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Job & Karriere

Ein Deutscher in Shanghai »Ich arbeite oft 80 Stunden in der Woche«

Kevin Johannes Wörner lebt seit mehr als drei Jahren in Shanghai. Die harte Arbeit macht ihm nichts aus. Für immer bleiben will er dennoch nicht – denn er hat einen Plan.
Kevin Johannes Wörner: »Mir macht es nichts aus, so viel zu arbeiten«

Kevin Johannes Wörner: »Mir macht es nichts aus, so viel zu arbeiten«

Foto: privat

Viele Menschen träumen von einem Leben in der Ferne, aber nur wenige setzen diese Träume auch um. Was treibt sie an? Wie schaffen sie den Neustart in der Fremde? Davon handelt das Buch »Mittagspause auf dem Mekong«  der SPIEGEL-Redakteurinnen Kristin Haug und Verena Töpper. Sie haben Geschichten von Deutschen in 28 Ländern auf sechs Kontinenten gesammelt. Dieser Text ist ein aktualisierter Auszug aus ihrem Buch, das im vergangenen Jahr erschienen ist.

»Neulich lag ich in meinem Bett, und plötzlich fiel ein Stück Decke auf meinen Schreibtisch. Ich habe mich zwar erschrocken, aber es ist nichts weiter passiert. Mittlerweile nehme ich so etwas mit Humor. Es gehört wohl zum Leben in China dazu, dass nicht immer alles hundert Prozent ist.

Seit mehr als drei Jahren lebe ich in Shanghai. Als ich hierhergeflogen bin, hatte ich nur eine Tasche fürs Handgepäck mit meinem Handy, Laptop, Kamera und Ladegeräten dabei. Und einen großen Koffer mit Kleidung für ein paar Wochen, um nicht gleich einen Waschsalon vor Ort suchen zu müssen.

Mein bester Freund im Kindergarten war Chinese, bei seiner Familie war ich oft zum Spielen eingeladen. Ich kam also schon ziemlich früh mit der chinesischen Kultur in Kontakt. Während meines Wirtschaftsstudiums in Mannheim lernte ich auch Chinesisch und verbrachte ein Auslandssemester in Shanghai. Die Stadt ließ mich nicht mehr los. Ich wusste, ich wollte dort eine Zeit lang arbeiten. Chinas Wirtschaft erscheint mir sehr interessant, weil es so viele innovative Unternehmen gibt und der chinesische Markt auch noch die nächsten 50 Jahre relevant sein wird.

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Kristin Haug, Verena Töpper

Mittagspause auf dem Mekong

Verlag: Penguin Verlag
Seitenzahl: 256
Für 14,00 € kaufen
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In Jing'an, ein zentraler Stadtteil Shanghais, hatte ich ein Airbnb gemietet und mich die ersten zwei Wochen mit Leuten verabredet, die ich noch aus dem Auslandssemester kannte. Allen meinen Kontakten erzählte ich, dass ich ein paar Jahre als Berater für Roland Berger gearbeitet, ein Start-up gegründet hatte und nun in Shanghai auf Jobsuche sei.

Besser hätte es für mich nicht laufen können

Und ich hatte Glück: Eineinhalb Monate nachdem ich in Shanghai gelandet war, hatte ich einen unterschriebenen Arbeitsvertrag. Besser hätte es für mich nicht laufen können.

Inzwischen bin ich für mehrere Geschäftsbereiche in unserem Unternehmen verantwortlich. Wir helfen Start-ups aus Ländern wie Italien, Südkorea, Japan, Russland, Österreich und Australien, auf dem chinesischen Markt Fuß zu fassen. Zum Beispiel betreue ich ein russisches Unternehmen, das eine App zum Fremdsprachenlernen nach China bringen will.

»Meine Eltern konnten nicht verstehen, wieso ich meinen gut bezahlten Job nach ein paar Jahren gekündigt habe und nach China gezogen bin.«

Unsere Leistung sieht dann meist so aus: Zuerst stellen wir den Gründern ein Büro in Shanghai zur Verfügung, dann bieten wir ihnen Workshops über die chinesischen Märkte an – welche Player es gibt, wie das Marketing hier funktioniert und wo man Geld verdienen kann. Dann helfen wir den Start-ups, ein Netzwerk aufzubauen, indem wir Treffen mit potenziellen Geschäftspartnern vermitteln.

Motto in Shanghai: Humble hustle

Gute Gründer erkennen wir daran, dass sie uns als Sprungbrett nutzen und dann selbst mit dem Netzwerken beginnen, Investoren suchen und die ersten Kundenverträge abschließen. In einige Start-ups investiere ich auch persönlich.

Ich habe für die Arbeit in Shanghai ein Motto gefunden: Humble hustle. Wer hier erfolgreich sein will, muss demütig genug sein, um zu erkennen, dass er nichts über den Markt weiß, und er muss so viel lernen wie möglich. Und er muss 9-9-6 arbeiten – also von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends, sechs Tage die Woche. Diejenigen, die nur von 9 bis 17 Uhr arbeiten, die bekommen ein Problem: Jemand könnte die Idee entdecken, härter arbeiten und den Konkurrenten überholen.

Fotostrecke

Humble Hustle in Shanghai

Foto: privat

Oft arbeite ich 80 Stunden in der Woche, das macht mir nichts aus. Aber ich kann mir die Zeit gut einteilen und habe mir schnell ein Hobby gesucht, damit ich neben der Arbeit noch etwas anderes habe. Jetzt trainiere ich Muay Thai – so eine Art Thai-Kickboxen, bei dem die Sportler auch ihre Ellbogen und Knie einsetzen können. Manchmal gehe ich gegen sechs Uhr abends zum Training und setze mich dann um zehn Uhr noch mal ins Büro. Manchmal arbeite ich auch sonntags.

Snackautomaten mit Gesichtserkennung

Meine Eltern konnten nicht verstehen, wieso ich meinen gut bezahlten Job nach ein paar Jahren gekündigt habe und nach China gezogen bin. Aber ich habe mir gesagt, wenn ich erst einmal über 30 bin und in Europa eine Familie gründen will, dann gehe ich nicht mehr ins Ausland.

Am meisten musste ich mich daran gewöhnen, plötzlich ein chinesisches Unternehmen zu repräsentieren. Ich bin auf eine Position gekommen, wo ich Vertretern anderer Regierungen unser Unternehmen vorstelle oder mit CEOs von mittelständischen Unternehmen essen gehe. Manche Geschäftspartner sind skeptisch, wenn sie sehen, dass ich noch so jung bin. Umso wichtiger ist es, mich mit klugen Beiträgen ins rechte Licht zu rücken. Und das hat bislang immer gut geklappt.

Generell fühle ich mich in Shanghai ziemlich wohl, die Stadt verändert sich fast täglich, alles ist sehr futuristisch – zum Beispiel gibt es Snackautomaten, bei denen man mit Gesichtserkennung bezahlt. Ich bin hier in einer Stadt, die boomt, die Leute sind extrem ambitioniert, und immer scheint es irgendwo eine Möglichkeit zu geben, um Geschäfte zu machen.

Aber ich glaube nicht, dass ich für immer hierbleibe. Als Ausländer werde ich hier nie komplett integriert sein, zum Beispiel werden mir immer manche Investmentmöglichkeiten verwehrt bleiben. Und bis ich hier in der Natur bin, müsste ich zwei Stunden fahren. Eigentlich muss man fliegen, um Rückzugsorte zu finden.

Man muss auch damit klarkommen, dass China kein demokratisches Land ist. Ich habe einige meiner Kollegen und Freunde gefragt, wie sie das autoritäre System finden. Manche meinten sogar, sie hätten gar keinen Bock auf eine Demokratie, weil es ihnen wirtschaftlich sonst niemals so gut gehen würde wie jetzt.

Am Anfang war ich von so einer Aussage total schockiert, aber mittlerweile glaube ich, dass es wohl für jedes Land und zu jedem Entwicklungszeitpunkt eine richtige Form gibt. Aber Pressefreiheit sollte es schon geben. Ich kann von China aus nicht einfach so auf deutsche Nachrichtenseiten gehen, YouTube oder WhatsApp benutzen. Nur über Programme, die ich downloade, kann ich die Sperre umgehen. Die Regierung toleriert das meist bei Expats.

Und so faszinierend, wie die Stadt ist, so erschöpfend ist sie auch. Ich vergleiche das Leben hier gern mit einer Achterbahnfahrt, man kann eine ganze Weile damit fahren, und so lange macht es auch Spaß. Aber irgendwann wird einem vielleicht übel.«