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E-Mail-Terror "Nur Sklaven sind ständig erreichbar"

Pling, Sie haben Post! E-Mails machen dumm, krank und arm, behauptet Anitra Eggler. Im Interview erklärt die Buchautorin Rezepte für eine digitale Diät - feste Schalterzeiten, sprechen statt mailen, Schluss mit dem Smartphone-Gebimmel. Und wenn ihr jemand dumm kommt, hat Eggler einen Link parat.
Anitra Eggler, von Beruf "Digitaltherapeutin": Nur noch 148.713 Mails checken...

Anitra Eggler, von Beruf "Digitaltherapeutin": Nur noch 148.713 Mails checken...

Foto: Christian Postl

SPIEGEL ONLINE: Frau Eggler, wie oft haben Sie heute schon auf den Empfangsknopf Ihres E-Mail-Programms geklickt?

Eggler: Gar nicht. Das habe ich mir abgewöhnt. Früher habe ich das immer gemacht, wenn ich nicht wusste, was ich als nächstes tun sollte. Heute waren 35 E-Mails da, als ich das Programm geöffnet habe, 15 habe ich beantwortet, fertig. Ich schreibe auch nicht immer, oft greife ich direkt zum Hörer - es gibt nichts Mühseligeres, als etwa Termine per E-Mail zu klären.

SPIEGEL ONLINE: Ständig in die Mailbox zu schauen, ist das schon der Anfang vom Ende?

Eggler: Ehrlich, zu klicken, nur um zu sehen, ob vielleicht eine E-Mail da ist, die noch nicht angezeigt wird, finde ich schon bedenklich. Man muss sich nur mal vorstellen, wie das analog aussähe: Wenn einer alle 15 Minuten zum Briefkasten geht oder immer unten steht, um den Postboten abzufangen, kommt der in die Klapse. Keine Firma hätte früher von den Angestellten verlangt, von 7 bis 21 Uhr den Posteingang zu bewachen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie war's bei Ihnen?

Eggler: Zum konzentrierten E-Mail-Schreiben kam ich oft nicht vor 21 Uhr. Ich habe Start-ups hochgezogen, mit 60 Mitarbeitern, im Schnitt 25 Jahre alt. Zehn, zwölf Stunden pro Tag saß ich in Meetings. Erst danach habe ich bis nach Mitternacht To-do-Listen verschickt, jede Mail mit drei Leuten in cc. Mein letzter Blick vorm Einschlafen fiel aufs Telefon, morgens um sieben habe ich noch im Bett E-Mails gecheckt und beantwortet. Im Urlaub, an Weihnachten, immer.

E-Mail-Test

SPIEGEL ONLINE: Da haben sich Ihre Mitarbeiter sicher gefreut.

Eggler: Sehr. Weil sie sogar nachts E-Mails bekamen, hatten sie das Gefühl, auch permanent verfügbar sein zu müssen. Die Lebensqualität litt - meine und die aller um mich herum. Ich hielt mich für die größte Multitaskerin unter der Sonne. Hätte man mir Stricknadeln gegeben, hätte ich in Meetings mit den Füßen auch noch Socken gestrickt.

SPIEGEL ONLINE: Woran haben Sie gemerkt, dass etwas schiefläuft?

Eggler: An Erschöpfungssignalen meiner Mitarbeiter, die ich mit Mails rund um die Uhr unter Druck setzte. Ich merkte: Das ist mein Problem. Als einer auf dem Weg in den Urlaub war, verbot ich ihm, sein Diensthandy mitzunehmen, und legte es in meine Schreibtischschublade. Als ich später schaute, lag nur noch ein Zettel drin: "Ich bin ein Idiot, ich kann nicht anders". Also drehten wir das Image: Permanente Erreichbarkeit war fortan bei uns negativ belegt.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie zuerst geändert?

Eggler: Keine E-Mails mehr nach 20, 21 Uhr. Firmenhandys und Mails im Urlaub waren tabu. Ich suchte mir Reiseziele im Funkloch, Inseln in Thailand ohne Empfang. Ich las, dass in einem 75-jährigen Leben ein Durchschnittsmensch auf zwölf Orgasmusstunden kommt - und auf acht Monate Löschen unerwünschter E-Mails. Da rechnete ich nach: In zwölf Jahren habe ich anderthalb ver-E-Mailt und zweieinhalb versurft, also vier Jahre nicht in der echten Welt gelebt. Eine miese Bilanz. Jeder muss sich fragen: Was bekomme ich von der Zeit, die ich in E-Mails investiere, zurück?

SPIEGEL ONLINE: Und wie bekomme ich das am besten in den Griff?

Eggler: Bevor man morgens anfängt zu arbeiten, sollte man überlegen: Was sind heute meine 20 Prozent Arbeit, die ich über E-Mails regeln muss, um die anderen 80 Prozent zu schaffen? Und dann alle Benachrichtigungssignale des Mailprogramms ausschalten. Am besten es ganz schließen. Und nur zu bestimmten Zeiten öffnen.

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Foto: Corbis

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Signatur stehen Ihre "E-Mail-Öffnungszeiten".

Eggler: Ja, alle wissen, ich lese um 10 und um 16 Uhr meine E-Mails. Man sollte das Postfach wie einen echten Briefkasten behandeln: aufmachen, dann die Post durcharbeiten. Und nicht dauernd schauen, ob gerade die Welt untergegangen ist. Ich kenne das, wenn man Start-ups betreut, hat man das Gefühl, nonstop von brennenden Ölfeldern umgeben zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Schön und gut, aber der Rest der Welt tickt ja anders und erwartet eine Reaktion.

Eggler: Genau. Die schicken was, und hat man fünf Minuten später noch nicht geantwortet, rufen sie an: Hast du meine Mail nicht bekommen? Nur weil das Medium Nachrichten in Nanosekunden von hier nach Feuerland schicken kann, müssen wir das ja nicht nutzen. Niemand muss nonstop erreichbar sein, außer vielleicht Notärzte. Das müssen wir wieder lernen. Gerade weil das Innovations- und Kommunikationstempo weiter steigt, müssen wir die Erwartungshaltung permanenter Erreichbarkeit über Bord werfen und überlegen, welches Gerät wir wofür nutzen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wär's mit Normalhandy statt Smartphone?

Eggler: Eine Lösung für Härtefälle. Einer meiner Mitarbeiter ist umgestiegen, weil seine Tochter von der Schaukel fiel, während er nebendran stand und per Blackberry E-Mails verschickte. Der hat danach seinen alten Handyknochen wieder rausgeholt.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie?

Eggler: Ich hab's ja jetzt im Griff. Wobei ich ehrlich gesagt immer jedes Gadget haben will, das neu auf dem Markt ist. Aber ich komme auf 100 Reisetage im Jahr, das Smartphone ist mein Büro in der Hosentasche.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie Unternehmern, die Sie um Rat fragen?

Eggler: Wenn die mich holen, ist der Leidensdruck schon sehr hoch. Manche Mitarbeiter schreiben um 17 Uhr eine E-Mail vor, die vom Programm um 23 Uhr verschickt wird, nur damit der Chef denkt, sie arbeiten so lange. Den Managern muss man zeigen, was sie das kostet: Die Effizienz der Arbeitnehmer lässt nach, die Produktivität sinkt. Irgendwann fallen die Mitarbeiter ganz aus, weil sie ausgebrannt sind. Gutes Zeitmanagement ist entscheidend - ständig erreichbar sind nur Sklaven.

SPIEGEL ONLINE: Okay, E-Mails machen arm und krank. Und dumm auch, so der Titel Ihres Buches. Wie das?

Eggler: Ständige Unterbrechungen schaden unserer Konzentration. Im Schnitt alle elf Minuten werden wir bei der Arbeit gestört, von Mails, dem Handy, Kollegen. Hirnforscher sagen, unser Hirn wird süchtig danach. Aber das ist fatal für die Produktivität. Statt nachzudenken, sucht man sich einfach einen neuen Reiz - und klickt etwa auf den Empfangsbutton.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange haben Sie zum Umschalten gebraucht?

Eggler: Zwei Wochen. Ich stellte fest, wie viel sich von selbst erledigt, wenn man gar nicht erst reagiert. Wer mir noch immer E-Mails schreibt, ohne vorher den Kopf einzuschalten, dem schicke ich meist kommentarlos den Link zu www.googleistdeinfreund.de .

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich an Ihre erste Mail erinnern?

Eggler: 1995 im Uni-Rechenzentrum, es war tierisch heiß wegen der Rechner. Ich schickte meine wöchentliche Kochkolumne an die deutschsprachige Zeitung in Argentinien, bei der ich volontiert hatte. Bis dahin musste ich sie immer faxen. Und ein Fax kostete fünf Mark - sauteuer für eine Studentin.

Foto: privat

Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978), freie Journalistin in Berlin.

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