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Deutscher in Sambia: Seit 35 Jahren in Afrika

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Deutscher in Sambia "Von Altenheimen habe ich hier noch nie gehört"

Stephan Sindern, 69, ist vor vielen Jahren nach Sambia ausgewandert. Rente bekommt er in dem afrikanischen Land nicht. Deshalb musste er eine andere Lösung finden, um im Alter Geld einzunehmen.

"Ich lebe seit mehr als 35 Jahren in Sambia und habe dort ein 4000 Quadratmeter großes Grundstück, mitten in der Hauptstadt Lusaka. Im Garten wächst ein wilder Miombo-Wald, und neben unserem Haus, in dem ich mit meiner Frau und unseren zwei Kindern wohne, habe ich fünf weitere Häuser bauen lassen. Ein richtiges kleines Dorf!

Hier leben nun unsere Mieter. Sie kommen aus Indien, Israel, den USA, Namibia und Sambia. Alle benutzen den Swimmingpool und feiern ihre Geburtstage in unserer Strohhütte. Ich mag diese Gemeinschaft, und die Mieteinnahmen sind natürlich auch für meine Altersabsicherung wichtig. Aus Deutschland bekomme ich keine Rente.

In Sambia gibt es keine staatliche Rente für alle. So eine Absicherung entwickelt sich gerade erst. Wenn die Leute aufhören zu arbeiten, ziehen viele von der Stadt wieder aufs Land. Die Großfamilie kümmert sich dann in der Regel um sie, ihre Kinder, aber auch alle anderen Verwandten. Von Altenheimen habe ich hier noch nie gehört.

Ich bin zwar Pensionär, aber noch nicht ganz im Ruhestand. Acht Stunden pro Woche unterrichte ich Wirtschaftsstudenten in empirischer Sozialforschung. Auf Englisch. Das ist sehr interessant. Zusätzlich nehme ich ab und zu kleinere Aufträge als Unternehmensberater an, so wie neulich für die Jesuitenschule, auf der mein Sohn war. Angefangen habe ich als Berater für Entwicklungspolitik.

Ich habe in fast allen Branchen gearbeitet

Ich habe Geologie und Soziologie studiert und war Unternehmensberater, als ich nach Sambia gekommen bin. Meine damalige Frau hat damals eine Stelle bei einer politischen Stiftung bekommen, ich bin mit ihr gegangen - und dann geblieben. Anfangs habe ich entwicklungspolitische Institutionen beraten, später hatte ich vor allem sambische Kunden. Ich habe in fast allen Branchen gearbeitet: in der Landwirtschaft, im Tourismus, für Bergwerke, Hochschulen und Medien. Ich war zum Beispiel auch Logistikmanager im Kafue-Nationalpark und habe die Antikorruptionsbehörde reorganisiert.

Wenn man in die Buchhaltung eines Unternehmens oder einer Behörde blickt, erfährt man viel über ein Land. Mein Eindruck: In Sambia hat sich im Laufe der Jahre die Marktwirtschaft durchgesetzt, nachdem das System in meiner Anfangszeit hier noch eher sozialistisch war, aber trotzdem gehen viele Sambier Probleme anders an als Deutsche.

Wir handeln oft nach der Logik, dass unsere Taten Konsequenzen haben: Wenn ich dies tue, folgt das daraus. Für mich ist auch völlig klar: Man kann nicht mehr Geld ausgeben, als man einnimmt. Aber hier hoffen Menschen oft, dass doch noch irgendwo Geld herkommt.

Konflikte versucht man zu vermeiden

Ich erlebe außerdem, dass die Menschen in Sambia viel rücksichtsvoller miteinander umgehen als in Deutschland. Konflikte versucht man zu vermeiden. Ein Problem wird nicht direkt angesprochen, sondern die Leute arbeiten länger auf den passenden Moment hin - und thematisieren es dann. Vielleicht trägt jemand sein Anliegen auch gar nicht selbst vor, sondern schickt lieber jemand anderen, wenn es sich um eine ernste Angelegenheit handelt. Dann ist es für den Beteiligten einfacher, den Wunsch abzulehnen.

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Insgesamt sind die Menschen in Sambia sehr friedlich und auch sehr stolz darauf. Hier gab es keine größeren Konflikte, anders als in vielen anderen afrikanischen Ländern. Viele Sambier sind tolerant. Wenn ich im Straßencafé sitze, gehen da vollverschleierte Musliminnen genauso vorbei wie Frauen in Hotpants. Das regt hier niemanden auf. Das finde ich gut!

Natürlich gibt es hier aber auch große soziale Unterschiede. Lusaka ist eine chaotische Stadt, die schnell wächst. Heute ist das eine moderne Metropole. Ich habe den Aufschwung miterlebt. Es gibt einen neuen Stadtkern mit vielen Hochhäusern. Dort sind inzwischen auch alle Straßen geteert.

'Das ist der Mzungu-Preis, oder?'

Ich wohne mit meiner Familie in einem ruhigen, bürgerlichen Viertel. Aber rundherum gibt es eben auch sogenannte Compounds, Siedlungen von ärmeren Menschen. Die leben auf dichtestem Raum zusammen, aber dennoch recht friedlich. Wenn ich Lust auf richtig afrikanisches Leben habe, gehe ich dorthin. Zum nächsten Compound sind es drei Kilometer zu Fuß. Da treffe ich mich mit Bekannten auf ein Bier in einer Straßenkneipe. Da pulsiert das afrikanische Leben.

Als Weißer muss ich fast immer mehr zahlen als die Einheimischen. Ich kann zwar eine der Landessprachen, Nyanja, aber das hilft bei Preisverhandlungen wenig. Die Verkäufer sehen mich, und der Preis wird verdreifacht. Natürlich versuche ich, den Preis herunterzuhandeln, aber er bleibt immer höher als für die anderen. Ich will ja auch nicht geizig sein und sage dann nur mit einem Grinsen: 'Das ist der Mzungu-Preis, oder?'

Mzungu ist in Sambia ein Begriff für Europäer. Dass ein Weißer mehr bezahlen muss, finden die Menschen hier nicht ungerecht. Wer mehr Geld hat, muss eben mehr zahlen. Das ist eine ganz andere Denkweise als die, die wir gewohnt sind.

Es ist wichtig, die Höflichkeitsregeln zu kennen

Im Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen beobachte ich, dass es öfter Missverständnisse aufgrund verschiedener kultureller Gebräuche gibt. Auf sambischer Seite kann das zu Vorbehalten gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen führen. Das zeigt sich aber nur selten in aggressivem oder arrogantem, sondern eher sehr vorsichtigem und höflichem Verhalten der Sambier im Umgang mit Fremden.

Wenn man selbst sich nicht arrogant oder zu ignorant verhält, geht das schnell in Freundlichkeit und Gelassenheit über. Und Vorbehalte werden aufgegeben, wenn der sambische Partner annimmt, dass ein Mzungu eben einfach die sambischen Regeln der Höflichkeit nicht kennt und zum Beispiel nicht weiß, wie man sich sambisch begrüßt oder warum eine Teilnahme an einem Begräbnis eines Arbeitskollegen oder Nachbarn oder zusammen tanzen wichtig sind.

Ich habe aber erlebt, dass die Kenntnis dieser Regeln überlebenswichtig ist: Wenn man zeigt, dass man sich auskennt, wird man sofort gelobt und einbezogen.

Bitte ein Expertenteam nach Deutschland schicken

Insgesamt spielen Hautfarbe und Herkunft in Sambia nach meinem Eindruck keine große Rolle im Umgang miteinander, trotz aller kulturellen Unterschiede der vielen verschiedenen Bevölkerungsgruppen hierzulande. Allein seitdem ich hier lebe, gab es immer wieder Einwanderungsphasen: Weiße Farmer aus Simbabwe und Südafrika kamen ebenso wie Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Kongo und Ruanda oder jetzt vermehrt Menschen aus China.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten

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Die Sambier sind dadurch offenbar zu Integrationsexperten geworden - und sehr guten Beobachtern. Ich musste mal Tränen lachen, als ein sambischer Staatssekretär bei einem feucht-fröhlichen Empfang sehr treffend ausländische Experten verschiedener Entwicklungshilfeorganisationen parodierte. Danach dachte ich: Vielleicht könnte Deutschland mit seinen Integrationsproblemen mal die sambische Regierung bitten, ein Expertenteam zu schicken.

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