In Kooperation mit

Job & Karriere

Bernd Slaghuis

Tipps vom Karrierecoach Darf ich meine Kollegen im Stich lassen?

Bernd Slaghuis
Ein Gastbeitrag von Bernd Slaghuis
Ein Gastbeitrag von Bernd Slaghuis
Melanie will nach fast 20 Jahren den Job wechseln – aber sie kommt sich vor wie eine Verräterin, wenn sie das Team jetzt im Stich lässt. Ist es egoistisch, in einer schwierigen Zeit zu gehen?
Foto: Luis Alvarez / Digital Vision / Getty Images

Melanie, 40 Jahre, fragt: »Ich arbeite seit 19 Jahren bei meinem ersten Arbeitgeber, sehe hier jedoch keine Entwicklungsperspektiven mehr. Ich habe mich bereits nach neuen Stellen umgesehen, habe dabei jedoch das Gefühl, dass ich meine Kollegen im Team im Stich lasse, wenn ich gehen würde. Wir verstehen uns super und haben in den letzten Jahren viel gemeinsam durchlebt. Aktuell sieht es bei uns im Unternehmen nicht gut aus, und ich habe Angst, dass das Team ohne mich nicht zurechtkommt. Ist es egoistisch, wenn ich jetzt an mich denke?« 

Zum Autor

Bernd Slaghuis ist Karrierecoach und hat seit 2011 in seinem Kölner Büro  mehr als tausend Angestellte und Führungskräfte bei ihren nächsten Schritten im Beruf begleitet. Er betreibt den Karriere-Blog »Perspektivwechsel«  und ist Autor des Buchs »Besser arbeiten«. Haben Sie eine Frage an den Coach? Dann schreiben Sie eine E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de – Stichwort Bernd Slaghuis 

Liebe Melanie,

dass Ihnen nach so vielen Jahren im Unternehmen die engsten Kollegen ans Herz gewachsen sind, das ist verständlich. Sie haben viel Zeit miteinander verbracht und können auf Erfolge sowie gemeinsam gemeisterte Krisen blicken. Das verbindet und gibt Halt. Gleichzeitig wollen Sie sich weiterentwickeln und verspüren die Lust nach beruflicher Veränderung. Ihr innerer Konflikt ist typisch für viele, die aus eigener Motivation über einen Jobwechsel nachdenken. Denn sie alle müssen hierfür Altes, Liebgewonnenes für etwas Neues, Attraktiveres aufgeben. Dieses Gedankenkarussell wird Sie weiter beschäftigen und auf Dauer belasten. Sie sollten eine Entscheidung treffen – wie auch immer diese ausfällt.  

Was ist Ihnen im Beruf wirklich wichtig?

Ich erlebe in der Karriereberatung viele Angestellte, die lange Zeit in ihren verhassten Jobs durchhalten, jedoch aus schlechtem Gewissen dem Team gegenüber bisher nicht die Reißleine gezogen haben. Sie erzählen mir, dass sie sich seit Jahren perspektivlos langweilen oder maßlos überfordert sind, sich mit ihrem Arbeitgeber nicht mehr identifizieren oder cholerische Chefs in mieser Unternehmenskultur ertragen. »Aber wir im Team verstehen uns doch so gut«, sagen sie mir – oftmals mit einer kämpferisch verbündeten Haltung von »Wir hier unten gegen die da oben«. Viele in ihren Jobs Frustrierte, denen Kollegialität und Zugehörigkeit im Beruf wichtig sind, stecken in diesem Konflikt fest und verharren aus meiner Sicht zu lange darin, ohne etwas zu verändern.  

Also, was ist Ihnen im Beruf in den nächsten Jahren wirklich wichtig? Was benötigen Sie, damit es Ihnen bei einem Arbeitgeber gut geht, Sie motiviert sind und gesund bleiben? Ist das vertraute Teamgefühl wichtiger als die Aussicht auf Weiterentwicklung? Oder werden Sie für einen spannenden neuen Job auf die langjährige Verbundenheit verzichten können? Kollegialität oder Entwicklung – was ist für Sie in Zukunft wichtiger, wenn Sie sich für einen dieser beiden Werte entscheiden müssten?

Neues darf kommen, Menschen können bleiben

Was würden Ihre Kolleginnen und Kollegen wohl antworten und wie würden sie reagieren, wenn Sie ihnen von Ihren Wechselplänen erzählten? Würden sie Sie bitten, Ihren Wunsch nach Entwicklung für das Team aufzugeben? Würden die Kollegen Sie für egoistisch halten oder hätten sie vielmehr Verständnis für Ihre Entscheidung?

Wenn Sie in den letzten Jahren eine gute Beziehungsebene zueinander aufgebaut haben, dann wird Ihr Weggang sicherlich schmerzen, doch die meisten Ihrer Kolleginnen und Kollegen wissen auch, was Ihnen guttut, und werden Ihre Wechselmotivation verstehen. Und wenn es Ihnen wirklich am Herzen liegt, den Kontakt zueinander zu halten, dann können Sie dies auf privater Ebene weiterhin tun. Viele Klienten erzählen mir im Coaching, dass frühere Kollegen zu guten Freunden geworden sind.

Selbstbewusst sein ist nicht egoistisch

Wenn ich mir Ihre Frage noch einmal ansehe, dann habe ich das Gefühl, dass Sie eigentlich bereits eine Entscheidung getroffen haben und sich von mir lediglich die Erlaubnis einholen möchten, dass es in Ordnung ist, das Team für einen Jobwechsel zu verlassen.

Weder ich noch Ihre Kollegen können diese Entscheidung für Sie treffen. Entscheidend ist, dass Sie sich Ihrer selbst bewusst werden. Schaffen Sie auf Basis Ihrer persönlichen Werte und Ziele die nötige Klarheit darüber, was für Sie und in Ihrer Lebenssituation ein guter nächster Schritt im Beruf ist. Sich seiner selbst bewusst zu sein und das eigene Handeln daran auszurichten – ohne anderen gezielt zu schaden, ist nicht egoistisch, sondern gesund.

Mit diesem ehrlichen Selbstbewusstsein werden Sie Ihrem beruflichen und privaten Umfeld in guten Gesprächen die Möglichkeit geben, Ihre Entscheidung nachzuvollziehen. Und falls es doch jemanden geben sollte, der Ihr Denken und Handeln nicht versteht, dann ist ihr oder ihm wahrscheinlich etwas anderes wichtig.