In Kooperation mit

Job & Karriere

Frage an den Berufsberater Mein Chef hat mir die Kündigung nahegelegt

Alles lief gut - bis der neue Chef kam: Er kritisiert eine Mitarbeiterin scharf und rät ihr, zu kündigen. Warum die Angestellte trotzdem nicht auf ihrem Recht beharren sollte, erklärt Karrierecoach Matthias Martens.
Ärger im Büro

Ärger im Büro

Foto: Corbis

"Ich habe vor neun Monaten einen neuen Chef bekommen. Er hat mich jetzt zu sich ins Büro gebeten und meine Arbeitsweise kritisiert. Im Gespräch habe ich mein Unverständnis geäußert, weil ich von meiner alten Führungskraft immer gute Beurteilungen erhalten hatte. Daraufhin hat mir der Neue nahegelegt, einen neuen zu Job suchen, denn er plane künftig ohne mich. Wie verhalte ich mich jetzt?", fragt Angelika F., 43, Sachbearbeiterin im Einkauf.

Zum Autor

Matthias Martens, Jahrgang 1964, war zehn Jahre Personalleiter im Otto-Konzern, bevor er sich 2006 für die Selbstständigkeit entschied. Heute begleitet der Inhaber einer Outplacementberatung  als Berater und Coach vor allem Menschen in der Lebensmitte, die sich beruflich neu orientieren wollen oder müssen. Alle Kolumnen von Matthias Martens  Mail an den Coach 

Karriereberater Matthias Martens antwortet:

Das klingt leider nach einer verfahrenen Situation. Zuerst die Fakten: Ihr Chef formuliert die Anforderungen und bestimmt den Beurteilungsmaßstab. Das gilt auch, wenn er die Abteilung erst wenige Monate leitet und Sie zuvor durchweg positive Beurteilungen erhalten haben. Klar ist auch: Eine verhaltensbedingte Arbeitgeberkündigung erfordert grundsätzlich eine dokumentierte Leistungskritik und Abmahnung. Demnach haben Sie arbeitsrechtlich zunächst nichts zu befürchten. Doch das ist nur ein Teil des Problems.

Die Kernfrage ist: Warum wird Ihr Chef bereits beim ersten Kritikgespräch so drastisch und legt Ihnen eine Kündigung nahe? Jetzt kann er nicht mehr zurück, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Eine kluge Führungskraft würde ihren Mitarbeitern zuerst die Erwartungen verdeutlichen, bei Bedarf Verbesserungen einfordern und Unterstützung anbieten. Dies wäre viel einfacher und günstiger, als sich von ihnen zu trennen. Denn es kostet ihn viel Zeit und Geld, bis ein neuer Mitarbeiter gefunden und eingearbeitet ist. Hier steckt vermutlich mehr dahinter.

Was sind die wahren Gründe?

Vielleicht haben Sie kritische Aussagen in den vergangenen neun Monaten überhört, falsch interpretiert oder gar ignoriert? Wie schätzen Sie die Arbeitsbeziehung zu Ihrem neuen Chef ein? War Ihre Zusammenarbeit bisher von gegenseitiger Wertschätzung, Offenheit und Vertrauen geprägt? Oder tritt nun ein unterschwelliger Konflikt zu Tage? Es ist auch möglich, dass Ihr Chef unter Kostendruck steht und Personalkosten senken will, indem er Sie hinausdrängt.

Weil so viele Fragen ungeklärt sind, empfehle ich Ihnen: Suchen Sie das direkte Gespräch mit Ihrem Chef. Dabei sollten Sie sich offen für seine Rückmeldungen zeigen - auch, wenn Ihnen nicht gefällt, was Sie hören. Nur so können Sie einschätzen, wo genau das Problem liegt und welche Strategie für Sie sinnvoll ist.

Theoretisch könnten Sie Ihre Energie in eine Verteidigungsstrategie und die Optimierung Ihrer Arbeitsweise stecken. Dafür müssen die neuen Anforderungen allerdings für Sie erreichbar sein. Vielleicht gelingt es Ihnen, sich mit Feedback, Training und Tipps von Kollegen zu verbessern. Ob sich dadurch die Arbeitsbeziehung wieder verbessert und Ihnen Ihr Chef eine echte Chance gibt, darf bezweifelt werden. Dafür ist er eigentlich schon zu weit vorgeprescht.

An manchen Jobs sollte man nicht festhalten

Sollten Sie im Gespräch merken, dass unüberbrückbare Differenzen bestehen, rate ich Ihnen dringend, sich nach einem neuen Job umzusehen. Ich erlebe immer wieder Menschen in der Karriereberatung, die versuchen, das Unvermeidliche aufzuhalten. Die Erfahrung zeigt, dass sie in den meisten Fällen verlieren. Zuerst die Freude an der Arbeit, dann die Erfolgserlebnisse und zuletzt den Job.

Ich sage Ihnen das nicht gerne, denn das ist alles andere als gerecht. Aber dieser Realität sollten Sie ins Auge blicken: Es ergibt wenig Sinn, an einem Job festzuhalten, der Ihnen keine Zukunftsperspektive bietet.

Überlegen Sie sich einmal in Ruhe, worin Ihre Stärken bestehen. Was ist Ihnen in der Vergangenheit immer wieder besonders gut gelungen? Woran haben Sie Spaß? Welche Themen interessieren Sie? Welche Arbeitsbedingungen benötigen Sie, um produktiv zu sein? Wenn Sie unsicher sind, ob Ihre Fähigkeiten am Arbeitsmarkt oder in anderen Abteilungen des Unternehmens gefragt sind, dann gleichen Sie die Anforderungsprofile interessanter Stellenausschreibungen mit Ihrem eigenen Profil ab. So können Sie mit kühlem Kopf abwägen, ob Sie für Ihren Job kämpfen wollen oder die Energie in die Suche nach einer neuen Aufgabe investieren.

Ein Jobwechsel beinhaltet immer Unsicherheiten und Risiken - doch er bietet auch Chancen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie könnten wieder unbelastet, mit Freude und frischer Energie arbeiten, Erfolge erzielen und neue interessante Menschen kennenlernen. Wie wäre das? Und außerdem können Sie sich den Abschied mit etwas Verhandlungsgeschick durch eine Abfindungszahlung versüßen lassen.