New Work Warum eine Deutsche-Bank-Tochter Manager abschafft

Die Deutsche-Bank-Tochter DWS streicht Titel wie "Head of" und "Director" und verzichtet auf Beförderungen. Das Unternehmen folgt damit einem Trend. Für Mitarbeiter hat das nur in bestimmten Fällen Vorteile.

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Es ist ein radikaler Schritt für eine Bankentochter: Der Vermögensverwalter DWS wird seinen Managern von jetzt an keine Titel mehr verleihen - und alle bisherigen streichen. Sie werden dann keine Bezeichnungen mehr wie "Head of" oder "Managing Director" tragen, kündigte das Unternehmen diese Woche an.

"Wir wollen ein agiles Arbeitsumfeld schaffen, in dem Leistung belohnt wird", begründet Björn Pietsch - zurzeit noch "Head of CEO Office" bei DWS - die Entscheidung gegenüber dem SPIEGEL. Damit folgt das Unternehmen einem Trend: Mitarbeitern Mitsprache zu gewähren, Hierarchien abzubauen und möglichst ganz ohne Chef auszukommen, ist heute in.

In den USA macht es Cloudflare vor: Das Unternehmen bietet Online-Sicherheitsdienste an, beschäftigt über 1000 Angestellte - und verwendet keinerlei Titel. Auch der Online-Schuhhändler Zappos, den Amazon nach eigenen Angaben für mehr als 800 Millionen Dollar übernahm, verzichtet auf Manager, jedenfalls auf die Bezeichnung.

Doch nebenbei verkündete DWS, nicht nur Titel zu streichen, sondern für 2019 auch Beförderungen. Setzen Unternehmen also mit der Abschaffung von Titeln tatsächlich eine innovative Maßnahme um - oder ist alles nur ein verdecktes Sparprogramm?

"Der Begriff 'Agile Arbeit' wird oft missbraucht"

Der Arbeitssoziologe Stefan Sauer forscht zum Thema Anerkennung im Job - und sieht die Abschaffung von Titeln kritisch. "Wenn Beförderungen wegfallen, gibt es auch weniger Anlass für Gehaltserhöhungen", sagt Sauer. Zudem seien Titel ein einfaches Mittel, Mitarbeitern Reputation zu verleihen und ihnen Wertschätzung auszusprechen. Wer also Titel abschafft, braucht ein gleichwertiges Belohnungssystem für seine Angestellten.

Grundsätzlich begrüßt Sauer die Idee, Mitarbeiter nach Leistung zu entlohnen. Schwierig sei allerdings, diese auch objektiv zu bewerten. Denn faktische Kennzahlen wie etwa Verkaufserlöse seien zwar zu leicht zu analysieren, die eigentliche Arbeit des Mitarbeiters spiegelten sie allerdings selten umfassend wider.

"Der Begriff 'Agile Arbeit' wird oft missbraucht", sagt Sauer. Stehe kein gut überlegtes Konzept hinter der Umstrukturierung, gehe es Unternehmen tatsächlich oft hauptsächlich darum, Geld einzusparen - Agilität als Modewort.

"Explizit kein Sparprogramm"

Bei DWS verwehrt man sich dieser Annahme. "Das ist explizit kein Sparprogramm", sagt Pietsch. Neben der leistungsorientierten Förderung von Mitarbeitern würden so Hierarchien abgebaut und der einzelne Arbeitnehmer könne sich leichter einbringen. Ein konkretes Budget für die Umstrukturierung stehe allerdings nicht zur Verfügung.

Beim Beratungsunternehmen Kuehlhaus hat man gute Erfahrungen damit gemacht, Titel abzuschaffen. Schon vor zwei Jahren entschied Geschäftsführer Christian Reschke, dass seine 75 Mitarbeiter künftig keine Titel mehr tragen sollten. Auf ihren Visitenkarten steht seitdem der Spruch: "No titles, just roles". Keine Titel, nur Rollen. Reschke ist heute der Einzige, der als Vorstand noch eine offizielle Bezeichnung hat.

Es ist immer klar, wer wofür zuständig ist

Alle anderen Mitarbeiter haben sogenannte Rollen, die meisten gleich fünf bis zehn davon: Die Rolle "Travel" etwa kümmert sich um Dienstreisen, "Catering" um das Essen bei Veranstaltungen. "Rollen können einfacher als Titel von Person zu Person weitergegeben werden", sagt Reschke. Und meint damit auch: Die Arbeit wird effizienter, ist leichter zu strukturieren - und lässt sich schneller umverteilen, wenn ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt.

"Natürlich gab es Mitarbeiter, die damit nicht umgehen konnten", sagt der Geschäftsführer über die Einführung des neuen Konzepts. Auch eine Kündigung habe er erhalten. Von den meisten Mitarbeitern erhielt er aber positive Rückmeldungen, sagt Reschke.

Er habe deutliche Veränderungen in seinem Unternehmen beobachten können. Es gebe nun nicht mehr den Juniorchef, der auf die Sekretärin hinabblicke - einfach, weil die Titel fehlten.

Auch Arbeitssoziologe Sauer sieht Chancen darin, wenn Unternehmen ohne Titel auskommen. Mitarbeiter könnten selbstbestimmt arbeiten und erhielten echte Wertschätzung für ihre Arbeit. Wichtig sei, dass das Konzept professionell umgesetzt werde. Wirklich erfolgreich damit seien aber meist kleine Betriebe, die schon seit ihrer Gründung auf agile Methoden setzten - und ihren Mitarbeitern die Titel nicht erst wieder wegnehmen müssten.



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