DGB-Index Mehr als die Hälfte der Beschäftigten fühlt sich gehetzt

Millionen Deutsche leiden unter Zeitdruck am Arbeitsplatz. Das zeigt eine Umfrage des DGB. Auch Konflikte im Job und Sorgen um die Alterssicherung führen zu hoher Belastung - doch das sind nicht die einzigen Gründe.

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obs/Merck Healthcare, gettyimages / skynesher

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Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat in Berlin den "DGB-Index Gute Arbeit 2018" vorgestellt. Daraus geht hervor, dass sich 52 Prozent der deutschen Beschäftigten bei der Arbeit oft gehetzt fühlen und großem Zeitdruck ausgesetzt sind. Fast jede und jeder Dritte sieht sich häufig verschiedenen Anforderungen ausgesetzt, die schwer vereinbar sind.

"Seit Jahren sprechen wir von den Chancen der Digitalisierung. Doch offensichtlich kommen die Vorteile der technischen Veränderung bei vielen Beschäftigten nicht an", sagt der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann. "Im Gegenteil: Psychische Belastungen und Arbeitsstress haben durch den digitalen Wandel zugenommen. Dieser Trend muss umgekehrt werden. Wir brauchen eine humane Arbeitsgestaltung, die den Gesundheits- und Arbeitsschutz stärkt und die Beschäftigten entlastet."

Insgesamt kommt der DGB zu dem Ergebnis, dass die Beschäftigten ihre Arbeitsbedingungen trotz positiver Konjunktur als kritisch bewerten. Neben zeitlichem Stress am Arbeitsplatz gehören Konflikte mit Kunden, Patienten oder Klienten sowie Angst vor mangelnder Altersvorsorge zu den größten Belastungen.

Fast die Hälfte aller Befragten erwartet, dass die Rente nicht ausreicht

63 Prozent aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer leisten sogenannte Interaktionsarbeit, stehen also in ständigem Austausch mit anderen Menschen und müssen Konflikte lösen. Zwei Drittel der Betroffenen gaben an, dabei keine ausreichende Unterstützung vom Arbeitgeber zu erhalten. Mehr als jede und jeder Dritte muss sehr oft oder oft die eigenen Gefühle unterdrücken.

45 Prozent aller Befragten erwarten, dass die Rente nicht ausreichen wird, weitere 36 Prozent hoffen darauf, dass sie "gerade so" reicht. "Wenn fast die Hälfte der Arbeitnehmer dem Ruhestand mit Sorgen entgegenblickt, müssen wir diese Signale ernst nehmen", sagt Hoffmann. "Wir müssen das Vertrauen in die Altersvorsorge wiederherstellen."

Für den "DGB-Index Gute Arbeit" werden jährlich Beschäftigte zu ihren Arbeitsbedingungen befragt. 2018 waren es bundesweit mehr als 8.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus verschiedenen Branchen, Berufen, Einkommens- und Altersgruppen, Regionen sowie Betriebsgrößen. Es handelt sich um eine repräsentative Umfrage.

mmm/dpa



insgesamt 23 Beiträge
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Kanalysiert 22.11.2018
1. Verfehlte Politik, "Shareholder Value"-only-Prinzip
Unterschreibe ich ebenfalls, immer mehr Arbeit mit immer weniger Personal für immer weniger Geld (aka Kaufkraft) - dazu die Sorge vor Altersarmut - wie soll man da auch noch ruhig schlafen. Dank dieser elendigen Profitgier und der großen Illusion des "Trickle-Down" Prinzips ist nicht nur der Zusammenhalt der Gesellschaft dahin, sondern auch das Vertrauen in die Politik, das schon immer gering war, ist mittlerweile komplett verschwunden. Dann noch das blöde Geschwätz der niedrigen Arbeitslosenquote - ja dufte - auf Kosten derer, die Leiharbeit, Zeitverträge, Werksverträge und einen lächerlich geringen Mindestlohn erhalten. Man hat Sorge vor Arbeitsplatzverlust und in Großstädten geradezu Panik, umziehen zu müssen - denn wohin, wo findet man dann noch eine bezahlbare Wohnung, für die man dann noch den Zuschlag erhält, weil man zwischen 300 anderen Anwärtern steht, die die Wohnung dann auch gerne hätten.
freigeistiger 22.11.2018
2. In den Medien als moderne Arbeitswelt schön geredet
Es ist eine Frage der Unternehmenskultur. Sie hängt stark ab von der Gebildetheit und Kultiviertheit des Führungspersonals. Gebildete Menschen haben besseres Sozialverhalten und sind emphatischer. Mitarbeiterführung ist eine eigenständige Kompetenz. Eine Berufsausbildung allein ist nicht ausreichend.
JungUndFrei 22.11.2018
3.
Ich denke das Empfinden von Stress ist immer der Sozialisation geschuldet. Wie sonst konnten Arbeiter früher 50h die Woche arbeiten ohne nach ein paar Jahren durch zu drehen. Was sich in der Tat verändert hat ist die Ausrichtung auf Konsum anstatt auf Vermögensbildung. Geht man heute in ein Geschäft für Elektronik oder Möbel wird man nur so bombardiert von Kreditangeboten. Dabei handelt es sich um reine Konsumkredite. Daraus folgt dann ein größere Abstieg im Alter, da das Einkommen (wie früher) sinkt, aber keine Vermögenssubstanz vorhanden ist.
dbeck90 22.11.2018
4. Naja ist normal
Mit der Digitalisierung muss der Markt wachsen. Alles muss schneller werden. Da kommt das Hirn nicht mehr mit, man wird eher langsamer und kommt mehr in Zeitdruck. Gibt nicht viele, die das heutige Zeitalter gut verkraften...
freigeistiger 22.11.2018
5. Ende des nur Wachstum?
Global gibt es Überproduktionen und Überkapazitäten, bei übersättigten Märkten. Dazu kommen immer mehr Automatisierung und Rationalisierung. KI ist die Fortsetzung. Zusammengefasst, es werden immer weniger Menschen für die Produktion von Gütern und für Dienstleistungen gebraucht. Aus Konkurrenzgründen wird die Produktivität erhöht, die Arbeitsleistung pro Zeiteinheit. Bezeichnet als Personalmangel und Stress. Gleichzeitig sinken die Einkommen durch Überangebot und Konkurrenzgründen. Der Mensch bezeichnet sich als Krone der Schöpfung und will möglichst viel Arbeit haben, für mehr Überproduktionen bei übersättigten Märkten, bei immer schlechteren Arbeitsbedingungen und geringerem Einkommen. Es muss sich Gedanken darüber gemacht werden wie die Gesellschaft mit enormer Produktivität aussehen soll. Noch mehr Ausbildung schaffen keine neuen Einkommensmöglichkeiten. Dass war vor 70 Jahren.
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