Deutscher US-Serienstar Christiane Seidel Mord mit dem Fleischklopfer

Von Niedersachsen nach New York: Die deutsche Schauspielerin Christiane Seidel macht in den USA Karriere - in der blutigen TV-Erfolgsserie "Boardwalk Empire". Schon drei Staffeln der Gangster-Saga hat sie überlebt. Trotzdem muss sie sich stets auf ihren Fernsehtod vorbereiten.

Matt Sayles

Von , New York


Das Leben ist schon komisch. "Was für ein verrücktes Jahr", sagt Christiane Seidel. Im Februar noch sah sie sich "ganz weit unten". Inzwischen hat sie nicht nur eine Agentin, sondern auch eine Managerin und jemanden, der über ihre Pressetermine wacht. Sie pendelt zwischen Los Angeles und New York, und fast jeden Sonntag sieht sie sich im Fernsehen.

Seidel sitzt am Fenster eines Coffeeshops und wärmt sich an ihrem Tee. Draußen hasten die Passanten durch den Regen. Ein ganz normaler Abend mit ganz normalen New Yorkern - gestresst, eilig, in achtsamer Anonymität, die vor unerwünschten Blicken in die Seele schützen soll.

Geht das weiter so, dann könnte es für Seidel zumindest mit der Anonymität bald vorbei sein. Schon jetzt wird sie erkannt, "hin und wieder", selbst hier, in dieser Brandung aus interessanten Gesichtern. "Aber es ist nicht so, dass ich jetzt total berühmt bin", lacht sie. "Das ist ja auch nicht das Ziel."

Oder doch? Christiane Seidel ist das jüngste Beispiel einer Parade deutscher Schauspieler, die ihr Glück in den USA suchen - und manchmal auch finden: Sie hat sich eine regelmäßige Rolle in der TV-Erfolgsserie "Boardwalk Empire" ergattert. Anfangs nur Gast, gehört sie heute zum enormen Ensemble dieses preisgekrönten Gangsterdramas über die US-Prohibitionszeit, dessen vierte Staffel in Deutschland ab diesem Donnerstag auf Sky läuft.

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Existenznöte: Schauspieler in Angst vor der Pleite
Seidel spielt eine mörderische Kinderfrau, die mit einem Alkoholschmuggler zusammenlebt. Ihr Alter Ego könnte ihr selbst nicht ferner sein - mürrisch, eiskalt und mit "norwegischem" Akzent. Den hat sie sich - nach all den Jahren, in denen sie akzentfreies Englisch gelernt hatte - extra antrainieren müssen.

Scorsese segnete Seidel persönlich ab

Eine Deutsche, die eine Norwegerin spielt: Bisweilen macht der Erfolg eben linguistische Umwege in diesem Geschäft, bei dem Stars wie Starlets um Jobs kämpfen. Vor allem, was Frauenrollen angeht, und erst recht für Exilanten.

Dass Seidel in Wahrheit einen amerikanischen Pass hat, wissen nur wenige. Geboren ist sie nämlich in Texas, als Tochter eines deutschen Marine-Kampfpiloten, der dort auf einer Nato-Basis stationiert war. Später lebte die Familie in Dänemark, Schleswig-Holstein und Niedersachsen, zurück in die USA wollte Seidel aber immer. 2007 landete sie beim Lee Strasberg Institute in New York, der Schauspielschule, an der Marilyn Monroe, James Dean und Robert De Niro studierten.

Es folgten Auftritte am Off-Broadway, ein Kurzfilm, eine Rolle in der TV-Krimiserie "Law & Order: SUV". 2011 sprach sie für "Boardwalk Empire" vor, eine aufwendige, vom Bezahlsender HBO und Hollywood-Legende Martin Scorsese produzierte Serie. Scorcese segnete Seidel persönlich ab.

"Boardwalk Empire" erzählt die Saga eines fiktiven Gangsterbosses im Spielerparadies Atlantic City, verwoben mit realen Figuren - Al Capone, Lucky Luciano, der Ku-Klux-Klan. Drehort ist Brooklyn, wo die historische Promenade von Atlantic City detailgetreu nachgebaut wurde - praktisch für Seidel, die in Manhattan lebt und so mit dem Auto zur Arbeit fahren kann.

Die Besetzung wimmelt von US-Stars: Steve Buscemi, Gretchen Mol, Patricia Arquette und Oscar-Kandidat Michael Shannon ("Zeiten des Aufruhrs") als ein Komplize Al Capones und zugleich der Lover von Christiane Seidels Figur Sigrid. Die begann als peripherer Charakter, hat aber schon drei Staffeln "überlebt" - nicht schlecht für eine Serie, die selbst Hauptdarsteller ohne Vorwarnung abmurkst.

Warten auf den Abspann

Statt dessen bauten die Drehbuchautoren Seidels Rolle aus, da es - auf dem Bildschirm - kräftig funkte zwischen ihr und Shannon. Als Sigrid durfte sie sogar schon mal morden, mit einem Fleischklopfer, eine ihrer Lieblingszenen. Ihre Karriere wird inzwischen von einem ganzen Team gemanagt, sie ist Dauergast auf roten Teppichen und saß dieses Jahr erstmals in der ersten Reihe einer Fashion-Show - Statussymbol eines Stars.

Trotzdem, man weiß ja nie. Weshalb Seidel regelmäßig nach Los Angeles fliegt, zum Vorsprechen für neue Serien, für den Fall ihres Fernsehtods. "Man hat auch schon echt schwere Phasen, weil man einfach nie weiß, wie's weitergeht", sagt sie. Schließlich brauchte auch Germany-Export Diane Kruger - geborene Heidkrüger aus Algermissen bei Hildesheim - trotz vieler Hollywood-Kinorollen ("Inglourious Basterds") zehn Jahre, bis sie jetzt ihre eigene TV-Serie bekam ("The Bridge - America").

Seidel steht auf, sie muss noch einkaufen. Ach ja: Am Sonntag läuft hier ihre bisher größte Episode von "Boardwalk Empire". Darauf ist sie schon gespannt, da sie ja nur ihre Manuskriptseiten zu sehen bekommt und keine Ahnung hat, was sonst geschieht.

"Marriage and Hunting" heißt die wie immer dramatische und blutige Folge. Sie spielt im Jahr 1924, Seidel und Shannon haben vier Szenen, vom Krach gleich zu Beginn bis zum heißen Sex am Ende. Dann rollt der Abspann, und ganz unten, unter "Co-Starring", findet sich schließlich auch ihr Name.

Zur Person
  • Lane Hartwell
    Marc Pitzke, Jahrgang 1963, hat in München studiert, die Deutsche Journalistenschule und in New York die Columbia University School of Journalism absolviert. Seit 2003 arbeitet er in der US-Metropole als Korrespondent für SPIEGEL ONLINE.

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