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Die aktuelle Stellenanzeige Präsident gesucht, Dienstort Schloss Bellevue

Sie suchen einen Job? Sie sind respektabel und haben Manieren? Warum nicht Bundespräsident werden? Das Präsidialamt sucht gerade - genauer gesagt: Die Spitzen von Regierung und Opposition kungeln sich einen Kandidaten zurecht. Wie könnte eine Stellenanzeige aussehen, wenn es sie denn gäbe?
Zimmer frei: Nutzen Sie Ihre Jobchancen als neuer Bundespräsident!

Zimmer frei: Nutzen Sie Ihre Jobchancen als neuer Bundespräsident!

Foto: Tim Brakemeier/ dpa

Der Präsident ist weg, Christian Wulff ist zurückgetreten. Für die Zwischenzeit ist Horst Seehofer sein kommissarischer Nachfolger, so will es das Gesetz. Eigentlich ein unhaltbarer Zustand - also schnell her mit neuen Kandidaten!

Am besten ginge das mit einer großflächigen Stellenanzeige. Aber so funktioniert das nicht: In den nächsten Wochen werden Union, FDP, SPD und Grüne den ein oder anderen Kandidaten aus dem Hut zaubern, den dann die Bundesversammlung abnicken darf. Schade eigentlich.

Was könnte der Wortlaut einer solchen Anzeige sein? KarriereSPIEGEL zitiert aus einer Ausschreibung, die es so nie geben wird. Beachten Sie auch unsere Hinweise zwischen den Zeilen.

  • Die Bundesrepublik Deutschland sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen neuen Bundespräsidenten (m/w). Es handelt sich um eine Vollzeitstelle, zunächst befristet auf fünf Jahre, mit der Option, um weitere fünf Jahre zu verlängern.

Werden Sie nicht gleich übermütig: Zuletzt hielt sich Richard von Weizsäcker zehn Jahre lang im Amt - das war in den Neunzigern. Nach den Erfahrungen mit Christian Wulff und Horst Köhler darf man sich schon über vollständige Amtsperioden freuen. Das hat Vorteile. Mit ein bisschen Geduld kann im Prinzip jeder mal ran.

  • Wir bieten Ihnen eine spannende und herausfordernde Tätigkeit in einem modernen Staatswesen. Ihnen kommen repräsentative, aber keine gestalterischen Aufgaben zu; Ihre Tätigkeit spielt sich stets in der Nähe, aber nie im Zentrum des politischen Geschehens ab. Im Idealfall wirken Sie durch Worte. Dabei suchen Sie Ihre Themen selbst. Sie sollten es deshalb gewohnt sein, Ihre Arbeit eigenständig zu organisieren.

Ein Stellenprofil wie bei einem Sparkassendirektor. Das sollte Bewerber, die sich längere Zeit in einem qualifizierten Bürojob halten konnten, nicht schrecken.

  • Zu Ihren Aufgaben gehört: Die juristische Bewertung neuer Gesetze, die Repräsentation der Bundesrepublik im In- und Ausland, die Ernennung von Ministern, Kanzlern und anderen höheren Staatsbediensteten sowie weitere diverse notarielle Tätigkeiten auf Staatsebene bis hin zur Auflösung des Parlaments,...

Bewertung von Gesetzen? Klingt nach höheren juristischen Weihen. Aber so schlimm wird's nicht. Die bisherigen Präsidenten haben teils den größten Hirnriss unterschrieben. Wenn's irgendwo juristisch zwickt, dann wird schon das Verfassungsgericht dazwischengrätschen, wie immer.

  • ...die Kontaktpflege auch zum eher unpolitischen Teil der Bevölkerung, die regelmäßige Mitwirkung an unterschiedlichen Festveranstaltungen und der jährliche Empfang von zahlreichen Sternsingern.

Als Präsident gelten Sie als letzte Bastion gegen die Politikverdrossenheit der Bürger. Das ist zwar paradox, aber eine Chance. Im Amt gab es teils sehr geschickte Pianisten der öffentlichen Gefühsklaviatur. Richard von Weizsäcker oder Roman Herzog waren populär, weil sie recht gepflegt über die Parteien herziehen konnten. Das liegt Ihnen auch? Und sie stören sich nicht daran, dass Ihr Gerede ohne Folgen bleibt? Dann könnte es lustig werden. Ganz anders die Sache mit den Sternsingern, da müssen Sie durch.

  • Ihr Profil: Sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft und sind mindestens 40 Jahre alt. Sie sind gebildet, politisch interessiert und verfügen über exzellente Umgangsformen. Vorteilhaft sind Erfahrungen in politischen Institutionen.

Das mit dem politischen Interesse sollten Sie nicht so wichtig nehmen. Sie tun sich aber einen Gefallen, wenn Sie sich mit dem intriganten Geplänkel in politischen Institutionen auskennen. Sie müssen ja nicht gleich eine Parteikarriere hinter sich haben. Aber bedenken Sie: Horst Köhler, der kein Parteipolitiker war, hatte immerhin schon als Finanzstaatssekretär und IWF-Chef gearbeitet. Trotzdem stellte er sich die Aufgabe irgendwie kuscheliger vor und dankte schließlich ab.

  • Entgegen früheren Einstellungsusancen sind herausragende rhetorische Fähigkeiten nicht mehr nötig.

Es gab große Redner unter den Bundespräsidenten. Und es gab Leute wie Wulff und Köhler. Letztlich hängt bei der Besetzung viel von der Bundeskanzlerin ab. Die will, dass ihr Präsident den Rand hält.

  • Erwünscht ist außerdem ein einwandfreies polizeiliches Führungszeugnis sowie der Nachweis, dass Sie schuldenfrei sind.

Es ist nicht überliefert, dass solche Kontrollen tatsächlich vorgenommen werden. Sollten sie aber vielleicht.

  • Das Gehalt beträgt 199.000 Euro per annum. Hinzu kommt freie Logis für Sie und nahe Familienangehörige (möbliert) sowie ein Dienstwagen. Für das Personal in Bellevue stehen Ihnen pauschal 78.000 Euro p.a. als Aufwandsentschädigung zu.

Na bitte! In Zukunft werden Ihre Freunde bei Ihnen übernachten wollen und nicht umgekehrt. Ihr Arbeitgeber unterstützt sie nach Kräften, wenn Sie Interessenkonflikte vermeiden möchten.

  • Auch bei gleicher Eignung und Qualifikation werden Frauen nicht unbedingt bevorzugt.

So ist das bei Ämtern, die am Ende per Wahl entschieden werden. Eine Quote ist nicht in Sicht: Wie sollte die auch aussehen, wo es doch immer nur einen Präsidenten gibt?

  • Bitte richten Sie Ihre aussagekräftige Bewerbung schnellstmöglich an Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. Für den Bewerbungsschluss verfolgen Sie bitte die Berichterstattung der Medien. Zu den vollständigen Bewerbungsunterlagen gehört auch eine Liste all Ihrer Freunde, die über ein Barvermögen von mehr als 100.000 Euro verfügen.

Im Ernst, um hier wirklich Chancen zu haben, muss man wohl jemanden kennen, der jemanden kennt, der der Kanzlerin die Post auf den Schreibtisch legt. Da haben wir auch keinen besseren Rat. Das ist für eine Demokratie ganz schön elitär. Aber spätestens, wenn Sie auf Ihrem Sessel kleben, sind Sie das ja auch.

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