Fantasy-Messen: Vom Hobbit zum Beruf
Fantasy-Messen "Früher wurden wir als Vollidioten hingestellt"
Fantasy-Messen wirken selbst dann skurril, wenn man kurz die Augen schließt. Es klackern Zauberstäbe, es klimpern Anhänger, und ständig ruft jemand "Kurz so bleiben!". Fotografieren und fotografiert werden, so beginnt die RingCon, ein Event zwischen Mittelaltermarkt und Jugendmesse. "Man tut hier Dinge, die sonst nicht gehen", sagt ein Produktdesigner. Er zum Beispiel wandert gerade als langbärtiger Gandalf durchs Foyer: "Das macht ein bisschen süchtig."
Die RingCon ist mehr als nur Fankultur. Sie ist ein gutes Geschäft, laut Veranstalter mit bis zu 450.000 Euro Umsatz pro Jahr. Der Geschäftsmann, der das sagt, heißt Dirk Bartholomä, 49. Er ist ein Pionier der deutschen Science-Fiction-Szene. 1982 organisierte er seine erste "Star Wars"-Convention, seit 1996 ist das sein Hauptberuf. Bartholomä sagt: "Ich habe bis heute dieselben Hobbys wie ein Kind - Filme gucken, Lego und Eisenbahn zum Beispiel." Leidenschaft und Kommerz, das gehört für ihn zusammen.
Seit 2002 findet die RingCon jährlich statt, eines der größten Fantasy-Events Europas. 4000 Besucher kommen ein Wochenende lang ins Bonner Maritim-Hotel, die meisten kostümiert. Der erste Teil des Namens rührt von "Der Herr der Ringe", inzwischen ist das Programm aber serienübergreifend: Auch Fans von "Game of Thrones" oder "Merlin" können Devotionalien kaufen, an Workshops teilnehmen und eingeflogene Filmstars live erleben.
Manche Veranstaltung findet er "total billig und total asi"
Der zweite Namensteil steht für Convention. Auf solchen Treffen kommen die buntesten Typen zusammen: vom Fangirl, das Elbisch lernt, bis zum Freikartengewinner, der nur mal Schauspieler beklatschen will. Während Mittvierziger überlegen, ob ein "authentischer Ork-Helm" wirklich 165 Euro wert ist, stehen eine Etage höher Teenager Schlange - für Autogramme der Tanzgruppe "Team Starkid" , die sie von YouTube kennen.
Seine Events plant Dirk Bartholomä vom Heimatort Augsburg aus. Im Süden der Stadt sitzt seine Firma auf rund 800 Quadratmetern - ein Mix aus Büro und Merchandising-Lager, mit fließendem Übergang. Einige Fanartikel gehören zu seiner Privatsammlung, andere verkauft er übers Internet. Beim Rundgang fragt Bartholomä, in Harley-Davidson-Trainingsjacke, ob man ihn nicht auf dem Thron fotografieren wolle, der in einem Nebenraum steht - das sei doch ein cooles Motiv.
"Früher wurden wir fast immer als Vollidioten hingestellt", sagt er, "die Reporter haben sich den Besucher mit dem seltsamsten Kostüm gesucht, und der hat irgendeinen Schmarrn in die Kamera erzählt." "Schmarrn" ist ein eher schwaches Wort in seinem Sprachschatz. Bartholomä nutzt Kraftausdrücke, findet manch andere Veranstaltung "total billig und total asi".
Bis heute ist er schnell auf der Zinne, wenn jemand seine Events für Abzocke hält. Immer wieder reagiert er in Fanforen persönlich auf solche Kritik, manchmal in so harschem Ton, dass jeder PR-Berater in Tränen ausbräche. Wenn es einen gäbe. Bartholomä ist sein eigener Chef, ohne Filter. "Das ist halt meine Art", sagt er.
100.000 Euro für Captain Kirk
Über die Jahre ist die Freak-Berichterstattung seltener geworden. Die Veranstaltungen haben ein Stammpublikum, manche Besucher kaufen das Ticket ein Jahr im voraus. Riskant sei das Convention-Geschäft trotzdem, auch er als erfahrener Veranstalter mache gelegentlich Verluste, sagt Bartholomä. Finanziell floppte dieses Frühjahr die HobbitCon , ein RingCon-Ableger zum Kinofilm "Der Hobbit": 50.000 Euro minus.
Die größte Herausforderung ist es, die Schauspielergagen reinzuholen: Bei der RingCon und der noch größeren FedCon mit 6000 Besuchern setzt Bartholomä auf kostenpflichtige Fotos und Autogramme. Je höher die Gage, desto teurer die Andenken. William Shatner alias Captain Kirk verlange 100.000 Euro Gage plus Flugtickets: "Als er 1997 das erste Mal nach Deutschland kam, kostete er nur 50.000 Euro."
Bei der RingCon zahlt Bartholomä 200.000 Euro für die Stargäste; der teuerste ist David Wenham, mit 40.000 Euro. Die Unterschrift des Faramirs aus "Herr der Ringe" kostet deshalb 40 Euro, während "Grimm"-Star Silas Weir Mitchell für 30 Euro den Stift zückt.
Für echte Fans wird das schnell teuer. "So ein Wochenende ist für uns preislich wie ein Urlaub", sagt der Produktdesigner im Gandalf-Kostüm, der mit Frau und Tochter angereist ist. Mancher beklagt sich lautstark über die Kosten. Trotz aller Kritik sagt Bartholomä: "Ich habe nie bereut, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben." Er sei nicht reich, habe aber ein anständiges Gehalt. Und vor allem: "Ich wollte immer einen Job, bei dem ich keinen Anzug tragen muss."
Markus Böhm (Jahrgang 1987) ist SPIEGEL-ONLINE-Redakteur im Ressort Netzwelt. Vorher war er freier Autor in München. In seinem Blog lebt er bis heute sein Faible für seltsame Zeitschriften aus.Blog: Kioskforscher