Hamburger Kult-Kassiererin An dieser Kasse gibt es Autogrammkarten

Dagmar "Daggi" Prüter ist Kassiererin und in Hamburg eine Berühmtheit. Die 77-Jährige kann nicht ohne ihren Supermarkt - und ihre Kunden können nicht ohne sie. Was macht diese Frau so unersetzbar?

Miguel Ferraz

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Ja, natürlich gab es in 17 Jahren Momente, da hätte Daggi an Ort und Stelle losheulen können. Aber was geht es die Leute an, wie es da drinnen aussieht? Daggi, schüttel dich, sagte Daggi sich, wenn es ihr schlecht ging. Kassieren, Daggi, und lächeln.

"Wenn Sie die Kunden anstrahlen, dann kann keiner an Ihnen vorbeigehen", sagte Daggi einmal zu einer Gruppe Auszubildender, die bei Edeka lernte. Im Teamraum hatte Daggi sich die Leute angesehen. Einige schauten grimmig. "Gucken Sie sich mal selbst an", sagte Daggi zu ihnen. "Freundlich gucken, dann klappt alles."

Das ist ihre Maxime: lächeln, wirklich immer lächeln, und das hat die Kassiererin Dagmar Prüter, 77, in Hamburg zu einer Berühmtheit gemacht. In dem Supermarkt im Stadtteil Eimsbüttel ist Prüter für viele nur Daggi.

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In Hamburg legendär: "Ach, Daggi"

An Daggis Kasse bilden sich die längsten Schlangen, sagt sie selbst, die meisten Kunden wollen zu ihr. Sie sagt, sie kennt sie fast alle persönlich, ihr Freundeskreis bestehe ausschließlich aus Kunden. Sie weiß, was sie essen, trinken, mögen, sie geht oft zu ihren Hochzeiten, zu Taufen, und seit einiger Zeit hat Daggi neben ihrer Kasse Autogrammkarten liegen.

Als sie vor 17 Jahren hier anfing, war sie schon in Rente. Verheiratet war sie schon länger nicht mehr, die Einsamkeit musste nicht sein, und Daggi war fit. Seitdem macht sie Kasse, 15 bis 25 Stunden die Woche. Inzwischen kommt sie mit Rollator.

Es gibt Menschen, die meinen: Einkaufen ohne Daggi ist möglich, aber sinnlos. Was macht diese Frau mit Kittel und weißer Föhnwelle so unersetzbar?

An einem Dienstag im März schiebt Daggi Spätschicht, 15 bis 21 Uhr. In der Schlange steht Peter. Er trägt eine Daunenjacke und viel Gel in den Haaren. Daggi sagt: "Hi, Schatzilein." Peter schaut glücklich und legt seine Sachen aufs Band. Wiener Würstchen, Sahnejoghurt, Cola. Peter und Daggi reden über die HSV-Ergebnisse. "Ich bin eine Sportbekloppte, weißt du ja", sagt Daggi. Peter: "Morgen bring ich dir die Tabellen mit."

Kunde Peter: "Morgen bringe ich die Tabellen mit"
Miguel Ferraz

Kunde Peter: "Morgen bringe ich die Tabellen mit"

Später kommt eine ältere Frau mit blonder Dauerwelle. Nach ihrem Einkauf sagt sie: "Das ist die beste Kassiererin der Welt. Ich weiß wenig über sie, aber sie weiß alles über mich."

Dann stellt sich ein Kunde mit einer Flasche Schnaps an. Sein Trainingsanzug ist hinüber, die Haut im Gesicht aufgekratzt. Der Mann hat eine ordentliche Fahne. Als Daggi ihn sieht, lächelt sie wieder. Sind solche Kunden nicht unangenehm? "Ich behandle hier jeden gleich", sagt Daggi.

Als sie noch klein war, teilte das Mädchen Dagmar sich das Zuhause mit sechs Geschwistern. Die Kindheit in Hamburg war fantastisch, erinnert sie sich. Vom Krieg weiß sie nur noch eins: Es war die Zeit, in der sie mit der Zwillingsschwester häufiger mal im Keller spielen musste. Dort hatte der Vater Betten errichtet, und wenn es Luftangriffe auf die Stadt gab, wurde der Keller für die Schwestern zum Matratzenparadies. "Wir sind rumgehüpft und waren happy", sagt Daggi.

Von der Pubertät bis heute hatte sie so einige Jobs. Sie ließ sich in einem Geschäft für Damenmode ausbilden, dann ging sie zu einem Herrenausstatter. Später bearbeitete sie Versicherungsschäden. Zwischendurch trennte sie sich von ihrem Mann, weil der sich neu verliebt hatte. Sie haben eine gemeinsame Tochter. Daggi hätte die Fassung verlieren können, doch in ihrer Generation ließ man das besser sein. "Wegschieben, weitermachen", sagt sie heute. "Es ging nicht um mich, sondern ums Kind."

Sie führte zwei Geschäfte, eines für Geschenkartikel, eines für türkische Strickwaren. Als die Zeit gekommen war, ging sie in Rente. "Ich kann mich toll beschäftigen, mit Handarbeit, Malen nach Zahlen und Elvis Presley", sagt Daggi. "Aber nur noch? Das ist nicht meins."

Kittel von Dagmar Prüter: "Wegschieben, weitermachen"
Miguel Ferraz

Kittel von Dagmar Prüter: "Wegschieben, weitermachen"

Während sie sich gut fühlte, starben um sie herum Menschen, die ihr lieb waren. Einige der Geschwister und damalige Freunde wurden sehr krank. Die Tochter hatte mittlerweile eine eigene Familie und auch nicht jeden Tag Zeit. Zu einer Frau, die in ihrer Straße wohnte und bei Edeka arbeitete, sagte Daggi: "Sucht ihr zufällig noch jemanden, der zu jeder Schandtat bereit ist?"

So wurde sie Kassiererin. Ihr Chef sagt über sie: "Ihre Art ist so herzlich. Für mich ist sie ein Glücksgriff. Die Kunden lieben sie und umgekehrt." Nachdem der Inhaber des Marktes die Schlangen an ihrer Kasse gesehen hatte, besorgte er Autogrammkarten für seine Kassiererin. Sie sollten ein Gag sein, mittlerweile hat Daggi rund 4000 Karten unterschrieben und an Kunden verteilt.

Dagmar Prüter ist ein Star - zumindest mehr als jeder andere, der in diesem Supermarkt hinter der Kasse sitzt. "Och", sagt Daggi dazu. "In diesem Team gibt es keinen Neid. Was ich mache, kann ja jeder machen: Fröhlich sein und Fragen stellen ist nicht schwer."

Wenn sie zwischen den Stunden an der Kasse Pause hat, geht sie nie in den Pausenraum. Sie setzt sich auf die Sitzbank der Bäckerei, gleich hinter ihrer Kasse. "Ich will hier sein", sagt Daggi. Sie grüßt die Frau, die in der Bäckerei arbeitet: "Na, meine Süße?" Die Angestellte: "Ach, Daggi."

Süße, Schatzi, Liebste - es sind diese Begrüßungsformeln, an denen Außenstehende erkennen, dass der Supermarkt für Dagmar Prüter ein privater Ort ist. Oft klingt es so, als würde sie mit ihren Enkeln reden. "Na du, wie fühlst du dich heute?" Daggi kommt mit jedem ins Gespräch.

Dagmar Prüter in der Pause: Die Geräusche ihres Lebens
Miguel Ferraz

Dagmar Prüter in der Pause: Die Geräusche ihres Lebens

"Der Supermarkt ist mein Dorf", sagt Daggi. Ihren Pausenkaffee bekommt sie in einer Tasse, auf der "Dagmar" steht. So sitzt sie auf der Bank und hört den Geräuschen ihres Lebens zu: piepsende Kassen, ein brüllendes Baby, Tür auf, Tür zu, beim Bäcker röhrt die Kaffeemaschine. "Ist das nicht schön hier?", sagt Daggi.

Was daran ist schön, Daggi?

Es gibt Kunden, sagt sie, die schenken ihr jede Woche Wein oder Sekt oder ihren liebsten Käse.

Es gab auch einmal eine Kundin, erzählt sie, die hatte eine wichtige Prüfung. Bei jedem Einkauf redete sie davon. Daggi beruhigte sie. "Du musst abschalten", sagte sie zu der Frau. An einem anderen Tag stellte die sich bei Daggi an, obwohl sie gar nichts kaufen wollte. Sie war nur gekommen, um Daggi zu erzählen, dass sie bestanden hatte. "Ich freute mich wie wild", sagt Daggi.

Es gab einmal zwei Menschen, behauptet die Kassiererin, die lernten sich nur kennen, weil sie beide immer bei ihr anstanden. Sie kamen zusammen, heirateten, bekamen ein Kind, und Daggi sagt, sie war zu fast allem eingeladen. Sogar zum 100-jährigen Bestehen ihres Hofes, den das Paar neulich feierte.

Auch ihre beste Freundin fand Daggi beim Kassieren. Die Frau war häufig mit ihrem kranken Vater zum Einkaufen gekommen. Eines Tages fand Daggi den Mann nach Schichtende draußen vor der Tür: Er war zusammengebrochen und lag auf dem Boden. Daggi rief den Notarzt, blieb bei dem Mann. Als seine Tochter wenig später eintraf, nahm die Kassiererin sie in den Arm. "Seitdem sind wir unzertrennlich."

Dann gab es das Ehepaar, das jahrelang in Hamburg lebte, immer bei Daggi einkaufte - und dann nach Berlin zog. Weil sie die Kassiererin nun nicht mehr sehen konnten, fuhr die zu ihnen. Die drei machten sich ein nettes Wochenende in der Hauptstadt, erzählt Daggi.

Vor einiger Zeit fing sie an, Karten zu gestalten, wenn ihre Kunden Geburtstag hatten oder Kinder bekamen. Die Karten sehen immer gleich aus: Daggi stickt eine rote Rose auf weißes Papier. Inzwischen habe sie Hunderte solcher Karten verschenkt, sagt Daggi.

Dagmar Prüter schreibt Autogramme: "Ist das nicht schön hier?"
Miguel Ferraz

Dagmar Prüter schreibt Autogramme: "Ist das nicht schön hier?"

Neulich war sie abends mit Kunden aus, die in einer Rechtsanwaltskanzlei arbeiten. Daggi erzählt, dass im Restaurant noch eine besondere Frau dazustieß: die Visagistin der Trump-Familie aus New York.

Was? Trump, New York? "War wirklich so", sagt Daggi. "Die hätte ich ohne meine Freunde von der Kasse nie kennengelernt."

Wenn sie zu Hause ist, freut sie sich schon wieder auf die nächste Schicht, sagt sie. Manchmal sitzt sie auf dem Sofa und wischt mit dem Finger durch das Fotoalbum ihres Smartphones. Sie hat es sich extra besorgt, um die Momente mit ihren Kunden festzuhalten, es ist voll mit Bildern. Daggi mit Kunden im Café, Daggi mit Kunden beim Kartenspielen. Man erkennt sie sofort, sie ist immer die Frau mit weißem Haar - zwischen Menschen, die meist ein oder zwei Jahrzehnte jünger aussehen. "Es ist herrlich mit meinen Kunden", sagt Daggi.

Aber wie lange kann es noch so gehen?

Längere Wege kann Daggi ohne Rollator nicht mehr laufen. "Hochgradig Arthrose", sagt sie. Als sie beim Schlafwandeln mal stürzte, schlug sie sich die Zähne aus. Sie hatte schon einen Schlaganfall und eine doppelseitige Lungenembolie. Vor Kurzem lag sie mit schwerer Grippe flach, konnte zwei Wochen nicht kassieren. "In solchen Momenten haben hier alle Angst, dass Daggi nicht mehr wiederkommt", sagt ihr Chef.

Dagmar Prüter im Supermarkt: Was, wenn der Laden nicht wäre?
Miguel Ferraz

Dagmar Prüter im Supermarkt: Was, wenn der Laden nicht wäre?

Aber Daggi überlebte alles. Was, wenn der Laden nicht wäre? Allein im vergangenen Jahr starben drei von Daggis Geschwistern. "Ich hätte am liebsten nur geweint", sagt sie. Ging aber nicht, denn vor Daggis Kasse standen Leute, und damit die satt werden, musste Daggi deren Einkäufe bearbeiten. "Einsam sein kannst du später. Gute Zeiten erleben, solange es noch geht", sagt Daggi.

Richtig gut war es vor sieben Jahren, in Oberstdorf. Daggi machte Urlaub, zusammen mit ihrer Zwillingsschwester und ihrem Schwager. Wandern im Schnee, leckeres Abendessen und das Beste: Die Wohnung, in der die drei während der Reise lebten, kostete keinen Cent. Ein Kunde hatte sie Daggi überlassen. Es war der Dank für einen schönen Pullover, den Daggi dem Mann zuvor gestrickt hatte. Sie übergab das Geschenk, als er gerade bei ihr einkaufen war.

insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
Tharsonius 06.04.2019
1. Das sind die Momente
wo ich das gefühl habe, SOLCHE Menschen an der Kundenfront hätten ein Managergehalt verdient...im Gegensatz zu manch anderen Managern die dieser Frau wohl nur gering das Wasser reichen können....
scream queen 06.04.2019
2.
"Was macht diese Frau so unersetzbar?" Es heißt unersetzLICH.
taglöhner 06.04.2019
3. Reichweite
Dank an dieser Stelle an alle Jungs und Mädels jeden Alters, die diesen und andere Jobs trotz ihrer Stereotypie und mageren Bezahlung nicht in einer Medienhochburg liebenswert erledigen und mit ansteckend guter Laune Sonne in den Tag bringen.
roby1111 06.04.2019
4. solche Menschen braucht das Land!
... früher gab es mehr davon, fast jeder Tante-Emma-Laden hatte eine solche gute Seele, bei mir (Lk. ED) hiessen die Fr. und Hr. Bichlmaier, erstaunlicherweise beide von einer Herzensgüte, die man heute leider selten findet und auch die Alten sind heute vom Jugendwahn befallen, anstelle einfach in Würde zu altern und die wirklich Jungen, sprich Kinder und Jugendliche zu stützen! Vielleicht leben die Beiden ja noch und lesen das, Danke für all die Jahre! Solche Menschen vergisst man nie!
multimusicman 06.04.2019
5. Eine wunderbare Geschichte über eine
wunderbare Frau. So emphatisch mit Kunden umzugehen ist eine Gabe. Allgemein macht es das Zusammenleben angenehm, wenn die Menschen wieder mehr miteinander als übereinander reden. Auch in Berlin gibt es Verkäufer die klasse drauf sind: neulich fragte mich der Verkäufer bei Aldi, ob ich Sch*** gebaut hätte, als ich mit einem Blumenstrauß an der Kasse war. Ich verneinte das laut lachend und sagte: ich möchte meiner Frau nur einen Gefallen tun.
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