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Studie zu Dax-Unternehmen während Corona Globales Schlusslicht Deutschland

Im Ausland werden die Vorstände börsennotierter Unternehmen immer weiblicher. Nirgendwo aber sind so wenige Frauen in Führungspositionen wie in Deutschlands Großkonzernen - und ihre Zahl sinkt sogar.
Keines der deutschen Dax-Unternehmen wird von einer Frau geführt

Keines der deutschen Dax-Unternehmen wird von einer Frau geführt

Foto: Kniel Synnatzschke / DEEPOL / plainpicture

Börsennotierte Unternehmen setzen hierzulande an der Spitze wieder lieber auf Thomas, Stefan und Michael als auf weibliche Führungskräfte. Das zeigt eine Studie der deutsch-schwedischen AllBright-Stiftung. Der Frauenanteil bei den 30 Dax-Unternehmen ist demnach im Vergleich zum Vorjahr um 1,9 Prozent gesunken. Er liegt nun bei 12,8 Prozent.  

Die Zahl der Dax-Unternehmen ohne einen weiblichen Part im Vorstand ist laut Studie seit September 2019 von sechs auf elf gestiegen.

USA und Schweden setzen deutlich häufiger auf gemischte Führungsteams

Im Ausland ist die Entwicklung eine andere. In den Vergleichsländern der Studie, USA, Großbritannien, Schweden, Frankreich und Polen, werden während der Coronakrise kontinuierlich vielfältigere Führungsteams aufgebaut. Sie gelten gemeinhin als erfolgreicher.

"In der Krise auf vertraute Männer zu setzen, ist ein kurzsichtiger Reflex, der sich über kurz oder lang rächen wird."

Wiebke Ankersen und Christian Berg, AllBright-Geschäftsführer

In den USA (28,6 Prozent), Schweden (24,9 Prozent) und Großbritannien (24,5 Prozent) ist der Frauenanteil im Topmanagement teils mehr als doppelt so hoch wie bei den Dax-Unternehmen (12,8 Prozent), die im internationalen Vergleich den letzten Platz belegen. Auch in Frankreich (22,2 Prozent) und Polen (15,6 Prozent) sitzen signifikant mehr Frauen in den Vorständen. 

Elf Dax-Konzerne haben keine Frau im Vorstand

Deutschland ist das einzige Land im Vergleich, in dem keiner der 30 größten Konzerne einen Frauenanteil im Vorstand von 30 Prozent erreicht. Deutsches Alleinstellungsmerkmal ist ebenso, dass keines dieser Unternehmen von einer Frau geführt wird. Elf deutsche Dax-Konzerne haben noch immer einen rein männlichen Vorstand. In den USA und Schweden gibt es unter den 30 größten Unternehmen im nationalen Leitindex keine einzige Führungsspitze ohne eine Frau.

Haben 97 Prozent der amerikanischen und 87 Prozent der französischen Großunternehmen mehrere Frauen in der Führungsetage, ist das in Deutschland einzig bei vier Dax-Unternehmen der Fall: Allianz, Daimler, Deutsche Telekom und Fresenius Medical Care. Zwei Dax-Konzerne werden in Kürze erstmals einen immerhin 33-prozentigen Frauenanteil erreichen: die Deutsche Telekom im November 2020 und SAP im Januar 2021.

"Dieser Entwicklungsstand im Topmanagement der deutschen Unternehmen passt nicht zum Selbstverständnis eines fortschrittlichen westlichen Industrielandes. In der Krise auf vertraute Männer zu setzen, ist ein kurzsichtiger Reflex, der sich über kurz oder lang rächen wird", so die AllBright-Geschäftsführer Wiebke Ankersen und Christian Berg. "Die gut ausgebildeten Frauen stehen längst in großer Zahl bereit. Die Unternehmen müssen ihnen nur viel konsequenter Verantwortung übertragen - auch und gerade in der Krise".

In der Bundespolitik ist der Frauenanteil ernüchternd

In der Politik hat die Pandemie das Ungleichgewicht der Geschlechter noch deutlicher gemacht. In der Coronakrise schienen fast alle lauten und maßgeblichen Stimmen, abgesehen der von Kanzlerin Angela Merkel, Männern zu gehören: Spahn, Laschet, Söder, Altmaier, Scholz.

Acht Männer, den Kanzleramtschef nicht mitgerechnet, und sechs Frauen bilden, gemeinsam mit der Kanzlerin, das Bundeskabinett. Der Frauenanteil im Deutschen Bundestag jedoch liegt deutlich niedriger: mit 30,9 Prozent so niedrig wie seit der Wahlperiode 1998 bis 2002 nicht mehr. Auch in den Fraktionen sieht man ein klares Gefälle. Liegt er bei der Linken (53,6 Prozent) und bei den Grünen (58,2 Prozent) bei über der Hälfte, ist man bei AfD (10,9 Prozent) und CDU/CSU (19,9 Prozent) selbst vom Viertel weit entfernt.

"Mit Freiwilligkeit kommen wir einfach nicht weiter, ohne politischen Druck bewegt sich gar nichts."

Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) 

Das Thema Quote, das seit Jahren schwelt, scheint im Bundestag keine große Rolle mehr zu spielen, hört man aus Berlin. Eine gesetzliche Quote für Vorstände gibt es bislang nicht. Ein entsprechender Gesetzentwurf von Bundesfrauenministerin Franziska Giffey und Justizministerin Christine Lambrecht (beide SPD) versandet seit Monaten. In der Union regen sich Widerstände gegen den Vorschlag.

Dem Entwurf zufolge sollen Vorstände großer börsennotierter Unternehmen mit mehr als 2000 Mitarbeitern künftig mit wenigstens einer Frau besetzt sein, wenn sie mehr als drei Mitglieder haben. Das gilt, wenn Neubesetzungen anstehen.

Bundesfrauenministerin Giffey sagte zu dem Gesetzentwurf: "Die Zahlen zeigen erneut das seit Jahren bekannte Dilemma: Mit Freiwilligkeit kommen wir einfach nicht weiter, ohne politischen Druck bewegt sich gar nichts. Umso wichtiger ist, dass wir endlich die Reform des Gesetzes für mehr Frauen in Führungspositionen angehen."

Es ist noch ein weiter Weg zu mehr Weiblichkeit in den Spitzen - in der Politik und in Dax-Unternehmen. 

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