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Arzt von Corona-Erkrankten erzählt „Die Isolierstation kann für unsere Patienten sehr belastend sein“

Das Uniklinikum Frankfurt ist auf Krankheiten wie Ebola oder Sars vorbereitet - aktuell behandelt es zwei Corona-Patienten. Der Arzt Timo Wolf warnt davor, in Panik zu geraten - und jeden Fremden unter Generalverdacht zu stellen.
Aufgezeichnet von Franca Quecke
Mit Masken und Spezialanzügen schützten sich Pflegekräfte des Frankfurter Uniklinikums während einer Simulationsübung im Jahr 2014

Mit Masken und Spezialanzügen schützten sich Pflegekräfte des Frankfurter Uniklinikums während einer Simulationsübung im Jahr 2014

Foto: Boris Roessler/ DPA

"Die häufigste Frage meiner Patienten ist in der Regel am schwierigsten zu beantworten: "Wann kann ich wieder nach Hause?" Gerade bei neuartigen Erregern wie Corona kann ich noch nicht genau sagen, wann genau die Infektion verschwunden sein wird. Deshalb erkläre ich den Patienten lieber, warum ich mit solchen Informationen vorsichtig umgehe - bevor ich ihnen ein konkretes Datum nenne und der Patient dann doch noch ansteckend ist.

Auf unseren Stationen bekämpfen wir vor allem bakterielle Infektionen wie Tuberkulose, Grippeinfektionen oder auch hochinfektiöse Krankheiten wie Ebola, Pocken oder Sars. Da unsere Klinik nicht allzu weit vom Flughafen entfernt ist, behandeln wir zudem immer wieder Reiserückkehrer mit Infektionen aus aller Welt – aktuell zum Beispiel zwei deutsche Corona-Patienten, die aus China ausgeflogen wurden. Ein Team aus Ärzten und Pflegern kümmert sich in wechselnden Schichten um sie.

Anders als vor einigen Jahren bei der Ebola-Epidemie liegen die beiden China-Rückkehrer auf einer Isolierstation für weniger gravierende Krankheiten. Zu unseren Ebola-Patienten auf der Sonderisolierstation durften wir damals nur in Gebläseschutzanzügen, um nicht in Kontakt mit kontaminiertem Material zu geraten. In diesen Overalls atmet man über eine Haube mit eigener Belüftung und Filterung, damit auch die Atemwege geschützt bleiben. Sie nur anzuziehen kostet schon viel Zeit, das Tragen ist körperlich sehr anstrengend. Damals hatten wir die Schutzanzüge ungefähr drei Stunden am Stück an - immer dann, wenn wir bei den Patienten waren.  

Duschen, fernsehen, Bücher lesen

Zur Hochphase der Ebola-Epidemie stand je nach Schwere der Krankheit außerdem immer jemand am Bett der Patienten - die Betreuung durch das Personal war dementsprechend deutlich aufwendiger und anstrengender als aktuell bei den beiden China-Rückkehrern. Damit wir das leisten konnten, hat uns bei der Behandlung Personal aus dem gesamten Uniklinikum unterstützt.

Momentan ist unsere Arbeit auf der "normalen" Isolierstation deutlich unspektakulärer: Um in die Zimmer unserer Patienten zu kommen, müssen wir eine Schleuse durchqueren. Dort ziehen wir einen besonders dicht sitzenden Mundschutz an, Kittel, Handschuhe und momentan auch ganz gerne Schutzbrillen. Denn: Corona wird durch Tröpfcheninfektion übertragen, man kann sich also auch über die Augen infizieren, wenn der Gesprächspartner hustet. Nachdem wir die Zimmer unserer Patienten wieder verlassen haben, ziehen wir die Kleidung in der Schleuse aus und desinfizieren uns.

Auf der Isolierstation haben wir insgesamt 13 Zimmer, die beiden China-Rückkehrer liegen jeweils in Einzelzimmern. Theoretisch könnten wir Corona-Fälle mit ausreichender Schutzkleidung und speziell geschultem Personal aber auch auf regulären Stationen behandeln. 

Fotostrecke

Ebola-Patient in Hamburg: So sieht die Isolierstation aus

Foto: Axel Heimken/ dpa

Wie andere Patienten auch können unsere Corona-Erkrankten ihre eigene Kleidung tragen, duschen, fernsehen, Bücher lesen oder mit Freunden telefonieren. Anders als damals bei der Ebola-Epidemie werden sie ihre elektronischen Geräte und persönlichen Gegenstände nach der Entlassung sogar behalten dürfen. Über ein Handy kann Corona schließlich nicht weitergegeben werden. 

Trotzdem kann die Isolierstation für unsere Patienten sehr belastend sein, schließlich sind sie von der Außenwelt abgeschottet: Wenn man jeden Tag fast ausschließlich in einem abgeschlossenen Raum verbringt, wird man schnell unruhig und gelangweilt. Deshalb besteht ein wichtiger Teil meiner Arbeit darin, mich mit den Patienten zu unterhalten, ihnen Erkrankung und Therapiekonzept zu erklären und Sorgen zu nehmen. Wir bieten ihnen außerdem psychologische Hilfe an.

Jedes Mal Fehlalarm

Bei Grippe- oder Tuberkulosefällen dürfen im Einzelfall auch Angehörige vorbeikommen, sofern sie angemessene Schutzkleidung tragen. Das entscheiden wir je nach Schwere der Krankheit. Beim neuartigen Corona-Virus sind wir allerdings noch vorsichtig, weil wir bisher zu wenig über die Erkrankung wissen.

Vor allem in den ersten Wochen nach dem Ausbruch hatten wir recht viel zu tun. Ungefähr zehn bis 30 Menschen sind täglich mit der Frage zu uns gekommen, ob sie an Corona erkrankt seien – zum Glück war es jedes Mal ein Fehlalarm. Einige der Verdachtsfälle hatten aber Grippeinfektionen und andere Atemwegserkrankungen, dementsprechend war es gut, dass sie zu uns gekommen sind. Mittlerweile hat sich der Andrang zum Glück etwas gelegt.

"Ganz schlimm finde ich diese grundsätzliche Angst gegenüber asiatischen Menschen. Das Epizentrum des Virus ist eine Stadt in China, kein gesamter Kontinent."

Timo Wolf, Arzt

Durch soziale Netzwerke und panische Presseberichte sind momentan viele Menschen verunsichert, oft herrschen falsche Vorstellungen vom Virus. Ganz schlimm finde ich diese grundsätzliche Angst gegenüber asiatischen Menschen. Das Epizentrum des Virus ist eine Stadt in China, kein gesamter Kontinent. Fremde daher unter Generalverdacht zu stellen oder sie sozial zu isolieren, ist vollkommen unangebracht.

Von Ärzten aus anderen Kliniken höre ich immer mal wieder, dass es schwieriger wird, ausreichend Schutzkleidung zu bekommen. Auf unserer Station ist das allerdings kein Problem, für die kommenden Wochen sind wir gut ausgestattet. Grundsätzlich kann ich niemandem in Deutschland empfehlen, in Panik zu verfallen und sich einen Stapel Atemschutzmasken zuzulegen - das ist einfach nicht notwendig."