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Businessfotos in der Coronakrise Warum 23.000 Menschen über diese Profilbilder diskutieren

Lauren Griffiths arbeitet bei einem US-Techkonzern - und hat mehr als 700.000 Likes auf LinkedIn bekommen, weil sie ihr Businessfoto durch ein Freizeitbild ersetzt hat. Anruf bei einer Frau, die einen Nerv getroffen hat.
Ein Interview von Verena Töpper
Lauren Griffiths: Links ihr altes Profilbild auf LinkedIn, rechts ihr neues Foto

Lauren Griffiths: Links ihr altes Profilbild auf LinkedIn, rechts ihr neues Foto

Foto: Lauren Griffiths

Lauren Griffiths, 39, arbeitet in der Personalabteilung eines Tech-Konzerns an der Ostküste der USA und seit der Coronakrise im Homeoffice - wo sie zusammen mit ihrem Mann den Alltag mit drei Kindern im Alter von sieben, fünf und zwei Jahren zu meistern versucht. Vor einer Woche änderte sie ihr Profilbild auf LinkedIn  und schrieb dazu diesen Text, den seither mehr als 700.000 Menschen mit "Gefällt mir" markiert haben und zu dem es mehr als 23.000 Kommentare gibt:

"Kürzlich habe ich mir mein LinkedIn-Profilfoto genau angesehen - die Frau, die mich anblickte, hatte frisch gefärbtes und frisiertes Haar, trug einen gebügelten Blazer und zeigte ein Lächeln, das gerade so viele Zähne durchblitzen ließ, dass klar war, dass sie es ernst meint, aber dass sie auch unbeschwert sein kann. Ich erinnere mich noch, wie ich meine 'Power-Pose' einnahm, als mein Mann die Fotos schoss. Wir machten etwa 80 Aufnahmen, bevor wir dieses Bild fanden, das perfekt poliert aussah. Aber so wie auf dem Foto bin ich nicht immer, und schon gar nicht jetzt.

Die heutige Homeoffice-Welt hat die Grenzen zwischen meinem beruflichen und meinem persönlichen Selbst verwischt, und das will ich mit meinem neuen Profilbild zum Ausdruck bringen. Kaum getrocknetes Haar, bequemer Pullover, zerrissene Jeans - leicht zerzaust, weil ich gerade drei Kinder für die Schule fertig gemacht habe - aber lächelnd und bereit für die Arbeit. Ich habe genug über authentische Führung gelesen und miterlebt, um zu wissen, dass es für die Karriere viel nützlicher ist, aufrichtig und verletzlich zu sein, als ein glänzendes Profilbild zu haben."

SPIEGEL: Frau Griffiths, mehr als 23.000 Menschen haben auf LinkedIn den Wechsel Ihres Profilfotos kommentiert. Was ist da los?

Lauren Griffiths: Das ist tatsächlich verrückt, ich kann es selbst kaum glauben. Mein sehr persönlicher Beitrag hat auf einmal ein Eigenleben entwickelt und ist zu einer gesellschaftlichen Diskussion geworden. Eigentlich wollte ich nur meinem Gefühl Ausdruck verleihen, dass das "new normal" anders aussieht als vor der Coronakrise; authentischer, ungeschminkter. Am Anfang der Pandemie haben sich viele in Onlinemeetings dafür entschuldigt, dass sie keine Zeit hatten, sich zurechtzumachen. Dafür muss man sich doch nicht entschuldigen! Und warum sollte ich auf meinem Profilbild anders aussehen als im Onlinemeeting? Hochglanz-Businessfotos passen nicht mehr in die Zeit. Ich habe viele persönliche Nachrichten bekommen, in denen sich Leute bei mir bedanken. Vor allem Mütter scheinen mein Gefühl zu teilen, ich war wohl nur die Erste, die es in Worte gefasst hat.

SPIEGEL: Wie viele Reaktionen bekommen Sie denn sonst auf Ihre Beiträge?

Griffiths: Das war mein erster Post auf LinkedIn! Meine Privatsphäre ist mir sehr wichtig, deshalb meide ich soziale Medien weitgehend. Ich habe auch nicht besonders viele Kontakte auf LinkedIn, und ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich dort eine eigene Stimme finde. Das ist mir offenbar geglückt.

SPIEGEL: Es bedeutet aber auch, dass nun Menschen aus aller Welt Ihr Aussehen kommentieren.

Griffiths: Die meisten Reaktionen sind ja zum Glück positiv. Natürlich gibt es auch Menschen, die sich herablassend äußern, aber da stehe ich drüber. Hass im Netz zu verbreiten, ist einfach nur unprofessionell. Und die Diskussion hat sich auch gewandelt: In den ersten Kommentaren ging es noch um mich, dann haben sich immer mehr Menschen zu Wort gemeldet und überlegt, welche der beiden Personen sie einstellen würden.

SPIEGEL: Auf beiden Fotos sind doch Sie zu sehen.

Griffiths: Ja, das ist das Spannende. Auf beiden Bildern ist dieselbe Frau mit demselben Lebenslauf und denselben Qualifikationen zu sehen - aber einigen Menschen erscheine ich auf dem alten Bild kompetenter als auf dem neuen. Wir schließen oft vom Aussehen einer Person auf ihr Können, ohne uns dessen bewusst zu sein. Mein Beitrag hat den Scheinwerfer darauf gerichtet. Warum sollte jemand einem anderen überlegen sein, nur weil er einen Anzug trägt? Oder weil er oder sie eine andere Hautfarbe hat? Wie jemand aussieht, sagt doch nichts über seine Fähigkeiten aus. Ich finde es großartig, dass mein Beitrag nun eine solche Debatte angestoßen hat.

SPIEGEL: Gerade in der Tech-Branche, die bekannt dafür ist, dass viele im Kapuzenpulli zur Arbeit kommen, könnte man doch erwarten, dass eine solche Debatte gar nicht mehr geführt werden muss.

Griffiths: Im Großen und Ganzen ist die Arbeitsatmosphäre in Tech-Firmen sicherlich schon entspannter als in anderen. Von meinen Kollegen habe ich nur positive Rückmeldungen bekommen. Aber das Thema hat so viele Facetten, da geht es ja auch darum, wie Frauen allgemein wahrgenommen werden, und was es bedeutet, in diesen Zeiten Job und Familie unter einen Hut zu kriegen. Ich habe den Eindruck, dass viele Unternehmen ihre Mitarbeitenden gerade jetzt in der Coronakrise hervorragend unterstützen, und ich hoffe sehr, dass uns diese Flexibilität und der Zusammenhalt, den wir gerade erleben, auch langfristig erhalten bleiben.

SPIEGEL: Wie viele Kommentare zu Ihrem Beitrag haben Sie gelesen?

Griffiths: Am Anfang alle, aber irgendwann wurde es einfach zu viel. Was ich toll finde: Alle, die mich persönlich kennen, haben sich positiv geäußert, und meine Familie ist stolz auf mich.

SPIEGEL: Sind Sie das auch?

Griffiths: Sie meinen, ob ich die Aufmerksamkeit genieße? An die muss ich mich erst noch gewöhnen, die fühlt sich noch immer eigenartig an. Aber ich genieße es, diese Debatte angestoßen zu haben. Wir sind alle unterschiedlich erzogen worden, arbeiten in verschiedenen Branchen und haben verschiedene Ansichten. Ich erwarte gar nicht, dass mir alle zustimmen, für manche mag ein Hochglanzprofilbild noch immer das Richtige sein. Aber ich finde es wichtig, dass wir hinterfragen, welche Erwartungen wir damit verbinden - und welchen Vorurteilen wir aufsitzen. 

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