Wirtschaftsanwälte Die Vorstandsflüsterer

Sie schmieden Konzerne, kämpfen gegen Kartellstrafen, beeinflussen Karrieren: Die besten Rechtsberater der deutschen Wirtschaft sind gleichzeitig Einflüsterer der Bosse. Ihr Job garantiert ihnen viel Adrenalin und noch mehr Honorar - wie die neuen Staradvokaten agieren.

Von Michael Freitag und Dietmar Student


Es begann, ganz konspirativ, vor etwas mehr als einem Jahr. In der "Kleinen Bibliothek", zwischen antiquarischen Kommentaren, saß eine Handvoll Anwälte in der Düsseldorfer Niederlassung der britischen Kanzlei Linklaters um einen Palisandertisch und brütete über der Frage, wie man die Deutsche Börse mit dem US-Wettbewerber New York Stock Exchange Euronext (NYSE) zusammenführen könnte.

Streng vertraulich wurde der spektakulärste Deal der jüngeren Wirtschaftsgeschichte vorbereitet. Einen Monat Zeit hatte das Team, um sich eine pfiffige Fusionskonstruktion zu überlegen; danach wollten die Finanzkonzerne die Pläne öffentlich ausbreiten. Angeführt wurde die Gruppe von Seniorpartner Ralph Wollburg, 56, der den Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni, 56, seit langem kennt, und dem aufstrebenden Unternehmensanwalt Nikolaos Paschos, 44.

Etliche Tag- und Nachtschichten folgten, an Wochenenden wurde durchgearbeitet, in der Hochzeit waren weltweit mehr als hundert Linklaters-Rechtsausleger im Auftrag der Börse mit dem Vorgang betraut. Die NYSE beschäftigte gleich vier renommierte Kanzleien. In Frankfurt dirigierte der Münchener Milbank-Anwalt Norbert Rieger, 49, das Juristenteam. Ein Aufmarsch an Rechtskundigen, wie ihn die Wirtschaftswelt selten zuvor erlebt hat. Alle kämpften bis zum Schluss - vergeblich; Anfang Februar kippte die EU-Kommission das Vorhaben.

Dass Anwälte bei derlei Großfusionen in Mannschaftsstärke antreten, ist keine Überraschung. Von jeher bietet das sogenannte Transaktionsbusiness die Gewähr für viel Adrenalin und noch mehr Honorar. Aber der Einfluss der Juristen auf das Wirtschaftsgeschehen geht heute weit über die schnöde Dealassistenz hinaus. Die Zunft avanciert zur zentralen Schaltstelle in den Unternehmen, ringt mit Topinvestmentbankern und Spitzenconsultants um die Stellung als wichtigster Vorstandsratgeber.

Jahresumsatz der größten Kanzleien: 2,6 Milliarden Euro

Die Staradvokaten feilen an Strategien, schmieden Konzerne, urteilen über die Qualität von Managern und führen ihre Mandanten wie gewohnt durch die immer komplizierter und bedrohlicher werdende Juralandschaft wie Hobbits durch das Tal der Orks.

Es ist ein einträgliches Business. Die 20 größten Wirtschaftskanzleien erzielen in Deutschland rund 2,6 Milliarden Euro Jahresumsatz. Um den raren Nachwuchs von Spitzenjuristen rangeln sie so heftig wie nie.

Neben dem klassischen Consigliere, dem exklusiven Hausanwalt des Patriarchen, übernehmen jetzt neue Consiglieri das Kommando. Eine jüngere Generation von Anwälten, die sich mit der frischeren CEO-Generation bestens versteht. Nicht nur, weil die Arbeitsweise kompatibel ist, was sich etwa darin manifestiert, dass man keine E-Mails ausdruckt. Haben die Consiglieri eine interessante Idee, melden sie sich bei ihren Kunden einfach mal zwischendurch, auch wenn die Pläne längst noch nicht ausgegoren sind.

Ihnen kommt entgegen, dass Rechtsfragen für ihre Mandanten immer wichtiger werden. Der Umgang mit Paragrafen ist unverzichtbarer Teil der Unternehmensstrategie, und das nicht nur, wenn es um Patente oder Werbeverbote geht.

Georg Thoma: Einer der größten Einflüsterer der Republik

Eine völlig neue Klientel erschließt sich. Mit den erhöhten Anforderungen an die Unternehmenskontrolle suchen immer mehr Aufsichtsräte Advokatenrat - aus Angst vor Haltungs- und Haftungsschäden. Im Falle eines Übernahmeangebots müssen neuerdings auch die Kontrolleure, nicht nur der Vorstand, eine Einschätzung abgeben, natürlich mithilfe versierter Juristen.

Das Aufarbeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise hat eine Prozesswelle losgetreten. Aufsichtsräte verklagen Ex-Vorstände, Aktionäre gehen gegen Emittenten vor, Konkursverwalter gegen Pleitiers, Banken zerren Banken vor Gericht. Alle wollen sich absichern, für jedwede Unternehmensentscheidung scheint zu gelten: nicht ohne meinen Anwalt.

Die Topanwälte sind zu einer Art Rundumbetreuung ihrer Mandanten übergegangen, als Vertrauenspersonen in einer unwirtlichen Umgebung. Als Modell für die Rolle des anwaltlichen Beraters respektive beratenden Anwalts gilt ein Mann, der offiziell deutscher Gründungspartner der US-Kanzlei Shearman & Sterling ist, inoffiziell einer der größten Einflüsterer der Republik. Es handelt sich um Georg F. Thoma, 67. Die Falten auf der Stirn zeugen von der Anstrengung des Gedankenmachens. Seinem wachen Blick entgeht so leicht nichts. Er denkt so schnell, dass er mit der Sprache nicht hinterherkommt.

Begonnen hatte Thomas Aufstieg nach der Wiedervereinigung, als die Treuhandanstalt Tausende Firmen losschlug, als Deutschland zur Bonanza für Unternehmensberater, Investmentbanker und Advokaten wurde. Thoma, damals als Shearman-Vertreter auf sich allein gestellt, klopfte an zig Treuhand-Türen am Berliner Alexanderplatz, zunächst ohne Erfolg. Erst als sich die etablierte deutsche Konkurrenz blamierte, bekam der Exot den ersten kleinen Auftrag: Er sollte beim Verkauf einer Chloranlage in Bitterfeld helfen.

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
wissen007 04.07.2012
1. Rechtsberatung als Arbeitsbeschaffung:
Wer glaubt, dass "Staradvokaten an Strategien feilen, Konzerne schmieden, über die Qualität von Managern urteilen und ihre Mandanten wie gewohnt durch die immer komplizierter und bedrohlicher werdende Juralandschaft führen wie Hobbits durch das Tal der Orks" sollte sich die reale Wirtschaft genauer ansehen. Diese Rechtsberater haben nur die eigene Gedbörse im Sinn. Firmen, die diese Rechtsberatung in Anspruch nehmen, haben bereits im Weltmarkt verloren. Im Übrigen lehrt die Geschichte, dass der gesellschaftliche Fortschritt rationaler Natur ist. Sogenannte "Winkeladvokaten" können nur zum Verlust von Macht und Einfluss führen. Die Machenschaften dieser Sippe von Rechtsanwälten in Nadelstreifen fallen früher oder später auf. Zu diesem Zeitpunkt ist leider das Geld aber bereits an die Kanzleien geflossen - Blutsauger - sonst nichts.
eigene_meinung 04.07.2012
2. Rechtsanwälte und Betriebswirtschaftler
Rechtsanwälte und Betriebswirtschaftler machen seit Jahren mit ihrer Geldgier einerseits und ihrer Ahnungslosigkeit (bezüglich Produkten, Mitarbeiterführung und auch einfachster wirtschaftlicher Zusammenhänge) eine Firma nach der anderen kaputt. Und trotzdem hält sich diese Kaste (oft fälschlich als "Elite" bezeichnet) an der Macht.
Mo2 04.07.2012
3. Da fällt mir
Zitat von sysopSie schmieden Konzerne, kämpfen gegen Kartellstrafen, beeinflussen Karrieren: Die besten Rechtsberater der deutschen Wirtschaft sind gleichzeitig Einflüsterer der Bosse. Ihr Job garantiert ihnen viel Adrenalin und noch mehr Honorar - wie die neuen Staradvokaten agieren. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,832290,00.html
ein Rätsel ein: 1000 Anwälte aneinander gekettet am Meeresgrund - was ist das? Ein guter Anfang.
Stäffelesrutscher 04.07.2012
4.
Zitat von sysopSie schmieden Konzerne, kämpfen gegen Kartellstrafen, beeinflussen Karrieren: Die besten Rechtsberater der deutschen Wirtschaft sind gleichzeitig Einflüsterer der Bosse. Ihr Job garantiert ihnen viel Adrenalin und noch mehr Honorar - wie die neuen Staradvokaten agieren. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,832290,00.html
Da muss ich doch gleich das Fachbuch Nummer 1 zur Hand nehmen. Wobei Don Vito Corleone einen Teil der "Leistungen" innerhalb der eigenen Familie halten und nicht outsourcen musste.
leser008 04.07.2012
5. Ergänzung
Was in dem Artikel irgendwie nicht erwähnt wird, ist dass diese Anwälte teilweise 800- 1000 Euro die Stunde in Rechnung stellen. Dementsprechend finden sich in der Liste der Mandanten nur Personen, die diese Kosten nicht selber tragen müssen. Auch bei den Reichen werden es wohl Familienstiftungen oder die jeweiligen Firmen sein. So kann ich mir z.B. nicht vorstellen, dass der Fussballverein Bayern München so gravierende Rechtsprobleme hat, dass er eine derart teure Beratung benötigt. Das läuft doch nur nach dem Motto: Ist doch nicht meine Kohle, hau weg. Zudem werden die meisten Fälle an irgendwelche Angestellten durchgereicht und der grosse Chefanwalt zeichnet das Ergebnis und die Rechnung dann ab.
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