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29. August 2014, 06:05 Uhr

Denglish-Kolumne

Burnin' Down the White House

Da steckt man das Weiße Haus in Brand, aber niemand findet's lustig: Treffen Briten auf Amerikaner, ist das oft schwierig, sie sprechen eine völlig andere Sprache. Wie soll man als Deutscher da durchblicken? Kolumnist Peter Littger hilft.

1814 brannten britische Soldaten das Weiße Haus in Washington nieder. Zum Jahrestag hat sich die britische Botschaft in Washington gerade eine Aktion erlaubt, die in den USA gar nicht gut ankam: Sie steckte die amerikanische Regierungszentrale wieder an, aber diesmal ein Kuchenmodell. Per Twitter verkündet sie: "Commemorating the 200th anniversary of burning the White House. Only sparklers this time!" Diesmal nur Wunderkerzen.

Die Aufregung, die folgte, zeigt, wie speziell die Beziehungen zwischen den beiden Völkern auch heute sind: Sie sprechen manchmal einfach nicht dieselbe Sprache - vor allem britischer Humor wird in den USA nicht immer verstanden.

Der größte Sprachgraben der Welt stellt auch mich immer wieder vor Probleme: Die Rede ist vom atlantischen Ozean, an dessen westlichem Ende die Vereinigten Staaten liegen und am östlichen die britischen Inseln. Was im Westen ein "Po", ist im Osten eine "Vagina". Und was im Osten eine "Zigarette", ist im Westen eine "Tunte". Die Rede ist von den Worten "fanny" und "fag".

Morgen gebe ich Ihnen einen Ring

Amerikaner und Briten benutzen eine ganze Latte verschiedener Wörter für dieselben Bedeutungen, und zwar nicht nur die zotigen. So heißt der Bürgersteig in den USA "sidewalk" und in Großbritannien "pavement". Den Flugsteig nennen die Briten "air jetty" oder "air bridge", während Amerikaner "jetway" sagen. (Die denglische Bezeichnung "gangway" ist streng genommen übrigens der Gang im Flugzeug.) Andere bekannte Unterschiede sind "pot" und "loo", "bill" und "check", "bird" und "chick" - und so weiter. Lesenswert dazu ist das Buch von Glen Darragh.

Für uns Deutsche ist es wichtig, dass wir in diesem sprachlich-kulturellen Wirrwarr nicht untergehen, weil wir nur die Hälfte kapieren oder selbst Missverständnisse erzeugen.

Für Verwirrung sorgen Amerikaner etwa, weil sie in letzter Zeit immer häufiger die Verneinung "not" auslassen. Früher etwa sagten sie: "I couldn't care less." Der Satz bedeutet: "Es interessiert mich einen Feuchten", während die neue Kurzversion "I could care less" eigentlich ausdrückt, dass es noch etwas feuchter werden könnte. Meinen Kollegen Richard in London regt diese Ungenauigkeit wahnsinnig auf, schon weil sie langsam Einzug in Großbritannien hält.

Unter Sprachwissenschaftlern hält sich übrigens die Annahme, dass die britische Variante des Englischen die neuere ist, weil die Einwanderer aus Europa in Amerika ihr Englisch bewahrten, während es in der alten Heimat weiterentwickelt wurde. Ein bekanntes Beispiel ist der Gebrauch von "gotten" in den USA. Es wurde als Partizip von "to get" (bekommen) vor 200 Jahren in England benutzt und ist dort auf "got" verkürzt worden: "I have gotten" (USA) - "I have got" (UK).

Doch ganz gleich, ob britisches Englisch tatsächlich moderner ist oder nicht, ich finde es oft vielseitiger im Wortschatz, genauso oft aber bemühter im Ausdruck. Nehmen Sie nur britische Sätze wie:

Das alles kann pointiert und zugleich ziemlich affektiert, ja kautzig wirken. Und genau diese Mischung ist es, die Amerikaner an "the Britishers" so schätzen - solange sie nicht gerade am Weißen Haus zündeln. Deshalb überlassen sie ihnen sogar die Moderation ganzer TV-Sendungen. So wie dem britischen Komiker John Oliver, ein ganz besonderer "Englishman in New York". Seine Sendung "Last Week Tonight" sollten Sie sich unbedingt ansehen.

Faule Zähne der Briten

Dass gerade der Austausch von Gehässigkeiten zwischen Briten und Amerikanern eine große Tradition hat, haben nicht nur zwei herausragende Filme gezeigt: "Gosford Park" des Amerikaners Robert Altman über die britische Oberschicht und "American Beauty" des Briten Sam Mendes über die amerikanische Mittelschicht. Auch die abschätzigen Formulierungen "English mouth" (über die faulen Zähne der Briten) und "loudmouth" (über großspurige Amerikaner) bringen es auf den Punkt.

Der Brite Ricky Gervais, Erfinder der Serie "The Office", hat den Briten in der alten Rivalität den wohl größten Punktsieg der vergangenen Jahre eingebracht. Dreimal durfte er die "Golden Globes" moderieren und dabei reihenweise amerikanische Schauspieler beleidigen. Vor allem aber ließ er keinen Zweifel daran, wie gehässig und zur selben Zeit extrem unterhaltsam die Briten sein können.

Damit Sie, liebe Leser, in Zukunft nicht unfreiwillig gehässig und unterhaltsam wirken, möchte ich Ihnen noch zwei Wörter mit auf den Weg geben, die von Briten und Amerikanern unterschiedlich verwendet und verstanden werden:

Zum einen: In britischen Flugzeugen hören Sie die Durchsage: "We will land in a moment." In US-Flugzeugen hören Sie: "We will land momentarily." Briten verulken gerne die amerikanische Version, weil sie klingt wie: "Wir werden jetzt ganz kurz aufsetzen und dann wieder abheben." Richard erkennt auch hierin eine sprachliche Ungenauigkeit der Amerikaner, die unter Kollegen zu Verunsicherungen führen kann: "Mrs Brown will be with you momentarily." (Sie hat nur ganz kurz Zeit, obwohl es bedeuten soll: Sie ist jeden Moment bei Ihnen.)

Wenn Sie zum anderen in den USA auf jemanden sauer sind, sagen Sie: "I am pissed (at…)." Viel positiver die Konnotation in Großbritannien. Gerade am Feierabend sagen da viele: "I am pissed." Und sind dann - sternhagelvoll.

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