Psychische Erkrankungen im Job "Die Wirtschaftskrise von 2008 hinterlässt immer noch Spuren"

Drei Mal so viele Arbeitnehmer wie noch vor 20 Jahren fallen heute wegen einer psychischen Erkrankung aus. Sabine Winterstein, Expertin für Gesundheitsmanagement, hält Stress für den wichtigsten Faktor.

Peter Steffen/ DPA

Ein Interview von manager-magazin-Redakteurin


manager-magazin.de: Frau Winterstein, die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme hat sich seit 1997 verdreifacht. Werden tatsächlich mehr Menschen krank - oder ist die Diagnose "psychisch krank" einfach weniger tabuisiert?

Sabine Winterstein: Es gibt erfreulicherweise schon weniger Hemmungen, auch über diese Erkrankungen zu sprechen. Aber sie nehmen auch absolut zu. Denn unsere Arbeitsbedingungen haben sich fundamental verändert. Wenn Stress permanent und dauerhaft ist, kann sich beispielsweise eine Depression entwickeln. Nehmen Sie die Wirtschaftskrise von 2008, die immer noch Spuren hinterlässt: Damals wurden viele Stellen abgebaut, die Arbeit aber blieb und wurde auf weniger Schultern verteilt. Diese Arbeitsverdichtung ist ein wichtiger Stressfaktor.

manager-magazin.de: Ist die Digitalisierung ein Problem?

Winterstein: Sie führt zu Beschleunigung in allen Arbeitsprozessen, die ebenfalls ein Stressor sein kann. Bis vor zehn Jahren schrieb man einen Brief, und bis die Antwort darauf kam, hatte man Zeit für andere Dinge, es entstanden Pausen in der Kommunikation, die es heute nicht mehr gibt. Gleichzeitig hören wir immer wieder, dass die unternehmensinterne Kommunikation trotz aller technischer Möglichkeiten oft sehr schlecht ist. Das ist extrem belastend. Einen wichtigen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Mitarbeiter hat auch die Art der Führung. Die ist oft wenig empathisch.

Zur Person
  • DAK/Wigger
    Sabine Winterstein (56) ist Fachreferentin für betriebliches Gesundheitsmanagement bei der DAK Gesundheit

manager-magazin.de: Was ist da das Hauptproblem?

Winterstein: Das Schlimmste, was Sie als Chef tun können, ist nicht wahrzunehmen, wo die Leute stehen, Signale zu ignorieren. Wenn etwa ein Mitarbeiter sagt: "Ich kann dieses Projekt nicht auch noch übernehmen", und der Chef sagt: "Du musst aber", weil er den Druck von oben einfach nach unten weitergibt. In guten Teams kann man offen reden und auch versuchen, Leute zu entlasten, die sich vielleicht gerade privat in einer schwierigen Situation befinden.

manager-magazin.de: Laut Psychoreport sind deutlich mehr Frauen als Männer betroffen. Woran liegt das?

Winterstein: Frauen sind generell offener, wenn es um die eigene Gesundheit geht, und suchen sich eher Hilfe. Männer sind im Berufsleben oft eher an Strukturen orientiert und daher weniger offen; Frauen haben weniger Probleme damit, ihre persönlichen Themen anzusprechen. Viele Schwierigkeiten haben auch jüngere Leute, die aus einem harmonischen privaten Umfeld in der Berufswelt erstmals mit Konfliktsituationen umgehen müssen, sich Regeln unterwerfen, Leistung zeigen und dabei noch mit unterschiedlichen Altersstufen auseinandersetzen müssen.

manager-magazin.de: Aber laut Studie sind es vor allem die Älteren, die mehr Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen verbuchen.

Winterstein: Das mag mit der sozialen Absicherung zusammenhängen. Wer Ende 50 ist, hat oft weniger Sorge, dass es der Karriere schaden könnte, wenn er oder sie mal eine Weile ausfällt.

manager-magazin.de: Die Krankmeldungen häufen sich vor allem im Gesundheitswesen und in der öffentlichen Verwaltung. Woran liegt das?

Winterstein: Im Gesundheitswesen betrifft das sehr stark die Pflegekräfte, die extreme Belastungen im Berufsalltag haben. An jeder Ecke fehlen Kollegen, aber die Arbeit muss ja trotzdem gemacht werden, und es fehlt an gesellschaftlicher und oft auch an persönlicher Wertschätzung durch Angehörige und Vorgesetzte. In der Verwaltung sind die Kommunikationswege oft nervenaufreibend, auch ist es ein großes Thema von Führungsproblemen.

manager-magazin.de: Wie kann ich als Führungskraft erkennen, ob ein Mitarbeiter Hilfe braucht?

Winterstein: Oft gibt es Symptome, die man auch ohne medizinischen Hintergrund mit mehr Achtsamkeit erkennen kann, das kann man auch in Schulungen lernen. Wenn Menschen immer fahriger werden, viele Fehler machen, sehr oft nachfragen müssen und sich kleinere Fehlzeiten häufen, kann so etwas ein Indiz sein.

manager-magazin.de: Was sollte ich dann tun?

Winterstein: Wenn Sie das wahrnehmen, sollten Sie es in einem vertrauensvollen Gespräch ansprechen. Bitten Sie den Mitarbeiter zu einem Termin, kochen Sie Kaffee, sorgen Sie für eine gute Atmosphäre und sagen Sie: Ich habe das und das wahrgenommen. Kann ich dich unterstützen? Wichtig ist: Kommen Sie nicht mit Grundannahmen, sondern hören Sie erst einmal zu - und verabreden Sie zum Schluss des Gesprächs, was man als Nächstes tut, um bessere Bedingungen zu schaffen.

manager-magazin.de: Und als Betroffener?

Winterstein: Gehen Sie zum Arzt, wenn Sie Probleme haben. Seien Sie dort ganz offen. Wenn Sie die Hälfte zurückhalten, kann kein Arzt eine gute Diagnose stellen. Rufen Sie dann die Krankenkasse an. Denn Therapieplätze sind zwar rar, aber oft können wir in einer Übergangsphase trotzdem helfen oder etwas möglich machen.

manager-magazin.de: Sollte ich meinem Vorgesetzten erzählen, was mit mir los ist, wenn ich eine psychische Erkrankung habe?

Winterstein: Das würde ich abhängig von der Unternehmenskultur machen. Wenn es im Unternehmen eine gute, positive Gemeinschaft gibt, dann ja. Sonst würde ich mir das doch sehr überlegen, weil man schnell stigmatisiert wird. Manchmal ist ja auch der Vorgesetzte Teil des Problems. Dann kann man eher über die Personalvertretung oder den Betriebsrat nach Lösungen suchen.

manager-magazin.de: Wie sollte man mit betroffenen Kollegen umgehen?

Winterstein: Wenn der Kollege sich Ihnen anvertraut, geben Sie auf keinen Fall gute Ratschläge. Hören Sie einfach erst einmal zu. Zeigen Sie Verständnis - aber sagen Sie im Zweifel auch, wo Sie nicht helfen können, und verweisen Sie auf professionelle Hilfsangebote.

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insgesamt 11 Beiträge
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freigeistiger 29.07.2019
1. Ein Teil ist richtig, ein Teil, was man üblicherweise so sagt
Grundwichtig ist, genügend positiven Ausgleich zu haben. Als Antidot für die anderen psychischen Belastungen. Intelligente, Gebildete und Emphatische haben ein höheres Risiko depressiv zu werden. Stärke ausstrahlen, eine gewisse Aggression mit Konfliktbereitschaft und eine gewisse Egomanie ist ein Schutz vor Übergrifflichkeiten. Auch davor, Aufgaben aufgehalst zu bekommen. Das ist Stress reduzierend und entspannt.
freigeistiger 29.07.2019
2. Relevant: Die Unternehmenskultur
Der entscheidende Faktor ist die Unternehmenskultur und die Atmosphäre in einem Unternehmen. Sie bestimmt, welche Persönlichkeiten als Führungskräfte eingesetzt werden. Dafür müssen die Personalentscheider aber ebenfalls eine gute Persönlichkeit besitzen, um das zu wissen und die Persönlichkeit von Menschen erkennen zu können. Sie müssen auch hinterhältige Störenfriede erkennen können, die öffentlich jovial und sehr umgänglich auftreten. Selbst Fachleute tun sich damit schwer. Wenn jemand Kritik übt ist er eher idealistisch und loyal. Wegen der Kritik werden diese Menschen aber bekämpft. Gute Führungskräfte-Persönlichkeiten erkennen das.
andneu 29.07.2019
3. Ich verstehe nicht den Zusammenhang ...
... zwischen der Bankenkrise 2008 und der Zunahme an Streß bei Arbeitnehmern? Nach neoliberaler Heilslehre steht der Profit und Shareholder-Value über allem. Und das erreicht man auf dem Rücken der Angestellten. Das hätten wir auch alles ohne Bankenkrise 2008. Hier wird ein Zusammenhang konstruiert, den es so (kaum) gibt.
thequickeningishappening 29.07.2019
4. Stress gibt es immer wenn Etwas zu knapp oder Zuviel wird
Die Umbenennung Der Abteilung "Personalwesen" in "Human Resources" muss man sich mal auf Der Zunge zergehen lassen: Die Person wird zum "Rohstoff" (Resource). Durch Outsourcing und 4.0 wird Die Resource "menschliche Arbeitskraft" immer weniger nachgefragt Was verständlicherweise zu Stress führt !
sammilch 29.07.2019
5.
" Das mag mit der sozialen Absicherung zusammenhängen. Wer Ende 50 ist, hat oft weniger Sorge, dass es der Karriere schaden könnte, wenn er oder sie mal eine Weile ausfällt." Wer mit Ende 50 "ausfällt" muss sich generell keine Gedanken mehr um die berufliche Zukunft machen. Denn dann heisst es "negative Gesundheits-und Zukunftsprognose" und auch mit Betriebsrat ist man schlicht raus aus den Job.
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