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Deutscher Farmer in Uganda »Ich war so naiv, einem Verfassungsrichter zu trauen«

Er lehrte Kleinbauern aus dem Kongo, wie man Vanille anbaut, und verkaufte ihre Ernte weiter. Dann stieg der Preis für Vanille von 75 Euro auf mehr als 600 Euro pro Kilo. Ein SPIEGEL-Best-of-2020-Text.
Der deutsche Forstwissenschaftler Clemens Fehr lebt seit 1999 in Uganda, Vanille baute er zunächst nur als Hobby an

Der deutsche Forstwissenschaftler Clemens Fehr lebt seit 1999 in Uganda, Vanille baute er zunächst nur als Hobby an

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Clemens Fehr

Sie haben ihre Mietverträge gekündigt, ihr Hab und Gut verkauft oder verschenkt, Freunden und Eltern Adieu gesagt und sich ins Abenteuer gestürzt – in Indonesien, Peru oder den USA. Seit Jahren berichtet der KarriereSPIEGEL über Auswanderer. Doch was wurde aus ihren Träumen? Wir haben nachgefragt.

Seit drei Jahren ist Vanille teurer als Silber. Ein Kilo schwarzer Schoten kostet derzeit um die 500 Euro, im vergangenen Jahr lag der Kilopreis sogar bei 600 Euro. Aber Vanille- und Kakaohändler Clemens Fehr freut sich nicht über den rasanten Preisanstieg.

»Es sind viele Spekulanten ins Geschäft eingestiegen, die keine Ahnung von Vanille haben. Sie zahlen Unsummen für schlechte Qualität und zerstören den Markt«, sagt er. »Und die Bauern ernten aus Angst vor Dieben die Schoten viel zu früh.« Unreife Vanille habe kein Aroma und rieche nach nichts, die Bauern fänden aber trotzdem Käufer dafür.

Fehr ist promovierter Forstwissenschaftler, seit 1999 lebt er in Uganda und fährt alle paar Wochen mit dem Motorrad über die Grenze in die Demokratische Republik Kongo. Dort hat er Kleinbauern den Anbau von Vanille gelehrt. Anfangs seien die Bauern sehr skeptisch gewesen, sagt er. »Diese Orchideen kannten sie überhaupt nicht.« Doch nach der ersten Ernte wuchs die Begeisterung.

Warum ist Vanille so teuer?
  • Die Nachfrage nach echter Vanille ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Lange verwendeten Lebensmittelhersteller günstigere Imitate wie Vanillin, das zum Beispiel aus Nebenprodukten bei der Herstellung von Papier gewonnen werden kann. Der Trend geht nun zu natürlichen Inhaltsstoffen.

  • 60 Prozent der weltweit verwendeten Vanille wachsen auf Madagaskar. 2017 fegte ein Zyklon über die Insel und zerstörte große Teile der Anbauflächen.

  • Vanille zu züchten, ist sehr aufwendig: Ab der Saat dauert es etwa vier Jahre, bis eine Pflanze blüht. Jede einzelne Blüte ist nur einen Vormittag lang geöffnet und muss einzeln per Hand bestäubt werden – und 600 bestäubte Blüten ergeben gerade mal ein Kilogramm Vanillestangen. Sechs Monate nach der Bestäubung kann eine Vanillekapsel geerntet werden, aber dann ist sie noch immer nicht marktreif. Die Schoten müssen erst noch getrocknet und fermentiert werden, was noch einmal zwei bis drei Monate dauert.

  • Die Preise für Vanille schwanken in Zyklen. Um die Jahrtausendwende kostete ein Kilo Vanille nach starken Stürmen auf Madagaskar schon einmal rund 500 Euro. Viele Bauern stiegen in das Geschäft ein, was zu einem Überangebot führte: Der Preis fiel auf 25 Euro pro Kilo. Im Moment scheint ein neuer Abwärtstrend zu beginnen.

Als der SPIEGEL vor sechs Jahren über Fehr berichtete, lag der Preis für ein Kilo Vanille noch bei 75 Euro und mehr. 600 Kleinbauern aus dem Kongo belieferten ihn regelmäßig. Drei bis vier Tonnen Vanille kaufte er ihnen im Jahr ab. Die Preisexplosion hat dieses Geschäft zerstört. Viele Bauern verkaufen jetzt lieber an Spekulanten oder bieten unreife Schoten an. Nur mit Kakao oder Chili kommt Fehr noch mit den Kongolesen ins Geschäft.

Er baut jetzt seine eigene Plantage auf, ist vom Händler zum Farmer geworden. 55 Hektar hat er in Uganda gepachtet, 25 Kilometer von den Quellen des Nil entfernt. Dort sollen schon bald Vanille, Macadamia-Nüsse und Kakao gedeihen, mit Bio-Siegel. 750.000 Euro haben Investoren aus Dänemark, Japan, Frankreich und Italien in das Projekt gesteckt.

Für Fehr ist es schon die zweite Firmengründung. Mit seiner ersten Firma handelt er Vanille, Kakao und Chili aus sozial und ökologisch nachhaltigem Anbau. Die Produkte sind als Bio und Fair Trade zertifiziert – und seit wenigen Tagen hat Fehr auch ein Demeter-Zertifikat für seinen Kakao, worauf er besonders stolz ist: »Wir sind damit Vorreiter in ganz Afrika.«

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Vom Entwicklungshelfer zum Tropenlandwirt

Foto: Clemens Fehr

Einmal im Jahr reist Fehr nach Deutschland zur Biofachmesse in Nürnberg, mit knapp 3000 Ausstellern aus 144 Ländern der Branchentreffpunkt schlechthin. In diesem Jahr hat er seine Tochter mitgebracht, zusammen mit ihrer Zwillingsschwester hat sie vor Kurzem die Internationale Schule in Uganda abgeschlossen und ist sechs Monate durch Europa gereist. Von Deutschland waren die beiden eher enttäuscht. Zu kalt und zu viele alte Menschen, lautete ihr harsches Urteil.

Fehr will trotzdem, dass seine Kinder in Europa studieren und Berufserfahrung sammeln. »Wenn sie dann nach Uganda zurückkommen, stehen ihnen alle Türen offen, weil sie beide Welten kennen.«

Wie man auf einem Markt verhandelt, im chaotischen Straßenverkehr besteht, wie man verlässliche Geschäftspartner findet – all das habe er sich hart erarbeiten müssen, seinen Kindern sei dieses Wissen schon in die Wiege gelegt worden, sagt Fehr. »Sie wissen, bei welchen Sätzen man hellhörig werden muss«, ein Spruch wie »Ich bin auf dem Weg« könne auch »Ich komme irgendwann an« bedeuten.

Eine Viertelmillion Euro verloren

Er sei anfangs so naiv gewesen, dass er dachte, jemand, der als Verfassungsrichter arbeitet, sei allein deshalb schon vertrauenswürdig, erzählt er. »In Deutschland gilt: Ein Vertrag ist ein Vertrag. Das darf man hier aber nicht erwarten.« Eine Viertelmillion Euro hat Fehr verloren, weil er Land pachtete, das er letztlich nie benutzen durfte. Zweimal versuchten Diebe, Vanille aus seinem Lager zu stehlen. Und ein Lieferant betrog ihn um den Gewinn eines ganzen Jahres.

»So ein Risiko muss man hier einkalkulieren«, sagt er. »Wenn man das tägliche Leben der Menschen kennt, hat man fast Verständnis dafür.« Wer keine Zukunftsperspektive habe, verhalte sich entsprechend – und leider treffe das auf viele Menschen in Uganda und Kongo zu.

Kulturschock
Foto: epa efe Lacerda/ dpa

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Fehr kam in den Neunzigerjahren als Entwicklungshelfer nach Zentralafrika. Er war frustriert, wie wenig er vor Ort bewirken konnte, wie viel Geld verprasst wurde, aber er verliebte sich erst in den Kontinent und dann in eine Frau. Sie hat eine kongolesische Mutter und einen französischen Vater, die Vorfahren bauten Kaffee im Kongo an. Und so wurde Fehr, Sohn einer badischen Winzerfamilie, zum Tropenlandwirt.

»Einzelnen Menschen Geld zu geben, ist ja lieb und nett, aber Spenden ändern nichts an der Gesamtsituation«, sagt er. »Wer einen nachhaltigen Einfluss haben will, muss langfristige Möglichkeiten für die Zusammenarbeit bieten – und genau das tue ich.«

Je nach Saison beschäftige er 40 bis 200 Menschen, bis zu 600 Kleinbauern kaufe er Kakao, Chili oder Vanille ab. Zusammen mit seiner Frau und drei Kindern lebt er in Kampala, der Hauptstadt Ugandas.

150 Prozent Steuern auf Wein

Hektisch, laut und stressig sei es da, sagt Fehr. Die innere Stadt sei ein Labyrinth aus ungeplanten Gassen und vierspurigen Straßen, die auch schon zum Markt oder zur Taxihaltestelle umfunktioniert werden, aber es gebe auch französische und belgische Metzger, italienische Pizzerien, Sushi-Restaurants und chinesische Supermärkte. Von Miesmuscheln aus Belgien bis Garnelen aus Tansania sei alles erhältlich. »Nur beim Wein hapert es, der ist mit 150 Prozent besteuert.«

Uganda habe in den fast 40 Jahren nach Ende des Bürgerkriegs große Fortschritte gemacht, sagt Fehr. »Aber es bleibt unter dem Strich ein armes Land. Es gibt kaum Arbeit, die Einkommen sind gering, und das System ist korrupt.«  

Im Kongo, einem der ärmsten Länder der Welt, ist die Lage noch kritischer. Vor allem der Osten, wo die Kleinbauern leben, mit denen Fehr zusammenarbeitet, ist geprägt durch Bürgerkrieg und anhaltende Kämpfe. In der Region wurde erst vor wenigen Wochen ein Stützpunkt der Uno-Friedenstruppen gestürmt, mehr als 70 Zivilisten wurden getötet, Dutzende sterben jede Woche an Masern oder Ebola.

Die Menschen seien trotzdem »immer freundlich, höflich und gut gelaunt«, sagt Fehr. »Davon können wir wohlhabenden Europäer uns eine Scheibe abschneiden.«

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