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Studie des DGB Jeder achte Azubi wird gar nicht ausgebildet

Sie werden ausgenutzt statt ausgebildet - das sagen viele Lehrlinge, vor allem in der Hotelbranche und Gastronomie. Eine Umfrage des DGB zeigt aber, dass es auch positive Entwicklungen gibt.
Angehende Hotelfachleute bewerten ihre Ausbildung besonders schlecht

Angehende Hotelfachleute bewerten ihre Ausbildung besonders schlecht

Foto: andresr / E+ / Getty Images

Sie besorgen Blumen für die Schwiegermutter des Chefs, putzen die Toiletten oder wischen den Boden in der Büroküche - jeder achte Azubi muss regelmäßig Tätigkeiten übernehmen, die nicht zur Ausbildung gehören, und jeder Zehnte wird nie oder nur selten von einem Ausbilder angeleitet. Was sie eigentlich lernen sollen, wissen viele gar nicht: Jedem Dritten liegt kein betrieblicher Ausbildungsplan vor, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Das geht aus dem Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) hervor, für den mehr als 13.000 Lehrlinge der 25 häufigsten Ausbildungsberufe befragt wurden.

Jeder Sechste sagte, er könne die Ausbildung in seinem Betrieb nicht weiterempfehlen. Auffällig ist, dass die Begeisterung vieler im Laufe der Lehrjahre abnimmt: Während im ersten Ausbildungsjahr noch fast 71 Prozent ihre Ausbildung weiterempfehlen würden, sind es im letzten Ausbildungsjahr nur knapp über die Hälfte.

Eine eigene Wohnung kann sich kaum einer leisten

Fast 60 Prozent der Befragten gaben an, "weniger gut" oder "gar nicht" von der Ausbildungsvergütung leben zu können. Jeder Dritte sagte, er werde finanziell von den Eltern oder Bekannten unterstützt, jeder Zehnte hat zusätzlich zur Ausbildung noch einen Nebenjob. Die Vergütung von Azubis fällt je nach Branche und Region sehr unterschiedlich aus. Im Schnitt über alle Lehrjahre und Branchen hinweg gaben die Befragten an, 836 Euro pro Monat zu erhalten - das sind mehr als 100 Euro weniger als die durchschnittliche tariflich geregelte Ausbildungsvergütung.

Zwei Drittel der Befragten (65 Prozent) würden gern in einer eigenen Wohnung leben. Tatsächlich wohnen aber mehr als 70 Prozent noch bei den Eltern oder anderen Verwandten. Der DGB fordert deshalb den Bau von staatlich geförderten Azubi-Apartments: "Der Schritt in die Ausbildung ist für junge Menschen ein Schritt in die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit von den Eltern. Bezahlbarer Wohnraum ist für diesen Schritt ein absolutes Muss", heißt es in dem Report.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen: Die Zahl der Auszubildenden, die regelmäßig Überstunden machen muss, ist von 42 Prozent im Jahr 2009 auf 34 Prozent zurückgegangen. Und nur knapp zwölf Prozent der Befragten erhalten keinen Ausgleich für diese Mehrarbeit. 2010 hatte dieser Wert noch bei 20 Prozent gelegen.

Allerdings sind die Unterschiede zwischen den Ausbildungsberufen nach wie vor groß: Von den befragten Hotelfachleuten und Köchen sagte jeder Zweite, er müsse regelmäßig länger arbeiten - und zwar im Schnitt mehr als fünf Stunden pro Woche.

Auch in der Gesamtbewertung schnitt die Ausbildung der Hotelfachleute besonders schlecht ab. Ähnlich unzufrieden mit ihrer Lehre waren Zahnmedizinische Fachangestellte, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik, Verkäufer und Maler und Lackierer. Am besten bewerteten ihre Ausbildung angehende Industriemechaniker, Verwaltungsfachangestellte, Mechatroniker, Elektroniker für Betriebstechnik und Bankkaufleute.

Je größer der Betrieb, desto zufriedener die Azubis

Laut Ausbildungsreport gilt dabei der Grundsatz: Je größer der Betrieb, desto zufriedener sind die Azubis. Das liege wohl an "guten personellen und materiellen Voraussetzungen", schreiben die Autoren: In Großbetrieben achteten zum Beispiel Betriebsräte auf die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben. "Klein- und Kleinstbetriebe hingegen stehen oft vor der Herausforderung, mit wenig Personal flexibel auf Angebot und Nachfrage reagieren zu müssen."

In der Coronakrise könnte sich dies nun noch verschärfen. Im Report wird eine angehende Hörakustikerin zitiert, die Ende April online einen Hilferuf an den DGB richtete: Ihr Unternehmen habe Kurzarbeit angemeldet, "wodurch nun meine Meisterin nur noch halbtags da ist und ich als Azubine das Geschäft den restlichen halben Tag allein leiten muss".

Mehr zur Studie

Für die Studie wurden 13.347 Auszubildende in den 25 am häufigsten gewählten Ausbildungsberufen befragt. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Zusammensetzung der 25 Berufe geringfügig verändert. So befinden sich die Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk nicht mehr unter den 25 häufigsten Ausbildungsberufen. Neu hinzugekommen sind dafür die Fachlageristen.

Schon vor Corona klagten viele Auszubildende über eine hohe Arbeitsbelastung: Knapp 25 Prozent der Befragten gaben an, sich nach der Ausbildung nicht richtig erholen zu können. "Da, wo es schon vorher schlecht lief, wird es in der Krise kaum besser werden", sagt DGB-Jugendsekretärin Manuela Conte - und mahnt, dass Betriebe auch bei Kurzarbeit dafür zu sorgen haben, dass den Auszubildenden die nötigen Lerninhalte vermittelt werden.

Die Zukunftsperspektiven waren schon vor der Krise für viele Auszubildende schlecht: Jeder Dritte wusste selbst im letzten Ausbildungsjahr noch nicht, ob er oder sie vom Ausbildungsbetrieb übernommen wird. Und von den Auszubildenden im dritten Lehrjahr, die bereits wussten, dass sie nicht übernommen werden, hatten lediglich 14 Prozent eine Zusage für eine Weiterbeschäftigung in einem anderen Betrieb.

Die Chancen auf eine Übernahme hängen stark vom jeweiligen Ausbildungsberuf ab: So hatten fast 72 Prozent aller befragten Verwaltungsfachangestellten und 61 Prozent der befragten Mechatroniker schon die Zusage für eine Weiterbeschäftigung. Bei den Friseuren waren es nur 20 Prozent, bei Verkäufern knapp 25 Prozent und bei den Hotelfachleuten 26 Prozent.