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Fotostrecke: Ausstellung "Schöne schlaue Arbeitswelt"

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Zukunft der Arbeit Hilfskraft + Datenbrille = Facharbeiter

Die Datenbrille Google Glass ist ein Lifestyle-Spielzeug - noch. Ähnliche Geräte könnten bald die Arbeitswelt revolutionieren: Betriebe hoffen auf mehr Produktivität, Fachkräfte fürchten um ihre Jobs.
Von Karen Grass

Links liegen die Holzklötze, rechts sind sie schon zu einer rechteckigen Fläche mit aufgesetzten Pfeilern angeordnet. Nur: Links, das sind die echten Klötze, rechts, das ist eine Einblendung in die Datenbrille des Betrachters. Die Aufgabe: Baue die Figur nach, am Ende soll eine Pyramide dabei herauskommen.

In diesem Fall machen das Besucher der Ausstellung "Schöne schlaue Arbeitswelt", die derzeit in der Deutschen Arbeitsschutzausstellung in Dortmund zu sehen ist. Wenn die Macher der Ausstellung richtig liegen, dann werden in Zukunft sehr viele Arbeitsplätze so funktionieren.

Ein bisschen gewöhnungsbedürftig sind die Geisterbilder bei der Arbeit schon. Nach der ersten Lage Bauklötze legt sich der Reflex, am Display-Bild vorbeizublicken. Geübte Arbeiter mit Datenbrille greifen einfach zu den Steinen, überprüfen dabei schon die gewünschte Position auf der Anzeige und ergänzen ihr Bauwerk.

Alles, wo man mehr als nur eine Schraube anzieht

"Das größte Potenzial der Technologie steckt darin, dass der Arbeitende beide Hände frei hat", erklärt Leonid Poliakov. Sein Unternehmen Ubimax in Bremen entwickelt industrielle Anwendungen für Wearable-Computing-Systeme, also für vernetzte Geräte, die der Nutzer am Körper tragen kann. "Datenbrillen sind für alle vordefinierten Prozesse interessant, bei denen man mehr als nur eine Schraube festziehen muss."

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Logistiker im Lager, Kfz-Mechaniker, Laboranten, sie alle könnten davon profitieren, wenn sie nicht für jede Information herumlaufen oder sich Anweisungen von außen holen müssen. "Die Brille zeigt alle Informationen an, die der Nutzer gerade braucht: Wo er hingreifen muss, welche Teile in welcher Ausfertigung benötigt werden, wo sie abgelegt oder wie sie zusammengebaut werden", beschreibt Poliakov.

Noch beschnuppern die meisten Unternehmen solche Systeme in Pilotprojekten, das Interesse hat zugenommen, seit Google Glass in den Medien präsent ist. Daimler testet die Technik derzeit, der Onlinehändler Amazon hat schon angefragt.

Brille auf und sofort loslegen

Die Verlockung für Unternehmen ist groß. "Mit einer Datenbrille kann ein neuer Werker nach kurzem Briefing schon die Ergebnisse erzielen, die ein anderer Mitarbeiter mit langjähriger Erfahrung erbringt", wirbt Poliakov. Zudem seien Arbeitnehmer künftig flexibel in vielen Unternehmensbereichen einsetzbar. Und: "Wenn Amazon für das Weihnachtsgeschäft 800 neue Leute einstellt, brauchen die künftig nicht mehr 20 Trainer, sondern können die Smartglass aufsetzen und sofort loslegen", sagt er.

Spätestens da sollte man hellhörig werden: Was bedeutet das für ausgebildete Kräfte, sind die bald ihren Job los? Wie könnte sich die Ausbildung in betroffenen Bereichen selbst verändern? Aber auch: Ist das Mäusekino im Sichtfeld auf Dauer gesund oder ein weiterer Stressfaktor?

Lars Adolph hat die Schau als einer der wissenschaftlichen Leiter der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mit initiiert. Eine einfache Antwort auf solche Fragen mag er nicht geben, aber er ist überzeugt, dass die Datenbrillen kommen. Erste Analysen versprechen Steigerungen der Produktionsleistung von bis zu 30 Prozent, das lässt die Firmen nicht kalt. "Aber die konkreten Probleme der Technik im Arbeitsalltag zeigen sich erst bei genauerem Hinsehen", sagt Arbeitswissenschaftler Adolph.

Der Mensch ist machtlos, wenn die Technik ausfällt

Zwar verspricht Poliakov, dass die Sehleistung nicht eingeschränkt wird und Kopfschmerzen ausbleiben. Aber Datenbrillen eignen sich nicht für jeden Prozess - das merkt auch der Besucher der Arbeitsschutzausstellung schnell. Gehören sechs Bauklötze in die zweite Ebene der Pyramide - oder acht? Wer sich jetzt vertut, produziert Schrott. Prozesse müssen für Datenbrillen grafisch gut darstellbar sein, lange Texte sind ungeeignet. Studien von Adolphs Institut zeigen zudem: Die Brillenträger reagieren bei mehreren parallelen Aufgaben langsamer, haben eine höhere Fehlerquote und sind schneller müde als etwa Kollegen, die bei der Arbeit einen Tablet-Computer benutzen. "Die Datenbrille muss perfekt zur Aufgabe passen, sonst kann die Technologie sogar negative Effekte haben", sagt Adolph. "Das bedenken viele Unternehmen in der ersten Euphorie nicht."

Der Dortmunder Techniksoziologe Johannes Weyer sieht die Entwicklung kritisch. "Der Mensch selbst hat keinen Plan mehr von den übergeordneten Abläufen im System, er führt nur kleinteilige Arbeitsschritte aus - das können natürlich auch ungelernte Arbeitskräfte." Welche Folgen das Streben nach vollkommener Effizienz und Flexibilität hat, zeige sich oft erst, wenn die Technik einmal ausfällt. "Dann müsste der Mensch ein geistiges Lagebild haben und übernehmen."

Wenn sich die Datenbrillen durchsetzen, geht das aber bald nicht mehr: "Dann haben die meisten Werker das nötige Handwerk vielleicht schon verlernt", sagt Weyer.

Foto: privat

Karen Grass (Jahrgang 1990) studiert Journalistik und europäische Kultur- und Wirtschaftswissenschaften in Dortmund und Bochum. Sie arbeitet als freie Journalistin.

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