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Job & Karriere

Illustration: Niels Blaesi / DER SPIEGEL

Petra Cockrell

Tipps von der Karriereberaterin Mein Büro war mein zweites Zuhause – jetzt muss alles Persönliche weg

Petra Cockrell
Ein Gastbeitrag von Petra Cockrell
Heikes Firma schafft feste Arbeitsplätze ab und führt Desksharing ein. Das fühlt sich seltsam an: künftig an leeren Tischen zu sitzen. Wie kann Heike mit der neuen Situation zurechtkommen?
Zur Autorin

Petra Cockrell  ist selbstständige Jobprofilerin mit den Schwerpunkten Bewerbung, Karriereentwicklung und Mitarbeitergewinnung. Sie arbeitete viele Jahre in Führungspositionen internationaler Unternehmen.

Heike, 49 Jahre, fragt: »Weil viele Kollegen weiterhin im Homeoffice arbeiten wollen, hat unsere Firma entschieden, die Bürofläche zu verkleinern und Desksharing einzuführen. Ich finde die Idee eigentlich super und bin auch Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen. Trotzdem hatte ich einen Kloß im Hals, als ich all meine Sachen aus mehr als einem Jahrzehnt Büroleben in Kartons packen musste. Das Büro war doch vor Corona mein zweites Zuhause gewesen. Jetzt fühlt es sich an, als ob mein berufliches Ich plötzlich weg wäre. Wie werde ich dieses Gefühl los?«

Liebe Heike,

unsere Arbeitswelt ist in den letzten zwei Jahren gefühlt durch einen Schleudergang gegangen. Vom einen auf den anderen Tag war es mit allen Routinen und Gewohnheiten vorbei. Wir mussten uns komplett umstellen. Und seitdem gehen die Veränderungen im beruflichen wie privaten Alltag weiter. Immer wieder müssen wir für uns verstehen, wie sich das auswirkt und was jede einzelne Veränderung für uns bedeutet.

Stabilität und Vorhersehbarkeit, die uns sonst Sicherheit geben, sind gerade Mangelware. Dafür hat die Verlustaversion, ein psychologisches Phänomen, Hochkonjunktur – vor allem auch dann, wenn etwas Wichtiges komplett wegfällt oder weggenommen wird wie das eigene Büro. Die Psychologen Amos Tversky und Daniel Kahneman haben auf Grundlage ihrer nobelpreisgekrönten Forschungen nachgewiesen: Menschen messen dem Risiko, etwas zu verlieren, mehr Bedeutung bei als der Möglichkeit, etwas zu gewinnen. Damit gehen Verlustängste einher, Entscheidungen fallen uns schwerer, und unsere Unsicherheit nimmt zu. Nachvollziehbar, dass sich das auch körperlich als Kloß im Hals bemerkbar macht.

Die Unsicherheit ist gerade der zentrale Faktor, der vieles betrifft, was außen um uns herum passiert – und worauf wir meist wenig Einfluss haben. Deshalb ist es hilfreich, seinen Blick mehr auf sich selbst zu richten, also nach innen auf sich als Person und Mensch. Hinter Ihrem beruflichen Ich steckt ja die Frage: »Was macht mich eigentlich aus?« Und auch: »Was bleibt jetzt noch von mir?«

Das ist natürlich nicht so einfach zu beantworten. Ohne ein eigenes, vertieftes Nachdenken und Bewusstmachen kommt man da nicht weiter. Als Anleitung habe ich ein paar Fragen und Anregungen zusammengestellt. Bitte nehmen Sie sich für die Innenschau ausreichend Zeit, denn wir beschäftigen uns ja meist weniger mit uns selbst – deshalb ist es vor allem erst einmal ungewohnt. Genauso brauchen wir ein bisschen, bis wir die richtigen beschreibenden Worte finden. Von daher: Pause machen, wenn Sie nicht weiterkommen, und dann zu einem geeigneten Zeitpunkt auf zur nächsten Etappe!

Vier Fragen, die Sie weiterbringen

So, hier nun die Fragen – und bitte unbedingt detailliert beantworten/beschreiben:

  • Was zeichnet Sie besonders in Ihrer Arbeit aus?

  • Zu welchen Themen werden Sie von Kollegen um Rat gefragt?

  • Worauf sind Sie in Ihrem Berufsleben besonders stolz?

  • Welche Erfolge konnten Sie feiern?

Stellen Sie zu jeder Frage dar: Wie sind Sie genau vorgegangen? Was haben Sie konkret getan?

Oft hilft es, sich mit Kollegen über eine vergangene Zusammenarbeit oder ein geglücktes Projekt zu unterhalten. Schwelgen Sie gemeinsam in den positiven Erinnerungen und hören Sie genau hin, was an dieser Stelle auch zu Ihrem Beitrag gesagt wird. Auch aus den Jahres- oder Beurteilungsgesprächen ergeben sich häufig nützliche Hinweise. All diese Puzzleteilchen ergeben dann Ihr persönliches Bild.

Sie merken schon: Hier dreht sich alles um Ihre persönlichen Stärken, die nämlich einen wesentlichen Bestandteil Ihres beruflichen Ichs darstellen. Der aktive, selbstbestimmte Einsatz von Stärken und Kompetenzen fördert die Selbstwirksamkeit, die zentral wichtig ist für unser Wohlbefinden – Stichwort: positive Gefühle. Die Selbstwirksamkeit ist der Gegenpol zur Fremdbestimmung. Egal, was um uns herum passiert, auf unsere Stärken können wir immer zählen. Sie gehören uns und unterstützen uns in allen Lebenslagen – und sie können uns nicht weggenommen werden. Richten Sie also darauf den Blick Ihres beruflichen Ichs und konzentrieren Sie sich auf Möglichkeiten, die Stärken, so häufig es geht, gezielt einzusetzen.

Nun noch ein paar Worte zum Thema »Was können wir durch die Veränderungen gewinnen?«: In Sachen Büro höre ich häufig, dass die Menschen dort vor allem den Austausch und Kontakt zu den Kollegen schätzen. Dazu zählen dann gemeinsame Mittagessen, Meetings oder das zwanglose Gespräch am Kaffeeautomaten. Das Homeoffice dagegen wird bevorzugt, wenn es um konzentriertes, ungestörtes Arbeiten geht. Je mehr wir verstehen, was unser Wohlbefinden und unseren Erfolg im Job unterstützt, desto besser können wir die neuen Arbeitsweltmöglichkeiten kombinieren und nutzen. Da gibt es jetzt ganz andere Spielräume. Gestalten Sie Ihre eigene neue Arbeitswelt aktiv mit: Das ist gelebte Selbstwirksamkeit.

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