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18. Dezember 2018, 00:00 Uhr

Studie

Gleichberechtigung in Deutschland stagniert

Gerecht geht anders: Das Weltwirtschaftsforum bescheinigt Deutschland kaum noch Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung. Besonders in der Politik und in der Wirtschaft hakt es.

Die Gleichberechtigung in Deutschland kommt kaum voran: Der Frauenanteil in den Parlamenten hat abgenommen, zudem haben Frauen weiter deutlich schlechtere Bildungschancen als Männer. Das hat eine neue Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) ergeben.

Der "Global Gender Gap Report" des WEF wird jährlich veröffentlicht. In der aktuellen Ausgabe rutscht Deutschland in der Gesamtwertung auf Rang 14 ab, zwei Plätze niedriger als im vergangenen Jahr. Beim ersten Ranking 2006 hatte die Bundesrepublik noch auf Platz 5 gestanden. Spitzenreiter bleibt Island.

Das WEF untersuchte für den Bericht in 149 Staaten, wie gut die Gleichberechtigung in vier Bereichen vollzogen wurde. Als Vergleichswert wird berechnet, wie stark die Gerechtigkeitslücke zwischen Männern und Frauen bereits geschlossen ist.

Insgesamt stagniere die Gleichberechtigung, in einigen Bereichen wachse die Kluft sogar wieder, warnt das WEF. So habe das Gefälle zwischen Männern und Frauen in den Bereichen Gesundheit und Bildung zugenommen. Lediglich bei der wirtschaftlichen Chancengleichheit sei die Kluft verringert worden, allerdings sei der Frauenanteil an der weltweiten Erwerbsbevölkerung zurückgegangen.

Im Vorjahr hatten die Autoren erstmals seit Veröffentlichung der Studie 2006 eine weltweite Vergrößerung der Kluft zwischen Frauen und Männern festgestellt. Vor diesem Hintergrund sei die - wenn auch marginale - Verbesserung in diesem Jahr begrüßenswert. Weltweit ist die Geschlechterkluft demnach zu 68 Prozent geschlossen.

Westeuropa als Region führend

"Mehr denn je können es Gesellschaften sich nicht leisten, auf die Fähigkeiten, Ideen und Perspektiven der Hälfte der Menschheit zu verzichten", kommentierte WEF-Gründer Klaus Schwab den Bericht. Nur mit gleichberechtigter Teilhabe der Frauen lasse sich das Versprechen einer wohlhabenderen und menschlich orientierten Zukunft umsetzen.

Probleme gibt es fast überall. Auch Spitzenreiter Island wurde mit einer zu 85,8 Prozent geschlossenen Lücke schlechter bewertet als im Vorjahr (88 Prozent). Dort habe sich die Kluft bei weiblichen Abgeordneten sowie Beamtinnen und Managerinnen vergrößert.

Es folgen Norwegen, Schweden und Finnland sowie das mittelamerikanische Nicaragua und das ostafrikanische Ruanda. Die USA fallen um zwei Plätze auf Rang 51. Westeuropa bleibt die Region mit der höchsten Gleichstellung (75,8 Prozent), Schlusslicht sind der Nahe Osten und Nordafrika (60,2 Prozent).

Im jetzigen Tempo werde es länger dauern, die globale Lücke zwischen den Geschlechtern zu schließen, schreiben die Autoren. Sie rechnen für die 106 Länder, die bereits 2006 untersucht wurden, mit 108 Jahren - verglichen mit 100 beim vorigen Bericht.

Anders gesagt: Wer Gleichberechtigung will, muss beim aktuellen Veränderungstempo geduldig sein. Bis zur Gleichstellung am Arbeitsplatz würde es demnach noch 202 Jahre dauern.

him/dpa

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