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Arbeitsmarkt Deutsche kümmern sich kaum um digitale Weiterbildung im Job

Wer sich fit macht für die Job-Welt der Zukunft, kann sich vom Arbeitsministerium fördern lassen. Ein gutes Jahr nach der Einführung zeigt sich: Es wird genutzt – aber nicht für den eigentlichen Zweck.
Von Maike Rademaker
Wer nicht nur die virtuelle, sondern die eigene Realität gestalten will, kann sich hierfür seit gut einem Jahr vom Staat fördern lassen

Wer nicht nur die virtuelle, sondern die eigene Realität gestalten will, kann sich hierfür seit gut einem Jahr vom Staat fördern lassen

Foto: David Becker/ AFP

Es sollte dem Dachdecker helfen, der mit Drohnen arbeiten will, dem Konstrukteur beim Umgang mit 3D-Druckern und nicht zuletzt den Beschäftigten in der leidenden Automobilindustrie: „Wir müssen Techniker genauso wie Ingenieure in der Automobilindustrie, die bisher sehr stark am Verbrennungsmotor orientiert sind, weiterbilden, damit sie neue Antriebe entwickeln und produzieren können“, sagte Bundesarbeitsminister Hubertus Heil im November 2018, als er das frisch beschlossene „Qualifizierungschancengesetz“ ankündigte. Ein gutes Jahr nach Einführung steht fest: Weitergebildet wurden aber bislang vor allem andere – nämlich Altenpflegerinnen und Lkw-Fahrer.

Im September 2019 – neuere Zahlen gibt es noch nicht – zählte die Statistik der Bundesagentur rund 24.400 Beschäftigte, die eine mit diesem Gesetz finanziell geförderte Weiterbildung machten. Rund 7300 davon sind Altenpflegerinnen und Altenpfleger, 5400 bilden sich für „Fahrzeugführung im Straßenverkehr“ weiter, und 1100 als Erzieherinnen. In Maschinenbau und Betriebstechnik sind es immerhin fast 1000 Teilnehmer.

Falsch gemacht wurde damit nichts: Denn das Gesetz war – kaum beachtet – von vorneherein nicht nur für die digitale Weiterbildung gedacht, sondern auch für Kurse bei Engpassberufen. Dazu zählen vor allem Altenpfleger, LKW-Fahrer und Erzieher. Hier haben die Arbeitgeber zugegriffen: Je nach Größe des Betriebs können sie sich 15 bis 100 Prozent der Weiterbildungskosten und bis zu 75 Prozent des weiter gezahlten Lohns erstatten lassen.

Mehr als die Hälfte der Betriebe hat keine Strategie für die Digitalisierung

Geworben hatte Heils Ministerium allerdings in den vergangenen Monaten besonders für die digitale Weiterbildung, und darauf hofft das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) auch weiterhin. Schließlich gilt Weiterbildung bei Arbeitsmarktexperten als der wichtigste Schlüssel, um die Folgen der digitalen Transformation zu bewältigen und Arbeitsplätze zu sichern. Darauf sind die Betriebe aber bis heute nicht gut vorbereitet. Nach dem Transformationsatlas der IG Metall von 2019, für den 2000 Betriebe mit 1,7 Millionen Beschäftigten befragt wurden, haben mehr als die Hälfte der Betriebe kaum eine Vorstellung, wie sie sich strategisch dazu aufstellen wollen.

Kritik an den bisherigen Förderergebnissen hält das Arbeitsministerium nicht für angebracht. Für eine Bewertung zu der Förderung sei es noch zu früh, heißt es aus dem BMAS, und überhaupt: „Mit der verstärkten Förderung in Pflegeberufen wird auch einem Anliegen von Bund, Ländern und Verbänden aus der Konzertierten Aktion Pflege und dem hohen Fachkräftebedarf in diesem Bereich Rechnung getragen“. Vorsichtshalber legte Heil aber im November 2019 mit dem Entwurf eines „Arbeit-von-morgen“-Gesetz nach, mit dem die Zuschüsse für Betriebe, die in der Transformation stecken, ausgeweitet werden sollen.

Zu teuer, zu schlecht besucht, zu intransparent

In der Bundesagentur gibt man sich ebenfalls gelassen. Mit einem „Big Bang“ an Anträgen für die digitale Weiterbildung habe ohnehin keiner gerechnet, sagt ein Sprecher, das sei ein fließender Prozess. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände lobt sogar die Förderung in den Engpassberufen, übt aber deutliche Kritik an dem Gesetz: Dass die digitale Weiterbildung zu wenig in Anspruch genommen werde, liege am Mangel passender Maßnahmen. Sie zu entwickeln, werde „durch bürokratische Regelungen nicht selten erheblich erschwert: Mal sind die veranschlagten Kosten für innovative Maßnahmen zu hoch, mal scheitert es daran, dass eine Mindestteilnehmerzahl vorausgesetzt werden muss, die gerade im ländlichen Raum nicht immer erreicht werden kann“, heißt es dort.

Weniger gelassen ist der Branchenverband Bitkom. Das Gesetz werde den Anforderungen der digitalen Transformation nicht gerecht, kritisierte deren Bildungsexpertin Nina Brandau. Grund: Damit würden nur externe Maßnahmen unterstützt, nicht aber Fortbildung im Betrieb. „Es sollten auch Weiterbildungen im Unternehmen gefördert werden. So kann konkret auf Transformationsprozesse im Unternehmen eingegangen und das Gelernte unmittelbar eingesetzt werden.“ Der Verband kritisiert zudem den unübersichtlichen Kursdschungel, vor dem Betriebe und Beschäftigte stehen: „Die Vielfalt der Angebote und komplizierte Verwaltungsabläufe halten Arbeitnehmer davon ab, sich ausreichend weiterzubilden.“

Diese Intransparenz kritisiert das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) schon seit längerem. Bitkom schlägt dazu einen ersten Schritt vor: „Zentrale Internetplattformen können die Transparenz der Angebote entscheidend erhöhen und mehr Arbeitnehmer motivieren, sich im Bereich Digitalisierung weiterzubilden.“ Tatsächlich gibt es laut Stiftung Warentest insgesamt 68 Datenbanken (Stand 2017). Für alle, denen das bereits zu digital ist, gibt es eine klassische Alternative: das Infotelefon zu Weiterbildung vom Bundesministerium für Bildung.