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07. Juli 2016, 11:34 Uhr

DGB-Studie

Jeder dritte Arbeitnehmer lässt Urlaubstage verfallen

Viele Arbeitnehmer in Deutschland verzichten freiwillig auf Urlaub. Jeder Dritte lässt freie Tage verfallen, hat der DGB herausgefunden - darunter vor allem jene, die Erholung besonders nötig hätten.

Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland nimmt seinen Urlaubsanspruch nicht vollständig wahr, sondern lässt Urlaubstage verfallen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vorstellte. Für ihn steckt in den Zahlen ein besonderer Widerspruch.

Demnach gibt es einen paradoxen Zusammenhang zwischen Urlaubsverzicht und Arbeitsbelastung: Wer besonders viel arbeitet und Erholung damit womöglich besonders nötig hätte, nimmt die verdiente Auszeit weniger in Anspruch als andere.

Je länger die wöchentliche Arbeitszeit ist, desto häufiger wird der Studie zufolge auf Urlaub verzichtet. Jeder zweite Arbeitnehmer, der 48 Stunden oder mehr in der Woche arbeitet, hat Anspruch auf Urlaubstage verfallen lassen. Bei einer Wochenarbeitszeit von bis zu 20 Stunden betrifft das nur etwa jeden vierten Arbeitnehmer.

Je mehr Überstunden, desto höher der Urlaubsverzicht

Auch wer regelmäßig länger im Büro bleibt, lässt häufiger Urlaub sausen. Je dicker das Überstundenkonto, desto höher die Bereitschaft zum Urlaubsverzicht: Jeder zweite Arbeitnehmer, der mehr als zehn Überstunden pro Woche leistet, verzichtet der Umfrage zufolge auf Urlaubstage. Bei Arbeitnehmern ohne Überstunden war es nur etwa jeder Vierte.

Wenn Arbeitnehmer für ihre Arbeit ständig erreichbar sein müssen, wenn sie wenig Einfluss auf den Ausgleich von Überstunden haben und öfter unbezahlte Arbeit für ihren Betrieb leisten, wirkt sich das dem DGB zufolge ebenfalls auf den Urlaubsverzicht aus: Er steigt.

"Der Urlaubsverzicht - vor allem im Kontext hoher Arbeits(zeit-)Belastungen - stellt eine besondere Form der Entgrenzung von Arbeit und Freizeit dar", heißt es in der Studie. Menschen würden sich damit einer "Überlastungssituation" anpassen.

"Die Arbeitszeit wird über das vereinbarte Maß hinaus verlängert, um Ziele erreichen und Arbeitsvorgaben bewältigen zu können." Ein weiterer, wichtiger Grund für Urlaubsverzicht ist der Studie zufolge die Angst, den Job zu verlieren. Von jenen, die sich häufig Sorgen darum machen, geben 44 Prozent an, auf Urlaubstage verzichtet zu haben. Bei größerer Beschäftigungssicherheit gehe der Anteil auf rund 30 Prozent zurück.

Reinigungskräfte nehmen weniger Urlaub

Der Studie zufolge ist der Urlaubsverzicht auch abhängig von der Branche. In Reinigungsberufen lassen demnach besonders viele Arbeitnehmer Urlaubstage verfallen (47 Prozent). In Dienstleistungsbereichen wie Werbung, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus dagegen verzichten die wenigsten Arbeitnehmer auf ihre freien Tage (20 Prozent).

Zwischen Frauen und Männern und verschiedenen Altersgruppen zeigten sich den Angaben zufolge keine großen Unterschiede beim Urlaubsverzicht. Höherqualifizierte, leitende Angestellte, Beamte und Arbeitnehmer in Unternehmen ohne Betriebs- oder Personalrat ließen öfter Urlaub ausfallen als andere.

"Arbeit darf nicht auf die Knochen der Beschäftigten gehen", mahnte Amelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied, mit Blick auf die Ergebnisse. "Der Arbeitgeber hat dafür Sorge zu tragen, dass die Beschäftigten in seinem Betrieb oder in der Verwaltung ihren Urlaub auch nehmen können. Gerade bei großem Arbeitsdruck ist die Erholung im Urlaub noch wichtiger, um gesund zu bleiben."

Für die Studie wurden 2015 bei einer jährlichen telefonischen Erhebung 4691 im Rahmen einer repräsentativen Zufallsstichprobe abhängig Beschäftigte aus allen Branchen befragt.

fok/dpa

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