Nach Diktat verreist Mein Feind auf 23B

Im Business-Flieger prallen zwei Welten aufeinander: Airlines wollen ihre Abläufe optimieren und Manager ihre Reisezeit. Deshalb pfeifen Vielflieger auf jeden Flug-Knigge. Nicht immer geht das ohne Krach - und der fordert manchmal Opfer.

SPIEGEL ONLINE

Eine Karriere-Kolumne von


Der Streit entzündet sich an der Sitzlehne, natürlich. Der Klassiker, denkt Achtenmeyer bitter, während er versucht, seinen Ellenbogen mittels purer Willenskraft spitzer zu machen und gleichzeitig weiter freundlich mit Ruger zu plaudern. Selbstverständlich tut Ruger das Gleiche, und weil er schwerer als Achtenmeyer ist, kann er einen wichtigen Geländegewinn an der Lehnenfront verbuchen.

Ausgerechnet Ruger, die Nervensäge aus dem Vertrieb, muss denselben Flug nach München haben, und ausgerechnet Ruger muss ihn dann entdecken, ihm zuwinken und begeistert feststellen, dass der Mittelplatz neben Achtenmeyer zufällig frei ist. Was selbstverständlich kein Zufall ist, denn Achtenmeyer sitzt immer am Rand, und jahrelange innerdeutsche Fliegerei hat ihn gelehrt, zu welchen Zeiten die Maschine am wenigsten voll ist. Da sitzt er dann, legt Zeitschriftenstapel und Apfel auf den Mittelsitz und genießt die knappe Stunde Flugzeit in vollen Zügen. Eigentlich.

Fotostrecke

6  Bilder
Cartoons zur Bürowelt: Ziemlich beste Feinde
Tatsächlich hat sich Ruger auf den Apfel gesetzt, und die Zeitschriften kann Achtenmeyer auch vergessen, weil Ruger unaufhörlich plappert. Ob er den Kaffee am Flughafen auch so gern trinke, ob er Reisen auch so aufregend finde und ob er schon mal in richtig schlimme Turbulenzen gekommen sei. "Also bei unserem Flug neulich nach New York", setzt Ruger zu einer seiner companyweit gefürchteten Anekdoten an, "da machte es plötzlich Bumms! Und dann: Luftloch. Das waren bestimmt hundert Meter, die wir abgesackt sind, und das ist ja schon mal..."

Sicher: der Gebrauch von Handgepäck

Achtenmeyer hört nicht mehr hin, er beschränkt sich jetzt auf rhythmisches Kopfnicken, auch von der Lehne hat er sich komplett zurückgezogen. Las er doch neulich in einem "Flieger-Knigge", dass dem Mittelplatzsitzer beide Armlehnen zustehen. Denn, so die pädagogisch wertvolle Begründung, "ein Anlehnen ans Fenster ist für ihn ebenso unmöglich wie ein Ausweichen auf den Gang".

Auch vom Lehnen-Thema abgesehen entpuppte sich der Etikette-Ratgeber als kaum verbrämte Propagandaschrift der Airlines: Meckerer seien bei den Stewardessen gar nicht beliebt, einsteigen solle man wie vorgeschrieben ("Um Ihnen das Einsteigen so bequem wie möglich zu machen, bitten wir zunächst die Passagiere der Reihen 38 bis 24 zum Ausgang"), das Handgepäck dürfe nicht zu groß sein und solle nicht um jeden Preis in fast volle Ablagen gestopft werden, und nach der Landung solle man noch einen Moment sitzenbleiben, statt es den "Unverbesserlichen" nachzutun, die eiligst die Maschine verlassen wollen.

Alles in allem eine Anleitung zu möglichst störungsfreiem Herdenverhalten, was Achtenmeyer nur ein müdes Lächeln entlockte. (Müdes Lächeln übrigens, auch das vergaß der Etiketteführer nicht zu bemerken, ist überhaupt nicht angebracht, wenn andere Passagiere nach der Landung klatschen. Denn: "Eine sanfte Landung ist nach wie vor eine respektable Leistung.")

Achtenmeyer aber lächelt gern müde, und auch ansonsten gibt er sich alle Mühe, weniger die Abläufe (und damit den Profit) der Airlines zu optimieren als vielmehr seine eigene Reisezeit. Deshalb nimmt er selbstverständlich zu großes Handgepäck (er hasst das Warten am Gepäckband), geht erst dann zum Ausgang, wenn fast alle schon in der Maschine sind (er hasst das Rumstehen im "Finger") - und muss seinen Roll-Trolley dann mit ziemlich viel Kraft in die Gepäckablage quetschen. Wie dieses Dilemma zu beheben wäre, dazu hätte er sich mal einen Tipp vom Flug-Knigge erwartet.

Am Ende zählen die Ergebnisse

Oder wie sich endlos plaudernde Mitreisende wie der nervige Rugerer zum Schweigen bringen lassen, der von seiner Luftloch-Episode nahtlos zum Tomatensaft-Rätsel überleitete und mittlerweile bei geostrategischen Fragen angekommen ist ("Dubai ist ja im Grunde nur ein riesiger Hub, müssen Sie wissen").

Als Achtenmeyer es gar nicht mehr aushält, beschließt er den Einsatz radikaler Mittel. Er steht auf, öffnet das Gepäckfach und ruckelt so heftig an seinem Trolley, dass er rausfällt - dank eines dummen Zufalls (und ein wenig Zutun Achtenmeyers) genau auf Ruger, der wie ein gefällter Baum nach vorn kippt. "Sehen Sie, das passiert, wenn das Handgepäck zu groß ist und man keine Vorsicht beim Öffnen der Gepäckfächer walten lässt", schnarrt die Stewardess, während sie Ruger mit leichtem Wangentätscheln wieder ins Bewusstsein zurückholt. "Unverantwortlich, so was!"

Mag sein, dass dies nicht die feine Knigge-Art war, denkt Achtenmeyer. Aber am Ende zählen Ergebnisse. Und Ruger schweigt jetzt für den Rest des Fluges.

+++ Lessons learned +++

1) Aber bitte, nach Ihnen: Höflichkeit erleichtert das Zusammenleben, Etikette macht die Welt schöner. Doch Stil ist nicht alles: Extreme Situationen erfordern bisweilen extreme Maßnahmen.

2) Talk, talk, talk: Sicher, Vielredner im Flieger sind nervig. Aber jeder Mensch verdient eine Chance - wer weiß, vielleicht wird ein wichtiger Geschäftskontakt daraus oder ein nettes Gespräch? Falls nicht, sind ein Gang zur Toilette oder der Griff zur Business-Lektüre ("Sorry, muss noch ein bisschen was durchackern") kaum zu missdeutende Signale.

3) Erzwungene Muße: Früher war Fliegen exklusiv, heute nicht mehr. Das macht die Angelegenheit zuweilen ein klitzekleines bisschen unentspannt. Doch Hetzen und Abläufe optimieren bringt erstaunlich wenig. Effizienter ist es, sich während der immergleichen Abläufe (Check-in, Security, Rumhängen am Gate, Einsteigen, Sitzplatz beziehen, etc.) geistig treiben zu lassen - das bringt einen zwar nicht schneller ans Ziel, dafür aber vielleicht zu einigen guten Einfällen.

insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
weissblau123 07.01.2014
1. Der Autor...
kann nicht oft fliegen. Wann immer ich mit dem Flieger unterwegs bin sehe ich lauter abgehetzte Typen die so mit sich und ihren Smartphones beschäftigt sind, die plappern einem nicht das Ohr ab. Ferienflieger sind dagegen die Hölle. Schreiende Blagen, überforderte Mütter und Väter die einem nach dem 3. Mittagsbierchen das Du anbieten. Hurra! Bestes Erlebnis: Flieger von HAM nach FRA, üblicher Spruch nach der Landung, ergänzt wie folgt: "Meine Damen und Herren, bitte bleiben Sie sitzen bis wir am Gate angekommen sind, bisher ist es noch keinem Passagier gelungen schneller als das Flugzeug dort zu sein." Das hat ausgezeichnet funktioniert :-))
dumovic 07.01.2014
2. Herde am Gepäckband
Was sagt der Flüge-Knigge zum Verhalten am Gepäckband? Wenn nicht die meisten Passagiere sich direkt ans Band stellen würden, so dass andere ihr Gepäck weder sehen noch vom Band heben können, wäre dieser Ablauf weit weniger nervend. Ich gebe mir immer größte Mühe, jemandem zu nah am Band meinen Koffer vors Bein zu stoßen. Auf dass es mal einer lernen sollte. Ich fürchte, das steht so nicht im Knigge, oder?
zensorsliebling 07.01.2014
3. Die kleine Variante lautet...
Zitat von weissblau123kann nicht oft fliegen. Wann immer ich mit dem Flieger unterwegs bin sehe ich lauter abgehetzte Typen die so mit sich und ihren Smartphones beschäftigt sind, die plappern einem nicht das Ohr ab. Ferienflieger sind dagegen die Hölle. Schreiende Blagen, überforderte Mütter und Väter die einem nach dem 3. Mittagsbierchen das Du anbieten. Hurra! Bestes Erlebnis: Flieger von HAM nach FRA, üblicher Spruch nach der Landung, ergänzt wie folgt: "Meine Damen und Herren, bitte bleiben Sie sitzen bis wir am Gate angekommen sind, bisher ist es noch keinem Passagier gelungen schneller als das Flugzeug dort zu sein." Das hat ausgezeichnet funktioniert :-))
...es sind zwar nur 2 Kilometer, aber draussen regnet es in Strömen.
zensorsliebling 07.01.2014
4. Clever Traveller.....
Zitat von dumovicWas sagt der Flüge-Knigge zum Verhalten am Gepäckband? Wenn nicht die meisten Passagiere sich direkt ans Band stellen würden, so dass andere ihr Gepäck weder sehen noch vom Band heben können, wäre dieser Ablauf weit weniger nervend. Ich gebe mir immer größte Mühe, jemandem zu nah am Band meinen Koffer vors Bein zu stoßen. Auf dass es mal einer lernen sollte. Ich fürchte, das steht so nicht im Knigge, oder?
..reisen, wenn irgend möglich, ausschließlich mit Handgepäck. Zur Not zieht man eben 3 Jacken übereinandern und die schwersten Schuhe an die Füße.
blauervogel 07.01.2014
5. Stil ist nicht alles, aber sehr viel.
Im Business-Flieger fliegt man am besten Business oder First. So kann man am elegantesten solch unangenehmen Begegnungen mit der nervigen Realität ausweichen. Bei guter Planung und Reduzierung auf das Nötige, genügt in der Regel der Platz im Trolley und frau umgeht die Drängeleien am Gepäckband. Ansonsten, ein freundliches aber bestimmt-kühles Verhalten, bringt fast jeden nervigen Mitflieger auf Distanz. Mit Mitfliegerinnen kenne ich solche Probleme nicht. Ob das nur an unserer Erziehung liegt?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.