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Deutschunterricht für Zuwanderer: "Klarer Fall von Scheinselbstständigkeit"

Foto: Waltraud Grubitzsch/ dpa

Integrationslehrer Nur raus aus dem Traumberuf

Jeder Zuwanderer muss in Deutschland einen Integrationskurs absolvieren. Doch den Schulen laufen die Lehrkräfte davon. Sabine Heurs bleiben am Monatsende 1200 Euro - damit gilt sie im Dozentenjob schon als Top-Verdienerin.
Von David Krenz

Im Kurs von Sabine Heurs sitzen ein politisch verfolgter Tierarzt aus Iran, ein nigerianischer Bischof, der mehrere Stammessprachen spricht, und eine chronisch übermüdete junge Rumänin, die nachts im Fitnessstudio putzt. Menschen, die von einem besseren Leben träumen.

Das haben sie mit ihrer Dozentin gemeinsam. In Vollzeit verdient Heurs 1200 Euro netto im Monat - und zählt damit zu den Top-Verdienerinnen in ihrem Beruf. "Ein Witz", sagt sie und wirkt ziemlich ernst dabei.

Vor zehn Jahren führte die Bundesregierung verpflichtende Integrationskurse ein. Deutsch für Zuwanderer, damit sie Anträge ausfüllen, Arbeit suchen und ihren Kindern bei den Schulaufgaben helfen können. "Die Kurse haben sich bewährt", so steht es im aktuellen Koalitionsvertrag. Die Politik hat erkannt, dass Integration Geld kostet. Wie viel genau, bleibt eine unbequeme Rechnung.

Abends halb zehn in Berlin, Sabine Heurs, 44, gönnt sich zum Feierabend ein Kännchen Hibiskustee. Zehn Kursstunden an der Volkshochschule Reinickendorf liegen hinter ihr. Manche Teilnehmer sind in ihren Herkunftsländern nur wenige Jahre zur Schule gegangen, "man muss sich verdammt reinhängen, um alle mitzunehmen", sagt sie. Warum ihre Arbeit weniger wert sein soll als die angestellter Pädagogen, versteht die Magisterabsolventin nicht. Als Berufsschullehrerin würde sie etwa das Doppelte verdienen, hat sie recherchiert.

Integrationskurse

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zahlt den Sprachschulen 2,94 Euro je Teilnehmer und Kursstunde - "das ist keinesfalls kostendeckend", so die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie fordert höhere Beträge und für die Dozenten ein Mindesthonorar von 30 Euro pro Stunde.

Aktuell liegt es zehn Euro darunter. Davon müssen die Honorarkräfte Renten- und Krankenversicherung komplett selbst finanzieren, Geld für die unbezahlten Urlaubs- und Krankentage zurücklegen. Kündigungsschutz gibt es nicht, nur Fristverträge.

Dass unter diesen Bedingungen zehn zusätzliche Euro die Dozenten kaum vor dem Prekariat bewahren, kann Sabine Heurs an ihren Kontoauszügen ablesen. Als einer der wenigen zahlt ihr Träger bereits 30 Euro pro Stunde; Renten- und Krankenkasse verschlingen davon ein Drittel. "Jedem von uns ist klar: Wer den Job eine Weile macht, wird am Ende richtig arm sein", sagt sie.

"Wir sind Lehrer und wollen auch so behandelt werden"

Georg Niedermüller wähnte sich im Traumberuf, als er 2009 Integrationslehrer wurde. Schnell wachte er auf. "Ich habe das ganze Jahr mit Hartz IV aufgestockt." Mit seiner "Initiative Bildung prekär" prangert er die Beschäftigungsverhältnisse an: "Wir Dozenten arbeiten für nur einen Auftraggeber, in festen Räumen, nach vorgeschriebenem Lehrplan, zu nicht verhandelbaren Honoraren - klarer Fall von Scheinselbstständigkeit."

Er sieht nur einen Ausweg aus dem Dumping-Dilemma: die Festanstellung. "Wir sind keine Unternehmertypen, wir sind Lehrer und wollen auch so behandelt werden." Höhere Honorare seien keine Lösung, "die würden nur unseren Selbstständigenstatus zementieren".

Die Rufe nach fairer Bezahlung sind so alt wie die Integrationskurse selbst. Ebenso beharrlich verweist das Bundesamt auf die Vertragsfreiheit zwischen Trägern und Lehrkräften. "Eine Erhöhung des Kostenerstattungssatzes ist derzeit nicht geplant", heißt es auf Nachfrage.

Dabei ist die Gelegenheit, bessere Bedingungen zu erwirken, günstig wie nie: Das Weltgeschehen füllt unaufhörlich die Kursräume, das Bundesamt zählte bislang weit mehr als eine Million Teilnehmer, jedes Jahr wird ein neuer Teilnehmerrekord vermeldet. Künftig sollen auch Asylbewerber Integrationskurse belegen dürfen. Gleichzeitig laufen den Sprachschulen die Lehrkräfte davon; viele wandern in besser honorierte und gesicherte Beschäftigungen ab, wie der deutsche Volkshochschulverband beobachtet hat.

Zum Aufbegehren fehlen Zeit und Kraft

Ob aber dieser Nachfrageüberhang den verbliebenen Dozenten hilft? Eben jene Arbeitsbedingungen, gegen die sie aufbegehren sollten, hindern viele am Protest: Wer zu Demos fährt, verzichtet auf Honorar, bezahlt wird nur jede geleistete Kursstunde. Und wer für ein paar Euro extra noch einen Abendkurs übernimmt, dem fehlen Zeit und Kraft zum Aufbegehren.

Andere wagen sich nicht aus der Deckung, weil finanzielle Not sie zu Betrügern macht: Es gilt als offenes Geheimnis, dass eine Mehrheit trotz Versicherungspflicht keine oder zu geringe Beiträge in die Rentenkasse einzahlt. "Wir haben Angst aufzufliegen", sagt eine Dozentin aus Westfalen, die anonym bleiben möchte.

Auch unter der hohen Fluktuation leidet die Schlagkraft der Interessenvertretungen. Nach Angaben der GEW sind weniger als zehn Prozent der Betroffenen gewerkschaftlich organisiert. Und Niedermüllers "Initiative Bildung prekär"? Besteht neben ihm aus drei weiteren Mitstreitern. Bei der Politik stießen sie auf taube Ohren, klagt er: "Die SPD hat auf unsere letzten zwölf Mails gar nicht mehr reagiert."

Für Niedermüller geht der Kampf weiter. Auch wenn er davon wohl nicht mehr profitiert. Er wolle "unbedingt raus" aus dem Job, sagt er. Sein neuester Plan: eine eigene Sprachschule gründen - und sich dann selbst ein besseres Honorar zahlen.

KarriereSPIEGEL-Autor David Krenz (Jahrgang 1984) ist Absolvent der Zeitenspiegel-Reportageschule und lebt als freier Journalist in Berlin.