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Dienstreisen als Arbeitszeit 480 Stunden pro Jahr im Auto - unbezahlt

Mit dem Urteil zu Dienstreisen als Arbeitszeit könnte sich die Jobwelt grundlegend ändern - und das ist gut so, finden viele SPIEGEL-ONLINE-Leser. Hier berichten sie, warum sie sich ungerecht behandelt fühlen.
Arbeitnehmer auf Dienstreise (Symbolbild)

Arbeitnehmer auf Dienstreise (Symbolbild)

Foto: Getty Images/Cultura Exclusive

Sie stehen im Stau auf der Autobahn, hängen am Flughafen fest, arbeiten bis spät in der Nacht im Hotelzimmer - und schieben Frust. Viele Arbeitnehmer fühlten sich ungerecht behandelt, weil Dienstreisen von ihrem Unternehmen nicht als Arbeitszeit anerkannt werden. Sie hoffen, dass sich nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts etwas ändert.

Die Richter haben entschieden, dass Dienstreisezeit künftig als Arbeitszeit zu bewerten ist. Etliche SPIEGEL-Leser hat das veranlasst, sich ihren Frust rund um das Thema Dienstreisen von der Seele zu schreiben. Lesen Sie hier, was die bisher ausnahmslos männlichen Einsender bewegt, welche Hoffnungen sie mit dem Urteil verknüpfen - und wie verschieden die Regelungen von Arbeitgeber zu Arbeitgeber ausfallen.


"Mist, morgen muss ich nach München"

"In den Achtzigerjahren waren Dienstreisen noch eine Freude, denn der extra Aufwand wurde extra vergütet. Ich bekam etwa für Asienreisen eine gute Spesenpauschale, von der man noch etwas zurücklegen konnte. Dienstfahrten in die Schweiz oder innerhalb Deutschlands waren so vergütet, dass man davon wirklich die Kosten der Reise bestreiten konnte. Außerdem wurde ein Freizeitausgleich gewährt, indem man nach einer anstrengenden Dienstreise auch mal einen halben Tag verbummeln konnte.

Heute sind Dienstreisen durch den höheren Verkehr, ob auf Autobahnen oder Flughäfen, wesentlicher stressiger. Dafür bekommt man dann Spesen, mit denen man nicht mal den Vormittag überleben kann, wenn man zweimal an einer Raststätte Kaffee und Brötchen kauft. Mittagessen bezahlt man dann schon aus der eigenen Tasche, wodurch die Laune von früher 'Toll, mal wieder rauszukommen' auf 'Mist, muss morgen nach München' gefallen ist.

In unserer Firma herrscht trotzdem ein gutes Verständnis der Geschäftsleitung für den Stress auf Dienstreisen. Wenn es zum Beispiel besser ist, kann man am Vortag schon anreisen, im Hotel übernachten, um morgens frisch zu sein und den Stresslevel zu senken."

"Dienstreisen sind für mich ein absolutes Verlustgeschäft"

"Ich arbeite in einem internationalen Konzern mit 10.000 Mitarbeitern im mittleren Management. Unsere Firma hat Niederlassungen in vielen Ländern Europas. Wenn ich sehe, wie die Abrechnung von Dienstreisen in den meisten europäischen Ländern geregelt wird, komme ich mir immer ziemlich ausgebeutet vor als Angestellter mit deutschem Arbeitsvertrag.

Die Firma zahlt grundsätzlich nur die Tagespauschale nach geltendem Recht. Dieser Betrag ist ein schlechter Witz, vor allem wenn man wie ich relativ häufig fliegt und aufgrund der Sicherheitsbestimmungen schon darauf angewiesen ist, nach dem Security-Check die Flasche Wasser für einen völlig überzogenen Preis zu erwerben.

Alles in allem sind Dienstreisen für mich ein absolutes Verlustgeschäft. Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin kein Spesenritter, der zweimal am Tag ein Filetsteak und eine teure Flasche Wein bestellen würde. Es geht um Wertschätzung. Als Mitarbeiter im Außendienst muss man viele Entbehrungen hinnehmen.

Man ist oft getrennt von der Familie, regelmäßige Aktivitäten wie Sport im Verein unter der Woche sind nur sehr eingeschränkt möglich, Behördengänge, Arztbesuche nie wirklich planbar. Eine Woche mit mehr als 60 Arbeitsstunden ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Als junger Familienvater frage ich mich abends vor dem Einschlafen im Hotel oft, ob ich das wirklich weiterverfolgen möchte. Ein sehr hohes Einkommen, der Dienstwagen, alles schön und gut - aber Geld ist beileibe nicht alles.

Ohne die modernen Mittel der Kommunikation wie Facetime hätte ich schon längst die Flinte ins Korn geschmissen. Wenn mein kleiner Sohn (13 Monate) zu Hause den Bildschirm anlacht, weil Papa darin ist, gibt mir das abends im Hotel wenigstens das Gefühl, dass das alles einen Sinn hat - nämlich meiner Familie in Zeiten von explodierenden Mieten, befristeten Stellen und so weiter eine hoffentlich sorgenfreie Zukunft zu ermöglichen."

fok
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