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23. Oktober 2013, 08:57 Uhr

Mythen der Arbeit

Dienstleistungen sind die Jobs der Zukunft - stimmt's?

Die Industrie stirbt allmählich, Dienstleistungen nehmen ihren Platz ein: Was jahrelang als Gewissheit galt, ist geradezu gefährlich falsch, findet Arbeitsforscher Joachim Möller. Niemand schafft so viel Werte wie die Industrie.

Im Jahr 1970 arbeiteten noch gut 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland im Verarbeitenden Gewerbe, also in Bereichen wie dem Maschinenbau, der chemischen Industrie, der Elektrotechnik oder der Automobilindustrie. Heute sind es nur noch knapp 20 Prozent. Die Entwicklung weg von der Industrie hin zu den Dienstleistungen wird oft als "Megatrend" bezeichnet, weil sie in allen fortgeschrittenen Ländern zu beobachten ist. Sollte man vor diesem Hintergrund nicht alles auf die Karte "Dienstleistungen" setzen, weil dort die zukunftssicheren Arbeitsplätze entstehen?

Aus meiner Sicht wäre eine solche Strategie verfehlt. Viele Argumente sprechen dafür, dass Deutschland sich glücklich schätzen darf, im Vergleich mit anderen Ländern noch einen starken Industriesektor zu haben.

Zunächst einmal: Die Einschätzung des Industriesektors hat sich durch die weltweite Wirtschaftskrise 2008/2009 gewandelt. Vorher gab es sehr deutliche Stimmen, die beklagten, dass Deutschland ein Nachzügler im Strukturwandel wäre. Das Land drohe ins Hintertreffen zu geraten, weil es die Möglichkeiten einer modernen Dienstleistungs- und wissensbasierten Wirtschaft verschlafe. Deutschland als Hochlohnland könne auf dem Industriesektor sowieso nicht mit Schwellenländern etwa in Asien konkurrieren, die auf unvergleichlich billigere Arbeitskräfte zurückgreifen können.

Seit der Finanzkrise erlebt die Industrie eine Renaissance

Der amerikanische Ökonom Barry Eichengreen warnte noch 2007, dass die Schwellenländer sehr schnell auf der Technologie-Leiter nach oben klettern und immer anspruchsvollere Güter herstellten. Es sei antiquiert, Wohlstand immer mit einer florierenden Industrie in Zusammenhang zu bringen. Länder wie Großbritannien und die USA hätten erfolgreich den Sprung in die post-industrielle Gesellschaft geschafft.

Gerade für Großbritannien und seinen großen Finanzsektor hat die Krise ein böses Erwachen gebracht. Und in den USA hört man neuerdings sehr viel von einer "Renaissance der Industrie", die es zu fördern gelte. Was also spricht für einen starken Industriesektor?

Nun, zum einen werden in der Industrie hohe Werte geschaffen. Dies gilt umso mehr, je technologieintensiver die hergestellten Güter sind. Und in puncto Technologie spielt das Verarbeitende Gewerbe eine Schlüsselrolle. In den USA sind beispielsweise nur noch zwölf Prozent der Beschäftigten in der Industrie tätig, aber der Sektor steht für 70 Prozent der privaten Ausgaben für Forschung und Entwicklung und für 90 Prozent der Patentanmeldungen. Diese hohe Innovationskraft einer modernen Industrie strahlt auch auf andere Bereiche der Wirtschaft aus. Ein Hochlohnland wie Deutschland kann sich nicht leisten, darauf zu verzichten.

Industrie schafft nicht nur am Fließband Jobs

Zudem hängen viele wirtschaftsnahe Dienstleistungen wie Ingenieurbüros, Beratungs- oder Marketingfirmen unmittelbar von der Industrie ab. Mittelbar ist der Effekt noch viel stärker, da es auch einen Einfluss auf konsumnahe Dienstleistungen gibt. Einer größeren Industrieansiedlung folgt oft auch die Ansiedlung von Einkaufszentren und Ähnlichem, während es wohl kaum Beispiele dafür gibt, dass die Ansiedlung eines Einkaufszentrums eine Industrieansiedlung nach sich zieht. Dies bedeutet, dass der Blick auf den Beschäftigtenanteil der Industrie deren tatsächliche Bedeutung unterschätzt.

Vieles spricht dafür, einen gesunden Industriesektor als Grundlage einer soliden Volkswirtschaft zu sehen. Er bildet das Rückgrat auch für den Export. Und wir wissen aus empirischen Studien: Exportierende Firmen - Firmen also, die sich der Weltmarktkonkurrenz stellen - sind produktiver und dynamischer. Das drückt sich unter anderem auch in einem höheren Lohnniveau aus.

Bei den Dienstleistungen ist zu differenzieren. Unter persönlichen und haushaltsnahen Dienstleistungen finden sich viele einfache und oft schlecht bezahlte Tätigkeiten. Diese Tätigkeiten können kaum die Basis einer fortgeschrittenen Volkswirtschaft bilden. "Wir können doch nicht dauerhaft davon leben, dass wir uns gegenseitig die Haare schneiden", dieser Satz, den der damalige BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel schon 1995 formuliert hatte, trifft unverändert zu.

Nicht die Ketten zerstören!

Die wissensbasierten Tätigkeiten, etwa in Forschung und Entwicklung, Produktdesign, Organisation, Logistik und Management, haben einen ganz anderen Charakter. Hier finden sich viele innovative Tätigkeiten, die hohe und höchste Qualifikationen voraussetzen. Diese anspruchsvollen Dienstleistungen stehen aber oft wiederum in Verbindung mit dem Industriesektor, auch wenn in manchen Fällen die Produktion teilweise nicht mehr bei uns stattfindet.

Eine Eigenschaft des Industriesektors sollte noch erwähnt werden: Moderne Produktion geschieht immer mehr arbeitsteilig in Netzwerken. Bei hochkomplexen Produkten wie etwa einem iPad benötigt man eine Vielzahl von hochspezialisierten Zulieferern. Dies geschieht oft durch regionale Zulieferketten. Sind sie nicht vorhanden oder zu schwach ausgeprägt, fehlt die "kritische Masse". Ist die einmal verlorengegangen, ist es außerordentlich schwierig, diese Entwicklung rückgängig zu machen.

Deshalb tun sich etwa die US-Amerikaner schwer, die Produktion etwa von iPhones oder iPads, die hauptsächlich in China stattfindet, wieder zurückzuholen. Man schätzt, dass mit der Herstellung von Apple-Produkten weltweit mehr als 700.000 Menschen beschäftigt sind. Im Mutterland des Konzerns sind es nur etwas über 40.000.

Deutschland als immer noch wichtiges Industrieland muss ein Interesse daran haben, Wertschöpfung und Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe zu erhalten. Ein Unterschreiten kritischer Massen in bestimmten Teilen der Industrie, ein Zusammenbrechen der Wertschöpfungsketten, könnte fatale Auswirkungen haben.

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