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Arbeiten in Wien So lebt es sich als Piefke

Sie träumen von der großen Karriere - und werden von Einheimischen oft beschimpft und verspottet. Rund 18.000 Deutsche wandern jedes Jahr nach Österreich aus. Die meisten landen in Wien. Wie es sich dort als Piefke lebt, erzählen vier Exilanten aus dem Norden.

Ein Piefke ist ein eingebildeter Angeber und dümmlicher Wichtigtuer. Oder auch einfach ein Norddeutscher. So steht es im Duden, mit dem Zusatz: "Gebrauch: österreichisch abwertend". 153.491 Menschen dürften dieses Wort im vergangenen Jahr mindestens einmal gehört haben. So viele Deutsche lebten laut Statistik 2012 in Österreich. Das sind fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren.

Die Deutschen stellen in der Alpenrepublik die größte Ausländergruppe. Jedes Jahr wandern rund 18.000 Deutsche nach Österreich aus - allerdings ziehen jährlich auch mehr als 10.000 Deutsche zurück in ihre Heimat. Ein Teil sind Numerus-Clausus-Flüchtlinge. Rund 30.000 deutsche Studenten sind zur Zeit an österreichischen Universitäten eingeschrieben.

Statistisch gesehen lebt der deutsche Durchschnittsauswanderer in Wien, ist jünger als 44 Jahre und Akademiker. Und wird hin und wieder als Piefke verspottet. Wie sich das anfühlt und warum das Leben in Österreichs Hauptstadt trotzdem wunderschön ist, erzählen vier Deutsche.

Der Gründer der "Piefke Connection": "Überlegt Euch, ob ihr uns anpöbelt"

Jockel Weichert, 37, hat in Wien einen Verein für deutsche Auswanderer gegründet

Jockel Weichert, 37, hat in Wien einen Verein für deutsche Auswanderer gegründet

Foto: Milagros Martinez-Flener

"Ich hatte mich in Deutschland bei allen möglichen Plattenfirmen beworben, und ohne dass ich es wusste, sind meine Papiere auf Umwegen nach Österreich gewandert. Dann kam ein Anruf aus Wien, von BMG Ariola Austria. Ich war gerade in München in eine neue Wohnung gezogen, aber ich dachte, ich schau mir das mal an. Direkt nach dem Vorstellungsgespräch wurde mir ein Arbeitsvertrag hingelegt mit den Worten: Jetzt oder nie.

Nach zwei Tagen Bedenkzeit habe ich zugesagt und meine Wohnung untervermietet. Das ist fast 13 Jahre her. Nach zehn Jahren als Angestellter in drei Jobs habe ich gespürt, dass ich jetzt etwas Eigenes brauche und habe meine eigene PR-Firma gegründet. Der Markt schien mir in Wien noch relativ jungfräulich.

Wenn man in Wien sitzt, ist das ein Vorteil, denn Österreich ist auf Wien konzentriert. Dennoch hat die Stadt Dorfcharakter, hier kennt jeder jeden. Freunderlwirtschaft ist besonders wichtig und in die Wiener Kreise kommt man als Nicht-Wiener und speziell als Deutscher ganz schwer rein.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

Foto: Daniel Garofoli

Österreicher sind nicht besonders entscheidungsfreudig. Es wird lange herumgeeiert. Am Ende ist das Ergebnis gut, aber es dauert eben alles. Und in Sachen Kritik tun sich Österreicher besonders schwer. Das stößt dann wieder auf Unverständnis auf deutscher Seite, weil wir einfach gewohnt sind, Kritik zu geben - und zu nehmen.

Das ganze Lokal war voll mit Deutschen

Was mich wirklich frustriert hat: Egal, wo ich Fußball geschaut habe, als Deutscher durfte ich mich für mein Team nicht freuen. Scheiß Piefke, gusch Piefke, hieß es immer. Österreicher sind aus Prinzip gegen Deutsche. Vor der Fußball-Europameisterschaft 2008 habe ich gedacht: Ich will jetzt ein paar Leute haben, mit denen ich in der Öffentlichkeit Fußball schauen kann. Wir nehmen eine Kneipe in Beschlag, trinken unser Bier und freuen uns für unser Fußballteam. Und dann sind wir zahlenmäßig so stark, dass sich die Österreicher vielleicht überlegen, ob sie uns anpöbeln.

Im Februar 2008 habe ich auf Xing die Gruppe 'Piefke Connection Austria' gegründet und als im Juni die EM losging, kamen rund 150 Leute. Das ganze Lokal war voll mit Deutschen. Danach hat sich der Wirt beschwert, das wäre zu viel. Ich habe ihm gesagt, er soll nicht so einen Aufstand machen, schließlich macht er einen super Umsatz. Jedes Mal beim Deutschlandspiel war er ausgetrunken.

Such dir doch selber eine Kluppe

Wenn sie uns Piefke nennen, dann sind wir eben Piefke. Der Name unseres Vereins soll auch ausdrücken, dass es uns um den Spaß geht. Mittlerweile haben wir rund 2200 Mitglieder und sind das größte Netzwerk für Deutsche in Österreich. Da ergeben sich Kontakte, die so in Deutschland nicht entstehen würden, beruflich wie privat. Es gibt schon die ersten 'Piefke-Connection'-Babys.

Im Moment habe ich nicht vor, nach Deutschland zurückzugehen. Mir geht es sehr gut, Wien ist sehr grün und lebenswert. Allerdings werden Selbständige in Österreich benachteiligt, zum Beispiel durch eine zwanzigprozentige Selbstbeteiligung bei der Krankenversicherung und höhere Steuern. Aber ich habe mir mein Netzwerk aufgebaut, meine Chancen sind hier viel größer. Das ist der Grund, warum so viele Deutsche hierherkommen.

Meine zwei Söhne, drei und acht Jahre alt, sprechen ein Mischmasch aus Deutsch und Österreichisch. Der Achtjährige fängt gerade an, den Wiener Dialekt zu imitieren. Und der Jüngste wollte einmal unbedingt eine Kluppe haben. Ich wusste nicht, was das ist, also habe ich gesagt, er soll sich selber eine Kluppe suchen. Beleidigt zog er ab. Irgendwann kam er wieder - er habe eine Kluppe gefunden! Er hielt eine Wäscheklammer in der Hand."

Die Hochschullehrerin - "die Männer laufen weg"

Margret Beisheim, 60, hat gerade einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben

Margret Beisheim, 60, hat gerade einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben

Foto: Andi Bruckner


"Ich dachte, Österreicher sind so ein charmantes Volk. In Wien wirst du das Leben genießen können, auf Bällen Walzer tanzen und in vornehmer Gesellschaft sein. Der Alltag war dann doch ganz anders.

Ich kam im September 1988 an, es war kühl, regnerisch und neblig. Über die Westautobahn bin ich in den neunten Bezirk gefahren. Modrige, verfallene Häuser und Prostituierte auf der Straße - das hatte ich nicht erwartet. Meine Notunterkunft am Institut für Personalmangement der Wirtschaftsuniversität Wien, wo ich als Projektmitarbeiterin anfangen sollte, war auch nicht so toll. Abends hatte kein einziges Restaurant mehr offen - heute unvorstellbar. Damals dachte ich: Oh mein Gott, willst du nicht gleich zurückfahren?

Neuer Arbeitsvertrag mit 60

Zusammen mit meinem deutschen Kollegen forschte ich zu Gruppenarbeit und Beteiligung von Mitarbeitern in Unternehmen. Da ich aber nur auf einer halben Stelle entlohnt wurde und davon nicht wirklich leben konnte, brauchte ich noch einen Job. Ich habe mit Coaching begonnen. Das schlug so gut ein, dass ich mich bald davon ernähren konnte. Coaching und Unternehmensberatung mache ich bis heute freiberuflich. Und gerade wurde ich gefragt, ob ich an der Uni weiterarbeiten will, also habe ich mit 60 Jahren einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben.

Was ich besonders am Arbeitsleben hier mag, ist das Leichte: Es ist alles nicht so schlimm und nicht so wichtig. Was wir Deutschen immer tun, dieses 'zack, zack' und 'wir müssen', das gibt es hier nicht. Österreicher sagen da einen schönen Satz: 'Es geht sich aus.' Und das schätze ich sehr, dass man hier Mensch bleiben darf.

Allerdings werde ich als Deutsche mit ein bisschen Ehrfurcht wahrgenommen. Im Berufsleben ist das wunderbar, da wird uns Deutschen Kompetenz zugesprochen. Privat ist das aber oft ganz schwer. Das Tüchtige und Klare macht Männern offenbar Angst. Ich habe immer erzählt, dass ich Lehrerin bin und nicht Hochschullehrerin. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Männer sonst Reißaus nehmen.

Treffen zu Hause? Lieber im Kaffeehaus

Seit 24 Jahren lebe ich schon hier, habe aber politisch kein Mitbestimmungsrecht. Gerne würde ich die Geschicke der Stadt Wien mitgestalten, doch dafür müsste ich die deutsche Staatsbürgerschaft abgeben. Es ist nicht so, dass ich sie unbedingt brauche, aber sie ist mein einziger Anker in Deutschland.

Für mich ist Wien die Traumstadt: die vielen Möglichkeiten, die Topografie, das warme, trockene Klima, dazu Menschen, Kulturen und Musik aus aller Welt. Wien hat ein exzellentes öffentliches Verkehrsnetz, zu Preisen, die man nirgends sonst in Europa findet. Das einzige, was ich wirklich sehr vermisse, ist der Grünkohl, den habe ich mir von meiner letzten Reise aus Deutschland mitgebracht.

Mit Freunden trifft man sich hier im Heurigen oder im Kaffeehaus. Ganz selten hat mich mal jemand in seine private Wohnung eingeladen. Ich habe mich gefragt, woran das liegt. Ein Wiener sagte mir, die beengte Wohnsituation sei wohl der Grund. Inzwischen lade ich auch lieber in den Heurigen ein, weil ich nicht den Platz habe, so viele Leute zu verköstigen."

Der Burgtheater-Intendant - "die Lebenskulturen unterscheiden sich"

Matthias Hartmann, 49, leitet seit 2009 das Wiener Burgtheater

Matthias Hartmann, 49, leitet seit 2009 das Wiener Burgtheater

Foto: Reinhard Maximilian Werner

"Das Burgtheater zu leiten ist ein Traum. So wie Prospero im 'Sturm': Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind; und unser kleines Leben ist von einem großen Schlaf umringt. Wer will nicht an die führende deutsprachige Bühne, an diesen Olymp?

Die Arbeitsbedingungen hier sind sehr gut. Leider ändert sich das gerade, weil in den letzten Jahren versäumt wurde, die Subventionen anzupassen. Wir arbeiten mit stehenden Budgets, während sich ringsherum alles verteuert. In den letzen 13 Jahren gab es am Burgtheater keine Lohnsteigerung. Dafür gab es in der Spielzeit 2012 einen Zuschauerrekord, wir hatten knapp 440.000 Besucher.

Die Deutschen können nicht vernünftig tanzen

Jedes Theater ist sein eigener Mikrokosmos, überall auf der Welt. Was in Wien wirklich besonders ist, ist das Publikum. Hier gibt es die meisten Theaternarren: Sie sind außerordentlich begeistert, quer durch alle Altersgruppen und soziale Schichten. Das ist großartig.

Ich werde als Deutscher wahrgenommen, und auch ich nehme die Deutschen hier anders wahr als in Deutschland. Das ist manchmal ein bisschen unangenehm. Für die Österreicher ist Deutschland ein hochgradig respektierter, großer Nachbar, der einem aber mit seiner Humorlosigkeit, seiner Pedanterie, seiner zwanghaften Pünktlichkeit und dieser Besserwisserei gehörig auf die Nerven gehen kann. Außerdem können die Deutschen alle nicht vernünftig tanzen. Man hat eine gewisse Abscheu vor diesem Piefke.

Verstehen ist nicht gleich verstehen

Ich glaube, dass die österreichische und die deutsche Lebenskultur sich grundsätzlich voneinander unterscheiden. Dass man sich gegenseitig auf der Straße nach dem Weg fragen kann, heißt nicht, dass man sich untereinander wirklich versteht. Beide Kulturen haben negative wie positive Seiten. Mir geht es in meinem Alltag auf die Nerven, dass Besprochenes nicht unbedingt eingehalten oder ausgeführt wird - ich denke jetzt an so manchen Handwerker. Als Theatermann mag ich wiederum das Ambivalente, das Spielerische der Österreicher. Außerhalb des Theaters habe ich tatsächlich mehr österreichische als deutsche Freunde.

Wenn ich während der Proben versuchen würde, Wienerisch zu reden, würde ich sicherlich ausgelacht. Das finde ich schade, tatsächlich würde ich gerne Wienerisch können. Und ich finde es auch toll, dass meine Kinder nicht mehr 'doch', sondern 'oh ja' sagen. Das österreichische 'oh ja' ist so viel behaglicher als dieses deutsche 'doch'."

Die Museumsdirektorin - "im Flugzeug Wiener Walzer pfeifen"

Karola Kraus, 51, leitet seit zwei Jahren das Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Karola Kraus, 51, leitet seit zwei Jahren das Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Foto: Lukas Beck/ Mumok


"Als die Leitung des Mumok ausgeschrieben wurde, des Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, leitete ich in Baden-Baden die staatliche Kunsthalle. Ich war schon oft in Wien gewesen und kannte hier sehr viele Künstler, Galeristen und die Museumsszene. Die Direktion des Mumok war schon immer mein großes Ziel. Es ist das größte österreichische Bundesmuseum für zeitgenössische Kunst und hat eine hochwertige Sammlung. Ich bewarb mich - und bekam einen Fünfjahresvertrag. Als erstes habe ich im Bundesministerium einen Antrag auf umfangreiche Renovierung gestellt. Dieser Antrag wurde sofort bewilligt. Dass ich das Haus zu meiner ersten Eröffnung in einem neuen Erscheinungsbild präsentieren konnte, war eines der schönsten Geschenke.

Diese Woche bin ich jeden Abend zu einer anderen Veranstaltung eingeladen, das gehört zur Arbeit mit bildender Kunst dazu. Am Samstag dann zu einem Mittagessen, zu einem Nachmittagscocktail und zu einem Abendessen. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Wiener gesellschaftliche Anlässe sehr gerne feiern. Die Eventkultur wird in Deutschland nicht so gepflegt wie hier.

Ein Geschäft voller Glühbirnen

Von Wienern werde ich selten auf meine Herkunft angesprochen. Aber andere fragen ständig, ob ich mich schon eingelebt habe, wie ich mich hier fühle und wie es mir mit den Wienern geht. Ich antworte immer, dass ich mit offenen Armen aufgenommen wurde und mich sehr gut eingelebt habe. Mittlerweile begreife ich mich als ein Teil der Wiener Gesellschaft. Die Stadt bietet in jeder Hinsicht sehr viel Qualität, sei es in der bildenden Kunst, der Musik, im Theater oder der Gastronomie.

Was ich hier ganz toll finde und was es in Deutschland fast überhaupt nicht mehr gibt, sind sehr viele kleine Geschäfte, in denen man ganz spezielle Sachen kaufen kann. Bei mir um die Ecke ist zum Beispiel noch so ein richtiger Elektroladen, der hat nichts anderes als Glühbirnen. In einem anderen Geschäft gibt es nur Messer und in einem dritten lauter Sachen aus Horn, vom Kamm bis zur Haarbürste. Ich frage mich schon, wie sie überleben, aber irgendwie scheint es ja zu gehen.

Ein Walzer nach der Landung

Mir macht es sehr viel Spaß, durch die Gassen zu schlendern. Meine Wohnung befindet sich in der Nähe des Museums und ich brauche nur fünf Minuten zur Arbeit. In Wien bin ich sehr viel zu Fuß unterwegs und im Sommer fahre ich gerne mit dem Fahrrad. Was ich zum Teil grenzwertig finde, ist, dass auf alte Gebäude moderne Aufbauten gesetzt werden. In Deutschland würde man keine Genehmigung dafür bekommen.

Meine Familie und mein Ehemann leben in Deutschland. Mein Mann kommt regelmäßig her, ein- bis zweimal im Monat bin ich von Freitag- bis Sonntagabend bei ihm. Wenn ich mit Austrian Airlines wieder nach Wien zurückfliege, freue ich mich, wenn nach der Landung der Wiener Walzer gespielt wird. Ich pfeife immer mit, obwohl mich alle ganz komisch anschauen. Ich kann nicht anders."

Protokolle: Ania Haar
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