Ein Sargträger erzählt "Für Geld kann man sich alles kaufen" - auch als Toter

Je reicher der Tote, desto feiner der Zwirn: Hier erzählt ein Sargträger von seinem Job - und der einsamsten Beerdigung, die er je erlebt hat.

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Mein Kollege sagt immer: 'Sargträger wäre ein wunderbarer Job - wenn man nicht warten und tragen müsste.' Dann schmunzeln wir. Denn genau das macht unsere Arbeit aus.

Ich erweise dem Menschen die letzte Ehre, wenn das Leben vorbei ist. Im traditionellen Ornat trage ich mit meinen Kollegen den Sarg aus der Kapelle zum Grab. Ich bin ein neugieriger Mensch und habe in meinem Leben schon viele Jobs gemacht, unter anderem verschiedene Bürojobs. Als ich in Rente ging, fuhr ich ab und zu über den Friedhof.

Dort sah ich Männer, bekleidet mit langen schwarzen Mänteln mit großen weißen Kragen, dazu weiße Handschuhe und Dreispitz, die vor einer Kapelle warteten. Ich war neugierig und rief im Friedhofsbüro an. Zwei Tage später hatte ich schon mein Vorstellungsgespräch und habe kurz darauf meinen Vertrag unterschrieben. Schon war ich Sargträger.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Sargträger ist fast immer ein Mini-Job, der vor allem von Rentnern ausgeführt wird. Jeder von uns arbeitet 40 bis 45 Stunden im Monat, je nachdem, wie viele Beerdigungen anfallen. Dabei waren nur wenige einfach neugierig, so wie ich. Viele andere haben früher in nicht gerade üppig bezahlten Berufen gearbeitet, sie müssen etwas zur Rente dazuverdienen.

Wir verziehen keine Miene

In unserer speziellen Tracht stehen wir zu sechst oder acht an der Kapelle oder der Kirche, warten, bis die Trauerfeier vorbei ist, marschieren im Gleichschritt hinein, verneigen uns vor dem Sarg, heben ihn auf unsere Arme und tragen ihn nach draußen. Dann bringen wir ihn auf einem Rollwagen zum Grab. Dort ziehen wir unsere Handschuhe aus und lassen den Sarg an Seilen in die Erde hinab. Dabei verziehen wir keine Miene, zur Würdigung des Toten. Auch nicht, wenn das Seil manchmal ein wenig schmerzhaft durch die Hände gleitet.

Wir werden von Bestattern angefordert, die die Form der Beerdigung in Kategorien unterteilen. Auch an einer Beerdigung lässt sich der soziale Status des Toten erkennen.

Im Video: Der Bestatter - Ein todsicheres Geschäft

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Auch im Tod gilt: Für Geld kann man sich alles kaufen. Pompöse Särge, aufwendige Blumengestecke. Auch an unserer Kleidung kann man den Status des Toten ablesen. Zu einer Sozialbestattung der Kategorie drei tragen wir keine Handschuhe und nur einen schwarzen Kragen. Zu einer Bestattung der mittleren Kategorie tragen wir neben dem obligatorischen schwarzem Chorrock einen weißen Kragen und weiße Handschuhe. Bei Bestattungen der Kategorie eins kommen noch der Trauerdegen und Schnallenschuhe hinzu. Für unsere Arbeit macht die Kategorie aber sonst keinen Unterschied.

Über den Verstorbenen bekommen wir keine Informationen. Gerade bei im wahrsten Sinne des Wortes gewichtigen Verstorbenen wäre das aber nicht schlecht, denn so ein Sarg kann dann schnell 240 Kilo und mehr wiegen. Zum Glück können wir das Gewicht auf viele Arme verteilen.

Über den Tod reden wir selten

Auf manchen Beerdigungen gibt es ein regelrechtes Blumenmeer und die Kirche ist voll mit Angehörigen, die Abschied nehmen wollen. Bei einer anderen Beerdigung wiederum waren nur zwei Gäste da, dazu der Bestatter und wir, die Sargträger. Der Verstorbene hatte anscheinend keine weiteren Angehörigen, eine richtige Zeremonie gab es nicht.

Viel Mitgefühl habe ich nicht mehr. Anfangs fand ich es noch spannend, die Trauergesellschaft zu beobachten und mir vorzustellen, wer die tote Person war. Mittlerweile interessiert mich vor allem, wie der Sarg steht und wie eng oder weit der Weg aus der Kirche oder Kapelle ist.

Wenn wir vor der Kapelle warten, reden wir über Alltägliches, aber stets in gedämpften Ton: über die Fußballergebnisse oder das neueste Angebot bei Aldi. Über den Tod reden wir selten, obwohl er unser eigentlicher Arbeitgeber ist. Über meine eigene Beerdigung habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Einfach soll sie sein, denn mich interessiert das Danach nicht mehr. Wenn ich tot bin, bin ich tot. Dann liege ich in solch einer Kiste, wie ich sie jetzt trage.

insgesamt 24 Beiträge
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MissMorgan 07.05.2019
1. Entsetzlich
Dass selbst dort bei Bestattungen in Kategorien gedacht und gehandelt wird! Ja, der Sarg und der Blumenschmuck richtet sich wohl stark nach dem verfügbaren Einkommen. Aber mit welchem Recht kleidet man sich dazu unterschiedlich? Pfui, da sollte man sich schämen!
butzibart13 07.05.2019
2. Ein unspannender Job
Ich bin vor zwei Jahren darum gebeten worden, ob ich diesen Job mache und habe ja gesagt. Das Mini-Geld interessiert mich nicht. Es gibt nicht mehr so viele Träger, allerdings gibt es auch nicht mehr so viele Sargbeerdigungen wie im letzten Jahrhundert. Das Urnengrab, die Urnenwiese oder der Ruhewald werden bevorzugt, zum Glück. Sargtragen kann sehr anstrengend sein, wenn ein Eichesarg mit einer schwergewichtigen Person zu transportieren ist und evtl. nur 4 Leute zur Verfügung stehen. Am Grab kann das eine wackelige Geschichte werden. Ich habe es auch vor Jahren schon erlebt, dass ein Sarg abgerutscht ist und dann verkantet in der Ausschachtung zu liegen kam. Bei einer feierlichen Beerdigung ist das schon unangenehm.
asdfdfdfdfdf 07.05.2019
3. Cooler Typ!
Der sieht das ja alles recht entspannt locker! :-)
gankuhr 07.05.2019
4.
---Zitat--- Dass selbst dort bei Bestattungen in Kategorien gedacht und gehandelt wird! Ja, der Sarg und der Blumenschmuck richtet sich wohl stark nach dem verfügbaren Einkommen. Aber mit welchem Recht kleidet man sich dazu unterschiedlich? Pfui, da sollte man sich schämen! ---Zitatende--- Wer soll sich schämen? Derjenige, der viel bezahlt? Der, der wenig bezahlt? Der, der den Auftrag des Zahlenden annimmt? Oder der Träger, der die Anweisung seines Arbeitgebers befolgt?
willi.thom 07.05.2019
5.
ich mußte als Junge oft als Meßdiener den Pfarrer zu Beerdigungen begleiten, bei Wind und Wetter, sommers wie winters. Die reichen Leute gaben uns Meßdienern meist nichts, die einfachen Leute dankten auch uns und gaben 50 Pfennig. Einsame Beerdigungen habe ich auch erlebt. Ich habe in der Totenhalle auf dem Friedhof oft die Toten aufgebahrt gesehen, einfach bekleidet und reich ausgestattet, das fand ich ganz normal. Damals machte ich mir Gedanken, ob das Totenhemd bei den reichen Toten wohl doch Taschen hat
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