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Job & Karriere

Alltag eines Lokführers »Das Aufstehen vor drei Uhr tut weh«

Sein Arbeitstag beginnt mal um 2.53 Uhr, dann um 12.06 Uhr. Freie Wochenenden kennt er nicht. Ein Lokführer erzählt, warum er trotzdem seinen Job gern macht – und nicht streikt.
Aufgezeichnet von Verena Töpper
Foto: Daniele Martire / EyeEm / Getty Images

André Müller* ist Ende 40 und fährt seit knapp 30 Jahren als Lokführer für die Deutsche Bahn im Regionalverkehr durch Baden-Württemberg.

»Mein Arbeitstag ist minutiös getaktet. Wir bekommen genau vorgeschrieben, wie lange wir für welchen Handgriff brauchen dürfen: Zwei Minuten sind eingeplant, um herauszufinden, wo das Fahrzeug steht. Vier Minuten haben wir Zeit, um uns auf einem Tablet aktuelle Informationen zur geplanten Strecke anzuschauen: Gibt es dort gerade eine Baustelle? Wenn ja: Wie lang ist sie, und wie schnell dürfen wir fahren?

Vier Minuten sind dafür viel zu kurz, deshalb erledige ich diesen Arbeitsschritt schon zu Hause, vor Beginn meiner eigentlichen Arbeitszeit. Dann habe ich vor Ort weniger Stress, denn auch die anderen Zeitvorgaben sind knapp kalkuliert: Wie lange wir für den Fußweg zur Lok brauchen dürfen. Wie viel Zeit uns zum Rangieren bleibt.

Wenn ich in der Abstellanlage ankomme, ist das Kühlwasser im Fahrzeug schon auf 60 Grad vorgeheizt, und der Fahrgastraum ist vorgeheizt. Mir bleiben dann 23 Minuten für die sogenannte Fahrlaufzeit. Da kontrolliere ich die Bremssysteme und die Luftfederung, schaue nach, ob das Fahrzeug innen oder außen beschädigt ist und ob alles funktioniert.

Vier oder fünf Stunden Schlaf

Mein Arbeitstag beginnt jeden Tag zu einer anderen krummen Uhrzeit. Mal ist es 2.53 Uhr, dann 6.03 oder 12.06 Uhr. Die genauen Zeiten erfahre ich sechs Wochen vorher. Ob ich Früh- oder Spätschicht habe, weiß ich allerdings immer schon ein Jahr im Voraus. Ich kann zum Beispiel jetzt schon sagen, welche Woche im März meine Frühwoche sein wird, weiß aber noch nicht, ob ich dann um drei, um vier oder um acht Uhr beginne.

Das Aufstehen vor drei Uhr tut weh. Aber eigentlich mag ich die Frühschichten ganz gern. Mit vier oder fünf Stunden Schlaf komme ich klar. Ich lege mich dann mittags auf die Couch, mache den Fernseher an und döse ein bisschen. Belastender finde ich, dass unsere Schichten jeden Tag unterschiedlich lang sind und wir nur alle drei Wochen zwei Tage am Stück freihaben.

Ruhe, Ruhe, Doppelruhe, lautet das Motto: Wir arbeiten fünf Tage, haben dann einen Tag frei, arbeiten wieder fünf Tage, haben einen Tag frei und müssen dann noch mal fünf Tage arbeiten, bis wir zwei freie Tage kriegen. Mir wäre es lieber, wenn die Arbeit so verteilt wäre, dass wir längere Ruhephasen haben, damit man sich mal wirklich erholen kann. Dass ich kein normales Samstag-Sonntag-Wochenende haben, stört mich weniger. Meine Familie und ich kennen es gar nicht anders. Und unter der Woche freizuhaben, hat auch seine Vorteile.

Sehr anstrengend finde ich allerdings die Zwölfstundenschichten, die wir immer wieder haben. Wir arbeiten dann zwar an den anderen Tagen entsprechend kürzer und haben nur Fünf- oder Siebenstundenschichten, aber mir wäre es sehr viel lieber, wenn die Wochenstunden gleich verteilt wären. Immerhin: Zwischen Schichtende und Schichtanfang müssen mindestens elf Stunden liegen.

Lokführer war nie mein Traumjob. Ich bin gelernter Maschinenschlosser. Nach der Lehre fand ich keinen passenden Job, und so bin ich bei der Bahn gelandet. Rückblickend bin ich darüber sehr froh. Die Arbeit macht mir Spaß, und ich bin auch mit der Bezahlung zufrieden. Ich bekomme rund 2300 Euro netto pro Monat plus Zulagen.

Zuschläge kriegen wir zum Beispiel für Fahrten in der Nacht oder am Wochenende. Die Beträge sind zwar weit entfernt von denen, die in der Autoindustrie gezahlt werden, aber auch 5,64 Euro mehr pro Stunde läppern sich. Und wer 100 Nachtstunden hinter sich hat, bekommt sogar einen Tag frei.

Minusstunden in der Coronakrise

Ich finde, wir Lokführer können uns generell nicht beschweren. Während der Coronakrise wurden so viele Menschen in Kurzarbeit geschickt – wir nicht. Wir wurden weiterbezahlt, obwohl wir teilweise auch nicht gearbeitet haben. Ich kenne Kollegen, die haben 260 Minusstunden angesammelt, von denen jetzt schon 210 Minusstunden verfallen sind. Für den Streik jetzt habe ich deshalb wenig Verständnis.

Im Sommer lasse ich gern die Tür zum Fahrgastwagen offen. Das ist von meinen Chefs nicht so gern gesehen, aber wenn Kinder mitfahren, freuen die sich immer, wenn sie mal bei mir hereinschauen können. Für die bin ich der Held.

Wenn ich abends fahre, lasse ich die Tür lieber zu. Vor allem nach Weinfesten, wenn viele Fahrgäste alkoholisiert sind, kann es schon mal ungemütlich werden. Aber ich fahre eine Strecke auf dem Land, da ist die Stimmung meistens friedlich. Der Fernverkehr hat mich nie gereizt. Viele jüngere Kollegen sind ganz scharf darauf, ICE zu fahren und mit 300 km/h durch die Gegend zu düsen, aber ich mag es, die Arbeit vor der Haustür zu haben. Im Regionalverkehr kann man als Lokführer auch mehr machen. Der ICE wird geführt gefahren, da sind viele Funktionen schon voreingestellt.

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Mit meinen Kollegen bin ich zwar über Digitalfunk verbunden, schwätzen dürfen wir bei der Arbeit aber nicht. Auch telefonieren oder Radio hören ist streng verboten. Wie wichtig es ist, stets konzentriert zu bleiben, habe ich selbst schon mal erlebt: Auf einem unbeschrankten Bahnübergang stand ein Auto auf den Gleisen. Ich war nicht sehr schnell unterwegs und konnte noch rechtzeitig bremsen, sodass bei der Kollision nur ein Blechschaden entstanden ist, aber das war natürlich trotzdem ein Schock.

Alle zwei Jahren üben wir solche Situationen in einem Simulator. Wenn Kühe oder Autos auf den Gleisen stehen, kann man allerdings kaum mehr machen als zu bremsen und den Notruf zu betätigen. So werden zumindest alle Lokführer gewarnt, die in derselben Gegend unterwegs sind.«

* Name von der Redaktion geändert.

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