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Carmen Michaelis

Tipps von der Karriereberaterin Meine depressive Kollegin überfordert mich

Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Annikas Kollegin leidet unter einer Depression. Die Zusammenarbeit ist schwierig: Die Kollegin weint oft und schafft ihre Arbeit nicht mehr. Annika will ihr helfen, aber stößt zunehmend an ihre Grenzen. Was kann sie tun?
Geht es der Kollegin schlecht, möchte man unterstützen – ohne sich jedoch zu viel aufzubürden

Geht es der Kollegin schlecht, möchte man unterstützen – ohne sich jedoch zu viel aufzubürden

Foto: Niels Blaesi / DER SPIEGEL

Annika, 39 Jahre, Sachbearbeiterin, fragt: »Eine langjährige, immer sehr zuverlässige Kollegin ist vor einigen Monaten an einer Depression erkrankt und ausgefallen. Jetzt ist sie stundenweise zurück. Doch sie ist immer noch nicht die Alte, macht Flüchtigkeitsfehler, vergisst Sachen, fängt mindestens einmal am Tag an zu weinen. Einerseits will ich ihr helfen, sie unterstützen und bügle ihre Fehler so gut es geht aus. Aber das kann ich auf Dauer nicht leisten, ich gehe manchmal schon nicht mehr ans Telefon, wenn sie anruft, aus Angst, dass sie mich jetzt wieder eine halbe Stunde vollheult. Aber ich kann das ja nicht ansprechen, oder?«

Zur Autorin

Carmen Michaelis war zehn Jahre Führungskraft in einem Unternehmen, zuletzt stellvertretende Geschäftsführerin. Seit 2004 arbeitet sie selbstständig als Coach, Trainerin und Moderatorin für Unternehmen. E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de schreiben   Stichwort Carmen Michaelis 

Liebe Annika,
ich kann mir den inneren Konflikt gut vorstellen, in dem Sie stecken. Ein Drahtseilakt zwischen Kollegialität, Loyalität, der Sorge, die Kollegin zu destabilisieren und Ihren eigenen persönlichen Grenzen.

Ihre Frage zeigt, dass Ihnen schon bewusst ist, dass es so nicht weitergehen kann. Sie wissen, dass Sie die Unterstützung der Kollegin so nicht weiter leisten können. Zudem flüchten Sie mittlerweile in eine Vermeidungsstrategie, die Ihnen sicher auch nicht guttut. Es muss also etwas passieren. Wenn Sie die Fehler der Kollegin ausbügeln, hilft das nur kurzfristig und löst für keine von ihnen die Situation auf Dauer. Sie werden aktiv werden müssen, um sich zu schützen und die Situation, die auch für Ihre Kollegin nicht hilfreich ist, aufzulösen.

Dafür stellt sich zunächst die Frage, wer in dieser Situation wofür verantwortlich ist. Aus der Beantwortung ergeben sich unterschiedliche Strategien. Sehr deutlich möchte ich hervorheben, dass für die Eingliederungsphase Ihrer Kollegin die Führungskraft zuständig ist. Sie muss beurteilen, was die Kollegin zu leisten in der Lage ist und dafür den entsprechenden Rahmen schaffen. Sind Aufgaben und die Bedingungen nicht angemessen, muss die Führungskraft dafür Sorge tragen, etwas zu unternehmen. Ausdrücklich liegt das nicht in IHRER Verantwortung. Sie sind die Kollegin, weder Vorgesetzte noch Therapeutin.

Sie, liebe Annika, sind dafür verantwortlich, Ihre Arbeit zu leisten, fürsorglich mit sich selbst und fair Ihrer Kollegin gegenüber zu sein. Im Übrigen trägt Ihre Führungskraft auch für Sie eine Verantwortung, die Sie geltend machen sollten.

Um Sie in Ihrer Rolle zu entlasten und eine Einschätzung und Entscheidung zu treffen, welchen Weg Sie wählen, helfen vielleicht auch einige Sachinformationen. Höchstwahrscheinlich ist Ihre Kollegin in der »Stufenweisen Wiedereingliederung« nach Paragraf 74 des fünften Sozialgesetzbuchs. Hier ist geregelt, wie Menschen, die länger als sechs Wochen krankgeschrieben sind und ihre Arbeit nicht wie gewohnt verrichten können, sukzessive wieder in das Berufsleben eingegliedert werden.

Für Sie und Ihre Aufgabe ist es wichtig zu wissen, dass in diesem Fall in Abstimmung zwischen dem zuständigen Arzt, dem Arbeitgeber und der Arbeitnehmerin, also Ihrer Kollegin besprochen wird, in welchem Maße die Kollegin arbeitsunfähig ist. Und außerdem, welche Maßnahmen ergriffen werden können, damit sie wieder in geringem Umfang eingegliedert werden kann.

Ebenfalls ist es wichtig zu wissen, dass die Person in der Zeit der stufenweisen Wiedereingliederung weiterhin als arbeitsunfähig gilt. Das Gesetz besagt weiter, dass darauf geachtet werden muss, die Person nicht mit dem Arbeitspensum zu überfordern, sondern schrittweise an den alten Arbeitsalltag heranzuführen. Ich hoffe, diese Informationen machen es Ihnen leichter, die Situation zu verstehen und Ihre Strategie zu planen.

Zwei Vorschläge zum Vorgehen möchte ich Ihnen machen, die Sie auch kombinieren können.

Ein Gespräch mit der Kollegin

Das sind die Kernbotschaften:

  • »Ich nehme dich wahr«

  • »Ich möchte Absprachen treffen, wie und wann ich dich unterstützen und was ich leisten kann«

  • »Sprich mit der Führungskraft«

Das Gespräch könnten Sie in etwa so führen:
»Liebe Kollegin, du bist jetzt seit … Wochen zurück. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist. Ich nehme wahr, dass du noch Unterstützung brauchst und Redebedarf hast. Du weinst häufiger, und ich mache mir Sorgen, dass es dir nicht gut geht in dieser Situation. Gern leiste ich meinen Teil dazu. Ich merke, dass ich dir nur bedingt helfen kann. Lass uns hier bitte genau absprechen, was ich tun kann und zu leisten in der Lage bin. Gleichzeitig schlage ich dir vor, das Gespräch mit deiner/deinem Vorgesetzten/m zu suchen und ihm/ ihr deine Lage zu erklären, damit ihr gemeinsam schauen könnt, welche Unterstützung du noch brauchst.«

Ein Vorschlag Ihrerseits zur Zusammenarbeit kann sein: Ein fester und regelmäßiger Termin, um Fragen zu klären und inhaltliche Themen zu besprechen. Gibt es diesen Termin, sollten Sie auch den Mut aufbringen, gegebenenfalls zu anderen Zeiten zu sagen, dass es Ihnen gerade nicht passt, da Sie den Schreibtisch voll haben und die Fragen im nächsten gemeinsamen Termin klären.

Sie können sie auch bei einem Kaffee offen fragen, wie es ihr geht mit der neuen Situation. »Ich nehme wahr, dass es dir noch schwerfällt, zurechtzukommen. Wie geht es dir?«

Begegnen Sie ihr auf Augenhöhe. Trauen und muten Sie ihr das Gespräch zu. Es wird auch der Kollegin helfen, aus der offensichtlich für sie nicht stimmigen Lage herauszufinden, wenn Sie den Elefanten im Raum ansprechen.

Ein Gespräch mit der Führungskraft

Das ist die Kernbotschaft:

  • »Ich fühle mich überfordert und bitte Sie, liebe Führungskraft, sich zu kümmern«

Der Fokus liegt bei Ihnen. »Ich kann die Unterstützung nicht leisten.« Dabei müssen Sie die Fehler der Kollegin nicht explizit zur Sprache bringen. Bitten Sie die Führungskraft, das Gespräch vertraulich zu behandeln. Machen Sie darauf aufmerksam, dass Sie nicht ins Detail gehen werden.

Das Gespräch können Sie in etwa so aufbauen:

»Frau/Herr xy, seit … Wochen ist Frau z aus ihrer Krankheit wieder zurück. Mir fällt es schwer, einzuschätzen, ob es ihr gut geht und sie den Anforderungen schon gewachsen ist. Ich möchte ihr nicht zu nahe treten, merke jedoch, dass sie viel Zuspruch und Unterstützung braucht, die ich nicht leisten kann, ohne mich und meine Arbeit zu vernachlässigen. Mir ist das zu viel, gleichzeitig mache ich mir Sorgen. Ich möchte Sie bitten, sich zu kümmern.«

Schreiben Sie für den von Ihnen favorisierten Weg eine kurze Einleitung. So behalten Sie Ihre Kernbotschaften besser im Blick und haben einen roten Faden. In beiden Gesprächen sollte Ihr Einstieg nicht mehr als fünf Sätze umfassen. Und machen Sie sich bewusst, was schlimmstenfalls passieren kann. Im Gespräch mit der Kollegin möchte Sie Ihnen vielleicht ihr Herz ausschütten. Ziehen Sie, wenn es Ihnen zu viel ist, eine Grenze. Etwa: Ich kann mir vorstellen, dass es viel gibt, was dich bewegt. So gern ich dich fachlich unterstütze, denke ich, du brauchst da andere Ansprechpartner:innen.

Blockt sie ab oder zieht sie sich zurück, können Sie die Absprache zur Zusammenarbeit treffen und dann das Gespräch mit der Führungskraft führen.

Im Gespräch mit der Führungskraft möchte diese vielleicht konkrete Beispiele. Lassen Sie sich nicht dazu verleiten. Kommen Sie immer wieder auf Ihre eigene Situation zurück. Arbeiten Sie mit Ich-Botschaften, zum Beispiel: »für mich ist wichtig, dass …«, »ich brauche vor allem …«, »mein Eindruck ist …«, »ich empfinde …«, »aus meiner Sicht …«. Rechtfertigen oder entschuldigen Sie sich nicht. Machen Sie gegebenenfalls darauf aufmerksam, dass es nicht Ihre Aufgabe ist, die Situation mit der Kollegin zu klären. Verweisen Sie auf die Fürsorgepflicht der Führungskraft gegenüber der Kollegin und Ihnen.

Liebe Annika,
egal, für welchen Weg Sie sich entscheiden, gehen Sie los! Ich wünsche Ihnen alles Gute dabei.

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