Kurioser Documenta-Job Wie Sie sehen, sehen Sie... nichts

Kunst zu erklären, das kann ganz schön schwierig sein. Vor allem, wenn sie gar nicht da ist. Vor der Documenta-Eröffnung fehlen noch viele Werke. Künftige Kunstführer, die wochenlang geschult wurden, üben ihre Vorträge trotzdem schon - und besiegen den "Horror vacui".

Klaus Martin Höfer

Massimo Bartolino applaudiert den Bauarbeitern. Sie haben Kunst gemacht, mit ihrer Schlagbohrmaschine, nach seiner Anleitung. Bartolino steht vor einem grabähnlichen Betonbett, gefüllt mit Wasser. Der Boden hebt und senkt sich, erzeugt Wellen beinahe so schön wie am Strand. Es plätschert rhythmisch, die Stärke lässt sich an der schallgedämpften Pumpe ändern. Wer die Augen für ein paar Sekunden schließt, sieht Bilder, die nicht in die nordhessische Provinz passen, sondern eher in die Südsee oder ans Mittelmeer.

Bartolinos Werk ist handfest - und vorhanden. Keine Selbstverständlichkeit, denn obwohl die 13. Documenta in Kassel schon am 9. Juni beginnt, sind viele Kunstwerke noch nicht da. Dumm für die Kunstführer, die den Documenta-Besuchern Gemälde und Skulpturen erklären sollen.

Bei der Documenta ist der Weg zur Kunst ein Umweg: "dTours" heißen die Führungen, ausgesprochen wie "detour", auf Deutsch Umweg. Und die Leiter dieser "dTours" sind nicht einfach Kunstführer, sondern "Worldly Companions", was die Documenta-Organisatoren mit "weltgewandte Begleiter" übersetzen. Mit ihrer Weltgewandheit sollen sie den Besuchern eine Art Interpretationshilfe geben. Dabei sind sie alle keine Kunst-Profis.

"Empty tours": Trockenübungen mit den anderen Weltgewandten

Einstellungsvoraussetzung für den 100-Tage-Job mit halbjähriger Vorbereitung war ein gewisser Bezug zu Kassel. Und Interesse für die Documenta. Gemeldet haben sich 700 Bewerber. Genommen wurden nach 300 Gruppeninterviews dann 150, darunter ein ehemaliger Mathematikprofessor, ein Landschaftsgärtner und ein Polizist. Und Cäcilia Winter. Sie ist Stadtführerin und freut sich, "Teil eines Weltereignisses" zu sein.

Stadtführerin, das ist zumindest ein artverwandter Beruf, einer, bei dem man mit Menschen zu tun hat und ihnen Kassel erklärt. Doch auch die gebürtige Südtirolerin, die einst der Liebe wegen nach Hessen kam, hat ein wenig Fracksausen vor ihren ersten Auftritten vor Publikum. Denn was soll sie sagen? Sie hat die meisten Kunstwerke ja noch gar nicht gesehen.

Cäcilia Winter und ihre Kollegen üben mit "empty tours", Führungen ohne Kunstwerke, Trockenübungen. Reden über Kunst, die nicht da ist. Vor einer leeren Wand oder an einer Baustelle im Park einen Vortrag halten und sich ausmalen, wie es dort einmal aussehen wird, die anderen "weltgewandten Begleiter" als Publikum.

Erste Hilfe: Der Künstler erklärt sein nicht vorhandenes Werk

Seit Wochen arbeiten sie auf ihre Auftritte hin, lesen Dossiers über die Künstler, jeweils zwei bis 18 Seiten dick, mal mehr und mal weniger ergiebig. Sie recherchieren im Internet, treffen sich alle drei Wochen zum Blockunterricht. Höhepunkte der Vorbereitung waren die Besuche der Künstler, sie haben ihre Werke zumindest mündlich vorgestellt. "Es war schon erstaunlich, was die selbst darüber erzählt haben", sagt Cäcilia Winter. "Deswegen bin ich auch so neugierig, wie die Kunstwerke im Endeffekt sind."

Gut 90 Werke muss sie später einmal erklären - oder zumindest den Besuchern helfen, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Beim Durchschnittsbesucher dürfte das kein Problem sein. "Doch was ist, wenn ich zum Beispiel einen Kunstverein durch die Documenta führe?", fragt sich Winter bange. "Sind die zufrieden mit dem, was ich erzähle? Da bin ich selbst gespannt!"

Die Vorbereitungen laufen alle unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Die Kunstwerke sollen schließlich überraschen. Das Schweigegelübde hat noch einen Vorteil: Sollte es der eine oder andere Künstler nicht schaffen, bis zum Eröffnungstermin fertig zu werden, fällt das kaum auf. Dann bleibt die "empty tour" eben so, wie sie jetzt ist - kunstfrei.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Klaus Martin Höfer (Jahrgang 1961) ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist in Berlin und arbeitet überwiegend fürs Radio.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
neoptolemos 25.05.2012
1. lachhafter Kunstjargon
Ich freu mich schon wieder auf die unsäglichen hohlen Phrasen, mit denen die kindischen Basteleien großgequatscht und hochgejazzt werden. Die Branche hat inzwischen einen umfassenden Jargon entwickelt, mit dem sich jede Inhaltsverweigerung zu raunendem Tiefsinn ummünzen kann. Beispiele: Das Kunstwerk bewegt sich *"im Spannungsfeld von"*… Deutsch: Die Wurstelei hat eigentlich gar keinen klaren Bezug zu irgendwas. Der Künstler *stellt Sehgewohnheiten infrage* …Da fragt man sich: Wessen Sehgewohnheiten eigentlich? Meine kennt er ja gar nicht. Der Künstler * lotet* in seinem Werk XY *aus* Deutsch: Er hat keine Idee, aber die wiederholt er ständig. Die Arbeit des Künstlers * gemahnt an* …(hier kommt ein großer Name der Vergangenheit) und gibt dem Schreiberling Gelegenheit, absurde Verwandtschaften zu stiften, um das Gebastel aufzuwerten. Selbstverständlich ist der Schreiberlich stets *verblüfft*, wenn nicht gleich völlig *verstört*, und kann damit seine eigene Sensibilität für die hochbedeutende Kunst dieser Tage zur Schau stellen. Etc. Viel Spaß in Kassel
meergans 25.05.2012
2. Hallooo,
Zitat von sysopKlaus Martin HöferKunst zu erklären, das kann ganz schön schwierig sein. Vor allem, wenn sie gar nicht da ist. Vor der Documenta-Eröffnung fehlen noch viele Werke. Künftige Kunstführer, die "weltgewandten Begleiter", üben ihre Vorträge trotzdem schon - und besiegen den "Horror vacui". http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,834957,00.html
das ist ja wie in der Wirtschafts-u.Finanzpresse----- auch dort wird laufend etwas "erklärt", "analysiert" und bekakelt, was noch nicht da ist, völlig unklar oder voraussetzungslos ist und öfters mal nie in Erscheinung tritt.
Asirdahan 25.05.2012
3. ohne
Zitat von sysopKlaus Martin HöferKunst zu erklären, das kann ganz schön schwierig sein. Vor allem, wenn sie gar nicht da ist. Vor der Documenta-Eröffnung fehlen noch viele Werke. Künftige Kunstführer, die "weltgewandten Begleiter", üben ihre Vorträge trotzdem schon - und besiegen den "Horror vacui". http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,834957,00.html
Ich habe schon einmal bei einem fast weißen Bild als Beurteilung gelesen: Triumph durch die Abwesenheit von Farbe. Die meisten in der heutigen Kunstclique sind doch Menschen, die des Kaisers neue Kleider loben und dadurch die übrige Welt, die "Banausen", beeindrucken wollen.
ancarion 25.05.2012
4. Endlich wieder Documenta
Hey, da könnt Ihr sagen was Ihr wollt. Auch wenn nicht alles, was auf der Documenta gezeigt wird für jeden Kunst ist und nicht alles was dort ausgestellt wird für jeden eine einleuchtende Bedeutung hat, im großen und ganzen gibt es immer viel sehenswertes und auch viele ansprechende Kreationen. Kunst muss doch nicht immer "der Hirsch auf der Waldlichtung" sein, dass hatten wir schon mal ende der 30er Jahre im letzten Jahrhundert. Zu den unzähligen Exponaten kommt natürlich auch noch, dass sich in Zeit der Documenta ein sehr nettes, bunt gemischtes Puplikum in Kassel einstellt und man viele bereichernde Gespräche führen kann....
neu_ab 25.05.2012
5. Ach, weil es noch nicht aufgebaut wurde...
Immer noch besser, als wenn die Putzfrau wieder mal ein paar Millionen € teure "Kunstwerke" weggewischt hätte.
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