, meint allerdings die DAK und fordert mehr Entlastung für Arbeitnehmer mit Kindern.

90 Prozent aller Väter und mehr als ein Drittel aller Mütter arbeiten Vollzeit, also mehr als 37 Stunden pro Woche. Ein weiteres Drittel aller Frauen mit Kind arbeitet mehr als 20 Stunden pro Woche. Doch trotz der Doppelbelastung durch Kind und Karriere verbuchen Versicherte dieser Altersgruppe die wenigsten Krankheitstage. Das trifft vor allem auf die Männer zu. Die 25- bis 34-Jährigen weisen nicht nur weniger Ausfälle wegen Krankheit auf als die älteren Versicherten, sondern auch als Versicherte zwischen 15 und 24 Jahren. Aber auch die Frauen zwischen 25 und 39 Jahren liegen gemessen am Krankenstand weit unter dem Durchschnitt aller Versicherten.

Väter trinken eher Alkohol

Nun schließt diese Auswertung auch Versicherte ohne Kinder ein. Doch auch in einer gezielten Befragung dieser Altersgruppe zum Thema Kinder und Karriere zeigte sich: Junge Eltern sind nicht gestresster als kinderlose Erwerbstätige. Selbst im Vergleich mit Eltern und Kinderlosen, die nicht arbeiten, stachen die voll arbeitstätigen Eltern nicht im Stressempfinden hervor.

Wohl aber schätzen sie das Gleichgewicht zwischen Job und Privatleben als unausgewogener ein. Mehr als 43 Prozent der vollzeitbeschäftigten Mütter beklagten dies, deutlich mehr als unter den Teilzeitjobberinnen. Jede Zweite hat zudem das Gefühl, nicht genug für ihre Kinder da sein zu können. Unter den Halbtagsarbeitenden empfinden das nur knapp ein Drittel so.

Väter in Vollzeitanstellungen geben ähnliche Einschätzungen ab. Sie befürchten zudem deutlich öfter als kinderlose Männer, nicht ausreichend Zeit für sich zu haben sowie ihre Partnerschaft zu vernachlässigen.

Diese Schieflage in der Work-Life-Balance zeigt sich teilweise auch in anderen Bereichen. Junge berufstätige Eltern haben weniger Zeit für Sport und Erholung. Nicht mal die Hälfte aller erwerbstätigen Mütter gibt an, ausreichend auf Auszeiten und genug Schlaf zu achten, unter den Kinderlosen finden sich mehr als 60 Prozent Ausgeschlafene. Nicht mal jede fünfte sagt von sich, dass sie viel Sport treibt, unter den Kinderlosen sind es fast ein Drittel. Auch ernähren sich Mütter tendenziell weniger gesund. Bei den Vätern, die Vollzeit arbeiten, ergibt sich ein ähnliches Bild. Hinzu kommt bei ihnen jedoch, dass sie eher Alkohol trinken oder rauchen als die kinderlosen Männer.

Der niedrige Krankenstand dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich in diesem Alter erste Ansätze für chronische Krankheiten bilden, mahnt der Vorstandschef der DAK-Gesundheit, Herbert Rebscher. Im Rushhour-Alter befänden sich bereits vier von zehn Beschäftigten wegen Rückenschmerzen in Behandlung. Auch Bluthochdruck, der häufig in Verbindung mit Stress und Bewegungsmangel stehe, sei bei sieben Prozent der jungen Väter bereits ein Thema. "Sollen diese besonders beanspruchten jüngeren Arbeitnehmer bis zum 67. Lebensjahr produktiv bleiben, müssen Arbeitgeber nachhaltiger in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter investieren", fordert er.

Teil- und Gleitzeitangebote könnten demnach die Arbeitssituation für die Eltern angenehmer gestalten. Vor allem Eltern ohne akademische Ausbildung fallen der DAK zufolge bei solchen Angeboten hinten runter, da sie in ihren Berufen seltener flexible Arbeitszeiten haben oder Aufgaben mit nach Hause nehmen könnten.

Solche Angebote könnten für viele Paare zudem die Grundlage dafür sein, sich überhaupt für ein Kind zu entscheiden. Denn mehr als ein Drittel der Frauen und knapp jeder fünfte Mann wünschen sich zwar Kinder und Karriere, haben aber große Zweifel, beides unter einen Hut zu bekommen. "Die Folge ist allerdings, dass viele die Familienplanung aufschieben, bis sie an ihre natürliche Grenze stoßen", sagt Rebscher. Nicht selten bleibe dann ein Kinderwunsch unerfüllt.

Die Eckdaten des DAK Gesundheitsreports 2014
Krankenstand
Corbis
Der Krankenstand stieg im Jahr 2013 leicht an, von 3,8 Prozent auf vier Prozent. An jedem Tag im Jahr waren folglich vier von 100 Erwerbstätigen krank geschrieben.
Häufigkeit der Krankmeldungen
Mehr als jeder zweite erwerbstätige Versicherte meldete sich mindestens einmal im Jahr krank. Auch hier gab es demnach einen leichten Anstieg von 47,9 Prozent im Jahr 2012 auf 50,6 Prozent im vergangenen Jahr.
Dauer der Krankmeldungen
Die Betroffenen waren im Durchschnitt 12 Tage krankgeschrieben, also etwa einen halben Tag kürzer als im Vorjahr.
Erkrankungen
Die meisten Krankheitstage entstanden durch Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems (21,5 Prozent der Arbeitsunfähigkeitstage), Krankheiten des Atmungssystems (17,3 Prozent) und der Psyche (14,6 Prozent).

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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Seite 1
sb_10439_bln 13.02.2014
1. Stress ist Empfindungssache
Zitat von sysopDPABerufstätige ohne Kinder haben es leichter als Eltern - so ein gängiges Vorurteil. Eine Untersuchung der DAK belegt nun: Beide Gruppen leiden gleichermaßen unter den Anforderungen von Job und Privatleben. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/dak-gesundheitsreport-eltern-sind-nicht-im-stress-a-953061.html
Die Definition von Stress ist sehr subjektiv, daher bringt so eine Befragung nichts. Ich arbeite 32 Stunden pro Woche und habe zwei Kinder (7, 1), mein Partner ist oft beruflich unterwegs. Ich muss nach der Arbeit in die Kita/Schule hetzen, Kinder abholen, einkaufen, Hausaufgaben kontrollieren, kochen, den Haushalt schmeißen, eventuell Arzttermine usw. wahrnehmen. Für Sport, Freunde, Freizeit bleibt wenig Zeit. Meine kinderlose Kollegin, die 40 Stunden arbeitet und single ist, beschwert sich oft darüber, dass sie es nie schafft, zur Maniküre zu gehen und fühlt sich gestresst, weil sie nach der Arbeit für sich allein einkaufen und ihre 2-Zimmer-Wohnung aufräumen muss.
jujo 13.02.2014
2. ...
Zitat von sysopDPABerufstätige ohne Kinder haben es leichter als Eltern - so ein gängiges Vorurteil. Eine Untersuchung der DAK belegt nun: Beide Gruppen leiden gleichermaßen unter den Anforderungen von Job und Privatleben. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/dak-gesundheitsreport-eltern-sind-nicht-im-stress-a-953061.html
Keine Ahnung ob das jetzt wissenschaftlich korrekt ist? Für mich habe ich immer unterschieden zwischen positivem und negativem Stress! Familie ist meisten, wenn über haupt, positiver Stress. Beruflich hatte ich öfters negativen Stress, mit Zeitdruck u.s.w. War der Job aber gut erledigt und das Gefühl der Befriedigung stellte sich ein, wandelte sich das negative Gefühl zum positiven. Mein Fazit: es gibt da kein schwarz weiss!
supergrobi123 13.02.2014
3. Genau
Kinderlose sind also genauso gestresst. Und die daraus resultierende Forderung lautet: Mehr Gleit- und Teilzeitmöglichkeiten für Eltern. Ganz logisch. Pfft.
CaptainCow 13.02.2014
4. Text gelesen?
Zitat von sb_10439_blnDie Definition von Stress ist sehr subjektiv, daher bringt so eine Befragung nichts. Ich arbeite 32 Stunden pro Woche und habe zwei Kinder (7, 1), mein Partner ist oft beruflich unterwegs. Ich muss nach der Arbeit in die Kita/Schule hetzen, Kinder abholen, einkaufen, Hausaufgaben kontrollieren, kochen, den Haushalt schmeißen, eventuell Arzttermine usw. wahrnehmen. Für Sport, Freunde, Freizeit bleibt wenig Zeit. Meine kinderlose Kollegin, die 40 Stunden arbeitet und single ist, beschwert sich oft darüber, dass sie es nie schafft, zur Maniküre zu gehen und fühlt sich gestresst, weil sie nach der Arbeit für sich allein einkaufen und ihre 2-Zimmer-Wohnung aufräumen muss.
Gut erkannt, Stress ist Empfindungssache...vielleicht war es deshalb auch eine Befragung zum *Stressempfinden* ? :-)
user124816 13.02.2014
5.
Zitat von sb_10439_blnDie Definition von Stress ist sehr subjektiv, daher bringt so eine Befragung nichts. Ich arbeite 32 Stunden pro Woche und habe zwei Kinder (7, 1), mein Partner ist oft beruflich unterwegs. Ich muss nach der Arbeit in die Kita/Schule hetzen, Kinder abholen, einkaufen, Hausaufgaben kontrollieren, kochen, den Haushalt schmeißen, eventuell Arzttermine usw. wahrnehmen. Für Sport, Freunde, Freizeit bleibt wenig Zeit. Meine kinderlose Kollegin, die 40 Stunden arbeitet und single ist, beschwert sich oft darüber, dass sie es nie schafft, zur Maniküre zu gehen und fühlt sich gestresst, weil sie nach der Arbeit für sich allein einkaufen und ihre 2-Zimmer-Wohnung aufräumen muss.
nicht die definition, sondern die belastung durch den stress ist von person zu person unterschiedlich. möglicherweise wird bei der untersuchung (mal wieder) ursache und wirkung verwechselt - man fragt ob kinderlose weniger stress haben, aber vielleicht ist die wahre frage ob gestresste weniger kinder haben. ich z.b. habe definitiv mit mir genug zu tun, und will keine kinder in die welt setzen… weil ich mir sicher bin das ich mich nicht adäquat um alles kümmern könnte.
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