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29. Oktober 2013, 08:39 Uhr

Doktorand in Kairo

Da steht ein Panzer unterm Balkon

Was halten Ägypter von der EU? Das wollte Ragnar Weilandt in Kairo für seine Doktorarbeit herausfinden. Er fand eine nette Wohngemeinschaft - direkt am Tahrir-Platz. Kaum war er eingezogen, fuhren vor dem Haus die Panzer vor.

"Da man in Ägypten ständig auf jemanden oder etwas wartet, ist es gut, immer etwas zu lesen dabei zu haben. Aber wenn man jederzeit damit rechnen muss, durchsucht zu werden, fällt die Auswahl schwer. Eine Abhandlung über die Geschichte der Muslimbrüder? Könnte einen falschen Eindruck erwecken. Ein kritisches Buch über die Rolle des Militärs in Ägypten? Ganz schlecht. 'Die Kinder unseres Viertels' von Naguib Mahfouz schienen mir unverfänglich - bis mir unterwegs einfiel, dass Islamisten den ägyptischen Literaturnobelpreisträger wegen dieses Romans umbringen wollten.

Ich promoviere an der britischen University of Warwick über Europäisch-Arabische Beziehungen. In meinem Forschungsprojekt geht es darum, wie die EU in arabischen Ländern wahrgenommen wird. Ich möchte herausfinden, ob die Menschen in Ägypten wissen, was die EU ist, und was sie von ihr und den Aktivitäten im Mittleren Osten halten. Für Recherchen habe ich von April bis September in Kairo gelebt.

Dass Ende Juni etwas Dramatisches passieren würde, deutete sich schon bei meiner Ankunft an. Überall hingen Plakate, wurden Flugblätter verteilt und Unterschriften gesammelt. Benzin war knapp, häufig fiel der Strom aus, das steigerte die Wut auf die Regierung der Muslimbrüder. Auch in meinem Fitnessstudio gab es in den Wochen vor dem Putsch oft kein Licht. Mit einer Kerze auf dem Display strampelte ich im Dunklen auf einem Fahrradergometer.

Den ersten Monat wohnte ich neben dem Innenministerium, in einer Straße voller Autowerkstätten. Die Mechaniker dort testen Motoren auch gerne mal um drei Uhr morgens, und täglich um 4.30 Uhr tönte aus einem Lautsprecher direkt unter der Wohnung der Gebetsruf des Muezzins. Zum Glück ist es relativ einfach, in Kairo WG-Zimmer zu finden, und die Preise sind niedrig. Also zog ich um - in eine Wohnung am Tahrir-Platz.

Etwas schwer fiel mir der Abschied von Ahmed, dem lokalen Bierverkäufer. Sein Deutsch ist fast makellos, wenn man von einem starken bayrischen Akzent absieht. Er hat ein paar Jahre in Rosenheim gearbeitet. Als Bierverkäufer ist Ahmed ein Gegner der Muslimbruderschaft, schließlich lehnen sie den Konsum von Alkohol ab. Wann immer ich an seinem kleinen Laden vorbeikam, diskutierten wir kurz die Ereignisse des Tages.

Ein Trinkgeld für den Hausmeister und Sittenwächter

Die neue Wohnung teilte ich mir mit einem koptischen Christen, der in den USA aufgewachsen ist und jetzt als Englischlehrer an einer Sprachschule arbeitet. Er ist Anfang 30, geschieden und hat zwei Kinder in den USA, die er seit Jahren nicht gesehen hat. Es dauerte Monate, bis er mir erzählte, warum: Er saß in den USA wegen Drogenhandel fünf Jahre im Gefängnis und wurde anschließend nach Ägypten abgeschoben. Er ist zwar in den USA groß geworden, hat aber keine amerikanische Staatsbürgerschaft. Mittlerweile ist er tief religiös und führt, wenn auch nicht ganz freiwillig, ein eher bescheidenes Leben.

In den meisten Mietshäusern in Kairo sehen 'Bawabs' nach dem Rechten, eine Mischung aus Portier, Hausmeister und Sittenwächter. Sie sorgen dafür, dass ihre Häuser 'sauber' bleiben - sowohl hygienisch als auch moralisch. Leider nehmen sie die Moral oft ernster als die Hygiene. Vor allem Besuch vom anderen Geschlecht ist unerwünscht. Aber wie so vieles in Ägypten lässt sich auch dieses Problem meist mit einem kleinen Trinkgeld lösen.

Von unserem Balkon im ersten Stock haben mein Mitbewohner und ich zusammen die Protestmärsche beobachtet, kleinere Straßenschlachten - und dann die Panzer und Helikopter. Mein Mitbewohner hat den Putsch begrüßt. Wie viele in Kairo war er der Meinung: Alles ist besser als die Islamisten.

Die Recherche für meine Doktorarbeit fing vielversprechend an: Fast jeder, den ich um ein Interview bat, sagte sofort zu. Aber sich tatsächlich zu treffen, war oft schwieriger als gedacht. Viele Interviews fanden mit deutlicher Verspätung oder gar nicht statt. Wenn ich eine halbe Stunde nach der ausgemachten Uhrzeit um ersten Mal telefonisch nachhakte, wo mein Interviewpartner blieb, wurde ich entweder vertröstet oder erreichte niemanden. Weggehen wollte ich auch nicht, er oder sie hätte ja schließlich doch noch auftauchen können. Also wartete ich, manchmal stundenlang. Einige kamen tatsächlich noch, von anderen hörte ich nie wieder was.

Die größte Gefahr ist das Überqueren der Straße

Nach dem Staatstreich wurde es noch schwieriger, Termine für meine Interviews auszumachen. Während des Ramadans waren die Leute tagsüber zu müde und hungrig, abends waren sie zu beschäftigt. Nach dem Fastenmonat flammte die Gewalt wieder auf, die Regierung verhängte den Ausnahmezustand.

Um Freunde in Dokki zu besuchen, einem Stadtteil auf der anderen Nilseite, brauchte ich von meiner Wohnung aus eigentlich nur wenige Minuten. Zwei Stationen sind es mit der Metro, doch meine Station am Tahrirplatz war wochenlang gesperrt. Und freitags, wenn die Innenstadt wegen der Proteste voller Checkpoints war, brauchte ich für den Weg gut anderthalb Stunden und wurde unterwegs drei- bis viermal durchsucht.

Doch selbst auf dem Höhepunkt der Gewalt beschränkte sich das Chaos auf wenige Viertel von Kairo. Im Rest der Stadt herrschte eine gespenstische Ruhe. Und bereits wenige Tage später war das übliche Verkehrschaos zurück.

Auf Kairos Straßen herrscht pure Anarchie: Es gibt kaum Ampeln, auf Kreuzungen gilt das Autoscooter-Prinzip, Autos fahren auf der falschen Seite und Einbahnstraßen wechseln plötzlich die Richtung. Gehupt wird nicht, um andere Verkehrsteilnehmer zu warnen. Gehupt wird aus Prinzip. Rund 1000 Menschen sterben pro Jahr bei Autounfällen in Kairo. Trotz der Entwicklungen der letzten Monate - die größte Lebensgefahr droht auch nach dem Putsch immer noch beim Überqueren der Straße."

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