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Wirtschaftsanwälte: Verschwiegen, trickreich, unverzichtbar

Wirtschaftsanwälte Die Vorstandsflüsterer

Sie schmieden Konzerne, kämpfen gegen Kartellstrafen, beeinflussen Karrieren: Die besten Rechtsberater der deutschen Wirtschaft sind gleichzeitig Einflüsterer der Bosse. Ihr Job garantiert ihnen viel Adrenalin und noch mehr Honorar - wie die neuen Staradvokaten agieren.

Es begann, ganz konspirativ, vor etwas mehr als einem Jahr. In der "Kleinen Bibliothek", zwischen antiquarischen Kommentaren, saß eine Handvoll Anwälte in der Düsseldorfer Niederlassung der britischen Kanzlei Linklaters um einen Palisandertisch und brütete über der Frage, wie man die Deutsche Börse mit dem US-Wettbewerber New York Stock Exchange Euronext (NYSE) zusammenführen könnte.

Streng vertraulich wurde der spektakulärste Deal der jüngeren Wirtschaftsgeschichte vorbereitet. Einen Monat Zeit hatte das Team, um sich eine pfiffige Fusionskonstruktion zu überlegen; danach wollten die Finanzkonzerne die Pläne öffentlich ausbreiten. Angeführt wurde die Gruppe von Seniorpartner Ralph Wollburg, 56, der den Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni, 56, seit langem kennt, und dem aufstrebenden Unternehmensanwalt Nikolaos Paschos, 44.

Etliche Tag- und Nachtschichten folgten, an Wochenenden wurde durchgearbeitet, in der Hochzeit waren weltweit mehr als hundert Linklaters-Rechtsausleger im Auftrag der Börse mit dem Vorgang betraut. Die NYSE beschäftigte gleich vier renommierte Kanzleien. In Frankfurt dirigierte der Münchener Milbank-Anwalt Norbert Rieger, 49, das Juristenteam. Ein Aufmarsch an Rechtskundigen, wie ihn die Wirtschaftswelt selten zuvor erlebt hat. Alle kämpften bis zum Schluss - vergeblich; Anfang Februar kippte die EU-Kommission das Vorhaben.

Dass Anwälte bei derlei Großfusionen in Mannschaftsstärke antreten, ist keine Überraschung. Von jeher bietet das sogenannte Transaktionsbusiness die Gewähr für viel Adrenalin und noch mehr Honorar. Aber der Einfluss der Juristen auf das Wirtschaftsgeschehen geht heute weit über die schnöde Dealassistenz hinaus. Die Zunft avanciert zur zentralen Schaltstelle in den Unternehmen, ringt mit Topinvestmentbankern und Spitzenconsultants um die Stellung als wichtigster Vorstandsratgeber.

Jahresumsatz der größten Kanzleien: 2,6 Milliarden Euro

Die Staradvokaten feilen an Strategien, schmieden Konzerne, urteilen über die Qualität von Managern und führen ihre Mandanten wie gewohnt durch die immer komplizierter und bedrohlicher werdende Juralandschaft wie Hobbits durch das Tal der Orks.

Es ist ein einträgliches Business. Die 20 größten Wirtschaftskanzleien erzielen in Deutschland rund 2,6 Milliarden Euro Jahresumsatz. Um den raren Nachwuchs von Spitzenjuristen rangeln sie so heftig wie nie.

Neben dem klassischen Consigliere, dem exklusiven Hausanwalt des Patriarchen, übernehmen jetzt neue Consiglieri das Kommando. Eine jüngere Generation von Anwälten, die sich mit der frischeren CEO-Generation bestens versteht. Nicht nur, weil die Arbeitsweise kompatibel ist, was sich etwa darin manifestiert, dass man keine E-Mails ausdruckt. Haben die Consiglieri eine interessante Idee, melden sie sich bei ihren Kunden einfach mal zwischendurch, auch wenn die Pläne längst noch nicht ausgegoren sind.

Ihnen kommt entgegen, dass Rechtsfragen für ihre Mandanten immer wichtiger werden. Der Umgang mit Paragrafen ist unverzichtbarer Teil der Unternehmensstrategie, und das nicht nur, wenn es um Patente oder Werbeverbote geht.

Georg Thoma: Einer der größten Einflüsterer der Republik

Eine völlig neue Klientel erschließt sich. Mit den erhöhten Anforderungen an die Unternehmenskontrolle suchen immer mehr Aufsichtsräte Advokatenrat - aus Angst vor Haltungs- und Haftungsschäden. Im Falle eines Übernahmeangebots müssen neuerdings auch die Kontrolleure, nicht nur der Vorstand, eine Einschätzung abgeben, natürlich mithilfe versierter Juristen.

Das Aufarbeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise hat eine Prozesswelle losgetreten. Aufsichtsräte verklagen Ex-Vorstände, Aktionäre gehen gegen Emittenten vor, Konkursverwalter gegen Pleitiers, Banken zerren Banken vor Gericht. Alle wollen sich absichern, für jedwede Unternehmensentscheidung scheint zu gelten: nicht ohne meinen Anwalt.

Die Topanwälte sind zu einer Art Rundumbetreuung ihrer Mandanten übergegangen, als Vertrauenspersonen in einer unwirtlichen Umgebung. Als Modell für die Rolle des anwaltlichen Beraters respektive beratenden Anwalts gilt ein Mann, der offiziell deutscher Gründungspartner der US-Kanzlei Shearman & Sterling ist, inoffiziell einer der größten Einflüsterer der Republik. Es handelt sich um Georg F. Thoma, 67. Die Falten auf der Stirn zeugen von der Anstrengung des Gedankenmachens. Seinem wachen Blick entgeht so leicht nichts. Er denkt so schnell, dass er mit der Sprache nicht hinterherkommt.

Begonnen hatte Thomas Aufstieg nach der Wiedervereinigung, als die Treuhandanstalt Tausende Firmen losschlug, als Deutschland zur Bonanza für Unternehmensberater, Investmentbanker und Advokaten wurde. Thoma, damals als Shearman-Vertreter auf sich allein gestellt, klopfte an zig Treuhand-Türen am Berliner Alexanderplatz, zunächst ohne Erfolg. Erst als sich die etablierte deutsche Konkurrenz blamierte, bekam der Exot den ersten kleinen Auftrag: Er sollte beim Verkauf einer Chloranlage in Bitterfeld helfen.

"Haben Sie Zeit für Leuna?"

Mit der ihm eigenen Demut verfolgte er die Sache und wartete auf Größeres. Das kam in Form der milliardenschweren Privatisierung der ostdeutschen Chemieindustrie im Oktober 1991. "Haben Sie Zeit für Leuna?", fragte ihn der damalige Treuhand-Chefjurist Manfred Balz, 67, der nun als Telekom-Mann in Rente geht. Klar, hatte er.

Zahlreiche Deals schlossen sich an, am Ende war Thoma der wichtigste Treuhand-Anwalt. Damals knüpfte er ein Netzwerk, von dem seine Kanzlei bis heute profitiert. Kongenial arbeitete er mit Paul Achleitner, 55, zusammen. Der war damals Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman Sachs, stieg später in den Allianz-Vorstand um und ist seit Mai Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank.

Seit jenen rauen Zeiten verbindet die beiden eine enge Freundschaft. Aus der Leuna-Ära kennt Thoma auch Gerhard Roiss, 59, den heutigen Chef des Wiener Öl- und Gaskonzerns OMV. Der ebnete ihm den Einstieg ins Arabien-Geschäft. Bei OMV war der Staatsfonds Ipic aus dem Scheichtum Abu Dhabi Großaktionär. Ende 2007 rief Roiss beim Spezerl Thoma an: Die Araber wollten auch in Deutschland Fuß fassen. Thoma kümmerte sich. Erst vermittelte er die Mehrheit an der Essener Ferrostaal AG.

E.on-Manager sind Thoma ewig dankbar

Anfang 2009 ließ Ipic bei einem Treffen mit Thoma durchblicken, dass sich der Golfstaat gern an einem deutschen Autobauer beteiligen wolle. Ja, er wisse da jemanden. Kurzerhand rief Thoma in der Vorstandsetage seines Mandanten Daimler an, der damals einen Finanzinvestor gut gebrauchen konnte. Ein paar Wochen später war die Sache ausgemacht; eine Ipic-Tochter kaufte neun Prozent an der Stuttgarter Sternfirma.

"Vibration für Opportunität" nennt Thoma diese Gabe, stets die Interessenlage des Mandanten im Blick zu haben, unabhängig und objektiv Rat zu erteilen. Das geht so weit, dass man auch mal von einem Deal abrät. Als der Düsseldorfer Veba-Konzern (heute: E.on) sich 1999 daran berauschte, mit dem weiland glorifizierten US-Energiestar Enron zu fusionieren, blieb Thoma nüchtern. Keine gute Idee, befand er, zu unseriös der Laden. Ein goldwerter Rat. Die Firma brach bekanntlich krachend zusammen. Auf ewig dankbar sind ihm die E.on-Manager.

Die One-Man-Show des Georg Thoma neigt sich dem Ende zu. Klar rufen die Stammkunden zuerst bei ihm an. Aber er überträgt immer mehr Mandate auf jüngere Shearman-Partner. Vor allem auf Harald Selzner, 47, einen munteren Rheinländer mit Kurzhaarschnitt, der mittlerweile Allianz, E.on, Ipic zu seinen Kunden zählt.

Und der die Bundesregierung in der Causa Opel beraten hat. Mit ihm teilt sich Thoma schon seit knapp vier Jahren die Leitung des deutschen Büros; seit Februar ist Selzner auch noch Europa-Chef der Kanzlei. Selzner wächst in die Consigliere-Rolle hinein. Das müsse er auch, sagt Thoma. Eine Anwaltstruppe könne nur dann nachhaltig vorankommen, "wenn das Regenmachen mit der Gießkanne erfolgt", mithin alle zum Gewinn beitragen.

Michael Hoffmann-Becking: Die Erben des Regenmachers

In die Kategorie Regenmacher fiel lange Zeit ein Mann namens Michael Hoffmann-Becking, 69. Der Grandseigneur der Kanzlei Hengeler Mueller, mit glänzenden Kontakten zu Konzernen wie Unternehmerfamilien, hat sein Wirken altersbedingt reduziert. Diese Form der Halbpension kann bei HB, wie er intern abgekürzt wird, auch schon mal einen 14-Stunden-Tag bedeuten.

Um etliche seiner Mandate (RWE, Metro) kümmert sich ein besonnener Bielefelder mit schütterem Haar: Andreas Austmann, 52. Er sieht sich nicht als Erbe, wenngleich er stolz verkündet, "an den Rockschößen" von HB durch die Lande gezogen zu sein.

Sein Mentor hat ihm Zugang verschafft, Beziehungen knüpfen musste er allein. Juristischen Sachverstand, so Austmann, hat jeder Anwalt; die Mandanten verlangten heute vor allem Urteilskraft: "Wir sind eher Getriebe als Motor, müssen übersetzen, damit die Kraft auf die Straße kommt." Viele Topmanager überfordere die immer komplexere Rechtsmaterie: "Die können nur vertrauen." Deshalb müsse man "mit dem Gewicht seiner Persönlichkeit überzeugen", sagt Austmann.

Kaum 100 Meter entfernt von Austmanns Schreibtisch hat Aufsteiger Nikolaos Paschos sein Büro. Er hat schon für Shearman und Hengeler gearbeitet. Jetzt nimmt er teil am Aufstieg von Linklaters. Die Kanzlei hat sich in die vordere Reihe der Unternehmensanwälte geschoben, vor allem durch den Fall Deutsche Börse und die Arbeit für den spanischen Baukonzern ACS bei der feindlichen Übernahme von Hochtief.

Aufstieg in den Führungszirkel der Konzerne

Linklaters ist seit 2007 in Düsseldorf. Fast jede renommierte Wirtschaftskanzlei zieht es in die Nachbarschaft der Konzernzentralen an Rhein und Ruhr. Der Sprengel rund um die Königsallee dürfte nach der Londoner City mittlerweile die höchste Anwaltsdichte in Europa haben. Die Juristen ringen nicht nur untereinander um die Gunst der Dax-Kunden; sie müssen sich auch gegen die stolzen Chefjuristen in den Konzernen behaupten. Denn die verstehen sich selbst als engste Ratgeber ihrer Vorstände.

"Ein guter Chefsyndikus denkt auch unternehmerisch und warnt schon mal, wenn er Projekte für strategisch bedenklich hält", sagt Volkswagen-Anwalt Michael Ganninger, 50. So schlüpfen die Topjuristen mitunter in genau die Position, in die auch die fähigsten Unternehmensberater, Investmentbanker und Wirtschaftsanwälte drängen.

Wertvoll waren die internen Advokaten schon immer. Inzwischen aber genießen die besten ihrer Zunft Vorstandsstatus, sind teilweise sogar formal in den Führungszirkel aufgestiegen. Das gilt insbesondere für die größten unter den Dax-Konzernen - und damit ausgerechnet für die wichtigsten Auftraggeber der Wirtschaftskanzleien.

Knappes Gedankengut

ThyssenKrupp-Chefsyndikus Thomas Kremer, 53, etwa galt Kennern als die Nummer drei im Unternehmen, hinter dem Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme, 68, und Vorstandschef Heinrich Hiesinger, 51 - Ruhrgebiets-Gottvater Berthold Beitz, 98, einmal außen vor. Sein gutes Standing spiegelte sich auch auf dem Gehaltszettel wider. In guten Jahren strich er rund 1,3 Millionen Euro ein. Jetzt soll Kremer Rechtsvorstand der Deutschen Telekom werden.

Auch der 2001 noch vom damaligen VW-Vorstandsvorsitzenden Ferdinand Piëch, 74, zum obersten Syndikus beförderte Ganninger gilt als nahezu unverzichtbar, was sich schon daran zeigt, dass er sein Büro im 12. Stock der Wolfsburger Zentrale an einem der beiden Vorstandsflure hat. Brisante juristische Themen gibt es bei VW zuhauf, spätestens seit dem Übernahmeversuch durch Porsche. Da will Vorstandschef Martin Winterkorn, 64, seinen obersten Rechtsmanager in der Nähe wissen.

Top-Anwälte mit Consigliere-Potential

An Leuten wie Ganninger kommen die externen Ratgeber kaum vorbei. Sie nicht ernst zu nehmen, gar über ihre Köpfe hinweg Geschäfte mit dem Vorstand einzufädeln sei gefährlich, warnt Staranwalt Thoma: "Wären wir keine Teamspieler, würden uns die Chefjuristen auf Dauer niemals dulden." Zumal es häufig die Konzernadvokaten sind, die lohnende Mandate vergeben.

So war es im Frühjahr 2009 nicht etwa Infineon-Chef Peter Bauer, 51, der Christoph Seibt, 46, mit seinem Anruf überraschte. Sondern der Syndikus Michael von Eickstedt, 58, machte dem Hamburger Freshfields-Partner Hoffnung auf große Geschäfte. Infineon brauchte dringend Geld. Aber Banken und Aktionäre trauten dem Halbleiterproduzenten nicht mehr. Jetzt sollte Seibt helfen, die Liquiditätslücken zu stopfen.

Der Mann gehört zu der kleinen Gruppe deutscher Anwälte mit Consigliere-Potenzial. Das sind Generalisten, die aus Seibts Sicht zwei Voraussetzungen erfüllen müssten: "Sie zählen in ihren Wissensgebieten zu den Top drei; und sie können die Fragen von Vorständen zu 95 Prozent direkt und fachlich detailliert beantworten." Für besondere Zwecke ziehen die Konzerne Spezialisten zu Rate, zum Beispiel Arbeits- oder Strafrechtler.

Christoph Seibts lohnender Aufsatz

Seibt selbst gilt als versierter Gesellschaftsrechtler und Übernahmeexperte. Nicht gerade maßgeschneiderte Fähigkeiten für Infineons Finanznöte. Aber er hatte schon einmal Ähnliches bewerkstelligt und damit auch nicht hinter dem Berg gehalten. In dem juristischen Fachaufsatz "Kapitalerhöhungen zu Sanierungszwecken" beschrieb der Freshfields-Anwalt, wie er dem damals ebenfalls notleidenden Solarkonzern Conergy aus der Finanzklemme geholfen hatte: mit einer innovativen Kapitalerhöhung, die mit etlichen bis dahin unumstößlichen Gepflogenheiten brach.

Der Aufsatz, der Infineon-Jurist von Eickstedt nicht entgangen war, lohnte sich für beide. Gecoacht von Seibt, passte Infineon das Conergy-Modell den eigenen Zwecken an und verkaufte im August 2009 für 700 Millionen Euro neue Aktien - zu einem Ausgabekurs, der gut sechsmal so hoch lag wie der tiefste Wert des Frühjahrs.

Die Episode ist ein Muster dafür, wie man auf einem hart umkämpften und scheinbar verteilten Markt ins Allerheiligste vordringen kann. Seibt, der neben Jura auch Philosophie studiert hat, setzt auf eine Kombination aus Innovation und Marketing. Regelmäßig entwickelt er für Mandanten neue rechtliche Konstruktionen, verpasst diesen - für Juristen - griffige Labels wie "Sanierungskapitalerhöhung", "Investorenvereinbarung" oder "Aktienrechtsuntreue", publiziert darüber in wissenschaftlichen Zeitschriften - und kreiert dabei so ganz nebenbei auch die Marke Seibt.

Der Ansatz ist nicht der einzig Erfolg versprechende. Eines aber verbindet alle Wege der Topjuristen in die Beletage der Wirtschaft: die Entwicklung vom reinen Spezialisten zum Komplettberater.

"Wenn der Klient das will, fahre ich auch die Tochter zur Schule"

Seibts Branchenkollege Wolfgang Bosch, 50, etwa begann seine Laufbahn zunächst als Mitarbeiter in der Kartellabteilung von Gleiss Lutz, verlegte sich dann auf Übernahmen, bis er sich schließlich wieder dem Kartellgeschehen widmete. Vor allem aus einem Grund: Mit dieser Dienstleistung ist er den Mächtigen nah.

Die Vorstände suchen den direkten Draht - weil die immer drastischeren Kartellstrafen für die Unternehmen oft existenzbedrohend sind und weil die Topmanager persönliche Strafen fürchten. Bewährt sich Bosch in der Auseinandersetzung mit EU-Kommission und Bundeskartellamt, wird er auch mit Transaktionen beauftragt.

Der Münchener Norbert Rieger machte sich einen Namen, als er Ende der 90er Jahre den Finanzinvestor Carlyle bei der Übernahme des sauerländischen Automobilzulieferers Honsel beriet. Zum Consigliere-Kandidaten stieg er allerdings erst auf, als er intern durchsetzte, das bis dahin finanzmarktorientierte Münchener Freshfields-Büro auch zu einem Kompetenzzentrum für Gesellschaftsrecht aufzubauen.

"Je näher am Herzen operiert wird, desto wichtiger wird Vertrauen"

Seinen wichtigsten, allesamt in der bayerischen Hauptstadt ansässigen Mandanten diente er sich so auch über Chef- und Eigentümerwechsel hinweg als Dauerberater an. Das änderte sich auch nicht, als der Anwalt 2004 Freshfields gemeinsam mit einem ganzen Team von Kollegen verließ und sich der US-Kanzlei Milbank, Tweed, Hadley & McCloy anschloss: Egal ob Fußballklub Bayern München, der Fernsehsender ProSiebenSat.1 oder der Lkw-Bauer MAN - geht es um knifflige Rechtsprobleme, rufen Hoeneß & Co. nicht bei Freshfields an. Sie kontaktieren Rieger.

Sind Rieger, Bosch oder Seibt erst einmal drin, setzen sie sich häufig fest. Ihr Vorteil: Sie agieren in Bereichen, in denen der Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg sehr teuer sein kann. "Das ist wie bei der Auswahl von Fachärzten", sagt Volkswagen-Jurist Ganninger, "je näher am Herzen operiert wird, desto wichtiger wird der Faktor Vertrauen." Deshalb konsultiert er in heiklen Fällen immer wieder dieselben Anwälte.

Je enger die Verbindung, je breiter die Expertise, je existenzieller die gemeinsam gelösten Notsituationen, desto sicherer in der Regel die Mandate. Seibt dient beim Autozulieferer Continental mittlerweile dem dritten Vorstandschef: Erst beriet er Manfred Wennemer, 64, dann Karl-Thomas Neumann, 50. Als der heutige VW-China-Chef 2009 vom neuen Großaktionär Schaeffler durch den Herzogenauracher Favoriten Elmar Degenhart, 53, ersetzt wurde, hielt auch der an Seibt fest.

Reinhard Pöllath: Der Mann, der alles regelt

So eng der Kontakt zu manchem Vorstand auch sein mag, so nah wie die klassischen Familien-Consiglieri kommt Seibt seinen Kunden nicht. Wohl niemand in Deutschland füllt diese Rolle so gut aus wie Reinhard Pöllath, 64.

Die Münchener Firma Pöllath + Partners, nach Umsatz gerechnet nur die Nummer 25 der in Deutschland tätigen Wirtschaftskanzleien, ist eigentlich spezialisiert auf Übernahmen und Wertpapierrecht. Doch der Gründer hat sich darauf verlegt, die Reichsten dieser Republik zu betreuen. Er kam als Steuerfachmann, inzwischen regelt er "alles, vom Ehevertrag bis zum Testament".

Über seine Mandanten mag Pöllath nicht sprechen. Doch man weiß, er und seine Leute arbeiten für einen Teil der Herz-Familie, Herrin unter anderem über Tchibo und Beiersdorf. Und sie vertreten die Mohns (Bertelsmann).

Pöllath ist inzwischen im Rentenalter, und schon der Aufsichtsratsvorsitz beim Dax-Konzern Beiersdorf nimmt einen großen Teil seiner Zeit in Anspruch. Also hat er nach und nach Partner an die Klienten herangeführt, bis die Novizen im Familienkreis akzeptiert wurden.

Bescheiden in der hintersten Reihe

Einer dieser Nachfolger sitzt an einem Freitagmittag neben Pöllath im Frankfurter Büro der Kanzlei: Stephan Viskorf, 38. Groß gewachsen, breite Schultern, die dunklen Haare nicht zu streng gescheitelt, ein dezent dunkler Anzug und gepflegte Umgangsformen: Mithin als Schwiegersohn vermutlich ähnlich begehrt wie der Volksmusikmoderator Hansi Hinterseer oder vor langer, langer Zeit ein Mann namens Christian Wulff.

Pöllath warb den Steuerexperten Viskorf 2007 von der Wirtschaftsprüfung BDO ab, und seither hat sich dessen Arbeit radikal geändert. "Wenn der Mandant mich braucht, bin ich da, egal ob Wochenende oder Feiertag", sagt Viskorf. Er ist nicht nur Ratgeber, sondern auch ein geduldiger Zuhörer, der bei Familienfesten oder Beerdigungen nicht fehlen darf - wenn er auch nur bescheiden in der hintersten Reihe steht.

Für Viskorf ist diese Art der anwaltlichen Tätigkeit noch neu. Kanzleisenior Pöllath weiß längst, wie umfassend der Dienst am Patriarchen sein kann. Er beantragt auch mal die Waffentrageerlaubnis oder ein Auslandsvisum für Ostafrika. "Wenn der Klient das will, fahre ich auch die Tochter zur Schule", sagt er.

Und ja, klar, er holt sie auch wieder ab.

Michael Freitag (links) ist Redakteur beim manager magazin. Dietmar Student ist Chefreporter beim manager magazin. Dort erschien dieser Artikel zuerst.

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