Deutscher Auswanderer in Mexiko "Ich musste mir erst mal eine gewisse Lärmtoleranz aneignen"

Der Verkehr die Hölle, laute Musik mitten in der Nacht, dafür jede Menge Kultur und Agavenschnaps: Hendrik Giersiepen, 32, lebt in Mexiko-Stadt. Vieles begeistert ihn - eine Familie gründen will er dort aber lieber nicht.

Jan Hendrik Giersiepen

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"Mitten in der Nacht legt schon mal eine Mariachi-Kapelle mit traditioneller mexikanischer Musik los, und ohnehin wird es bei den Nachbarn öfter etwas lauter. Kurz nachdem ich vor zweieinhalb Jahren nach Mexiko-Stadt gezogen bin, hat mich so etwas noch genervt. Ich musste mir erstmal eine gewisse Lärmtoleranz aneignen. Mittlerweile habe ich kein Problem mehr, sondern finde es sogar ganz angenehm, dass der Umgang so entspannt ist.

Ich mag das Leben hier insgesamt. Ein bisschen erinnern mich die vielen unterschiedlichen Viertel in Mexiko-Stadt an Berlin - nur dass ich hier jeden Tag im T-Shirt nach draußen kann. Ich wohne mit meiner Frau in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, die um 700 Euro warm kostet. Mein Gehalt ist ähnlich wie in Deutschland. Wir sind Mittelklasse, aber die Unterschiede sind eben viel krasser - von ganz arm bis sehr reich.

Ich arbeite als Prozess-Manager bei einer Spirituosenfabrik, die unter anderem Mezcal, einen mexikanischen Agavenschnaps, herstellt. Daneben produzieren wir auch Mais-Whisky und Chili-Likör. Privat trinke ich trotzdem lieber Bier oder Wein, auch wenn der hier sehr teuer ist.

Mexiko kannte ich bis nur aus Urlauben

Hendrik Giersiepen und seine Frau, die aus Mexiko kommt
Jan Hendrik Giersiepen

Hendrik Giersiepen und seine Frau, die aus Mexiko kommt

Als meine Frau und ich im Herbst 2016 nach Mexiko gezogen sind, haben wir erst ein halbes Jahr in Puebla gelebt. Das ist eine schöne Stadt mit vielen Häusern aus der Kolonialzeit. Ich war noch Student der Getränketechnologie und habe dort mein Praxissemester gemacht.

Gearbeitet habe ich auf dem Land. Ich habe mitgeholfen, eine neue Produktionsstätte für die Spirituosenfabrik aufzubauen, bei der ich jetzt arbeite. Der Betrieb lag rund zwei Stunden entfernt, die Fahrt führte über Schotterpisten. Wir sind da fast täglich hingefahren. Ich habe dabei einen starken Kontrast zwischen der Großstadt Puebla und dem 500-Seelen-Dorf empfunden. Die Männer dort trugen Cowboyhüte und -stiefel.

Mexiko kannte ich bis dahin nur aus Urlauben. Meine Frau kommt von hier. Anfangs haben wir zusammen in Deutschland gelebt, waren aber öfter in Mexiko, verbrachten Zeit mit ihrer Familie und reisten an typische Touristenorte wie Yucatán. Wir haben alte Maya-Stätten angeschaut und an wunderschönen Stränden gebadet. Aber wir hatten immer schon die Idee, mal länger in Mexiko zu leben.

Die Chance ergab sich während des Praxissemesters. Mein Chef fragte, ob ich mir vorstellen könnte, auch nach meiner Abschlussarbeit für ihn in Mexiko-Stadt zu arbeiten. Ich sagte zu. Meine Frau fand einen Job in der Verwaltung der deutschen Botschaft.

Zu Stoßzeiten brauche ich zwei Stunden ins Büro

Mexiko-Stadt: Blick auf die Luftverschmutzung (Archivbild)
DPA

Mexiko-Stadt: Blick auf die Luftverschmutzung (Archivbild)

Die Arbeit nimmt einen riesigen Teil des Tages ein, auch weil die Anfahrt so lange dauert. Mexiko-Stadt ist riesig. Zu Stoßzeiten brauche ich für die 14 Kilometer zum Büro anderthalb bis zwei Stunden. Die Metro funktioniert zwar gut, auch wenn die Waggons immer brechend voll sind. Aber ins Geschäftsviertel fährt die Metro nicht, da muss ich in einen Privatbus umsteigen - und der Verkehr auf der Straße steht meistens.

Der Stau stresst mich. Inzwischen erledige ich deshalb am Vormittag meine Mails von zu Hause aus und gehe erst um die Mittagszeit ins Büro. Das klappt etwas besser.

Wegen des extremen Staus weiß man nie so genau, wie spät man irgendwo ankommt. Vielleicht liegt es auch daran, dass vereinbarte Uhrzeiten hier als weniger gesetzt angesehen werden als in Deutschland. Die Einstellung ist einfach eine andere: Mexikaner öffnen sich schnell, auch gegenüber Fremden, und laden einen direkt ein. Wenn man dann nicht kommt, ist das kein Problem, wenn doch, hat man die volle Aufmerksamkeit. Ich habe hier zwar viel schneller Freundschaften geschlossen als in Deutschland, aber oft bleiben diese eher unverbindlich.

Unter der Woche gehen meine Frau und ich selten aus. Nur in Restaurants sind wir häufig, oft mit Freunden oder Geschäftspartnern. Essengehen ist in Mexiko-Stadt viel günstiger als in Deutschland.

Ich mag die bunten Gerichte aus den unterschiedlichen Landesteilen genauso wie die internationale "Fusion-Küche": Ein Mix aus Japanisch und Mexikanisch ist zum Beispiel gerade sehr angesagt. Sogar an scharfe Chilis habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Meine Lieblingszutat bleiben jedoch Avocados. Deren Qualität ist hier einfach überragend.

Das Thema Gewalt ist allgegenwärtig

An den Wochenenden genießen meine Frau und ich das große kulturelle Angebot in der Stadt. Wir besuchen oft eines der vielen Museen, waren schon ein paar Mal in der Oper und bei Musikfestivals. Ab und zu gehen wir zum Tanzen in einen Klub. Zum Heimkommen nehmen wir meistens ein Uber, das ist günstig - und sicher.

Mexiko-Stadt gilt in bestimmten Gegenden als gefährliches Pflaster, und das hat seinen Grund. Riskant wird es vor allem in Problemvierteln, die ich normalerweise und nachts natürlich besonders meide. Ich bin generell aufmerksamer als in Deutschland und versuche, keine Wertgegenstände mit mir herumzutragen. Das Thema Gewalt ist leider allgegenwärtig, aber meinen Alltag bestimmt es trotzdem nicht. Man kann sich ja nicht die ganze Zeit Sorgen machen.

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Deutscher in Mexiko: Zwischen Schnaps und Stau

Ich selbst hatte auch bisher Glück und war nicht mit Kriminalität konfrontiert. Aber Bekannte von uns sind schon ausgeraubt oder mit Waffen bedroht worden. Das meiste, was passiert, würde ich aber dem Bereich der Kleinkriminalität zuordnen, wie es in jeder Großstadt passieren kann.

Was ich mir nicht vorstellen kann, ist eine Familie hier in Mexiko-Stadt zu gründen. Ich hätte nicht zuletzt wegen der langen Arbeitswege ja kaum Zeit für ein Kind. Auch die soziale Absicherung ist viel schlechter als in Deutschland. Das weiß ich jetzt erst zu schätzen. Deshalb gehen wir im Sommer nach fast drei Jahren in Mexiko wieder zurück. Mit einem Studienfreund will ich ein Unternehmen aufbauen. Für Gründer gibt es in Deutschland viel mehr Förderprogramme als hier.

Mit Mexiko möchte ich aber trotzdem verbunden bleiben, auch weil die Familie meiner Frau hier lebt. Vielleicht kommen wir auch irgendwann zurück. Aber dann würden wir wohl in eine kleinere, weniger stressige Stadt ziehen. Bis dahin will ich in Deutschland das genießen, was mir in Mexiko besonders fehlt: die Natur. Klar, es gibt hier großartige Nationalparks, aber Ausflüge dorthin müssen gut geplant sein. Einfach spontan rausfahren in den Wald und draufloslaufen - darauf freue ich mich schon!"

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Seite 1
timo.funken 26.05.2019
1.
Interessanter Artikel, man stellt sich ein Leben im Ausland häufig ja dann doch anders vor und denkt nicht daran, dass andere Lebensrealitäten einen dort auch stressen können. Vorallem überraschend, dass die Begegnung mit der Natur dort so aufwendig ist. Das wäre etwas, von dem ich mir vorgestellt hätte, dass es dort leichter ist. Liebe Grüße, Timo Funken
hps 26.05.2019
2. Darüber, wie das Sein das Bewusstsein bestimmt
Die eine Erfahrung die man macht, ist in einem Land zu arbeiten. Die andere das Erleben eines Urlaubes in dem Land. Wie Kathrin ja schon sagt, zwei sehr verschiedenen Seiten. Das Entscheidende ist nach meiner Erfahrung beim beruflichen Aufenthalt, dass es keinen feststellbarer Unterschied im Tagessablauf gibt. Gleich wo du bist, ist deine Tageszeit von der Arbeit aufgebraucht, bleibt für alles andere nicht viel übrig. Du bist erschöpft. Da kannst du in Nord Korea oder du kannst auf den Fidschi Inseln arbeiten.
vertitude 26.05.2019
3. Mexico mal anders
Spannend, dass bei diesem Bericht der Sicherheitsaspekt völlig ausgelassen wurde. Es wäre interessant zu wissen, ob das Herrn Giersiepen im Alltag tatsächlich wenig betrifft oder ob das Thema hier mit Absicht nicht erwähnt wurde - meist wird Mexico doch eigentlich immer in einem Atemzug mit einer starken Kriminalität genannt.
lukio 26.05.2019
4. @vertitude das Thema Sicherheit wurde doch behandelt?
Das Thema Gewalt ist allgegenwärtig An den Wochenenden genießen meine Frau und ich das große kulturelle Angebot in der Stadt. Wir besuchen oft eines der vielen Museen, waren schon ein paar Mal in der Oper und bei Musikfestivals. Ab und zu gehen wir zum Tanzen in einen Club. Zum Heimkommen nehmen wir meistens ein Uber, das ist günstig - und sicher. Mexiko-Stadt gilt in bestimmten Gegenden als gefährliches Pflaster, und das hat seinen Grund. Riskant wird es vor allem in Problemvierteln, die ich normalerweise und nachts natürlich besonders meide. Ich bin generell aufmerksamer als in Deutschland und versuche keine Wertgegenstände mit mir herumzutragen. Das Thema Gewalt ist leider allgegenwärtig, aber meinen Alltag bestimmt es trotzdem nicht. Man kann sich ja nicht die ganze Zeit Sorgen machen.
pelbaum 26.05.2019
5. Yucatan ...
ist kein Touristen-Ort, sondern schon ein bisschen mehr.
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