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Werbeagentur Jung von Matt: Da steht 'n Pferd auf dem Flur

Foto: Dominik Stawski

Ein Tag mit einer jungen Werberin Die Illusionsmaschine

Glamour und immer eine Nase Koks parat - so tickt die Werbebranche im Film. Der Alltag ist mühsames Schürfen im Ideenbergwerk, inklusive Konferenzmarathon. Dominik Stawski begleitete in einer Hamburger Agentur eine Werberin, die sich mit 26 Jahren manchmal schon steinalt fühlt.

Der Auftrag ist klar. Mercedes-Benz will eine neue Kampagne. Werbespots, Werbesprüche, Plakate, alles, was es so gibt. Und inzwischen drängt die Zeit. Der Termin für die erste Präsentation in der Stuttgarter Zentrale steht: 24 Stunden noch, dann sollen die Werber den Mercedes-Managern ihre Ideen vorstellen.

Aber erst müssen sie noch am eigenen Chef vorbei.

Maria Groh, 26, frühstückt um kurz nach acht Uhr im Büro. Weintrauben, eine Laugenstange, ein Halbliterbecher Tee. Mit Kaffee will sie erst am Nachmittag anfangen. Der Tag kann lang werden, so kurz vor der Präsentation. Sie zählt zu den jüngsten Projektmanagern bei der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt, eine zierliche Frau im kurzen roten Kleid.

"Eigentlich habe ich mich nie für Autos interessiert", sagt sie. Doch die Zeiten, als sie sich nur für Mode begeisterte, sind vorbei. Jetzt liegen auf dem Tisch Autozeitschriften, und an der kahlen Wand hinter ihr hängt ein Kalender mit den geplanten Neuvorstellungen der Autokonzerne, sozusagen ihr Saisonplan.

Auf den Ordnern, auf dem Parkplatz vor dem Haus, auf den Türen, überall prangt das Emblem von Jung von Matt. Ein trojanisches Pferd. Ein Symbol, wie sie hier Werbung machen wollen: schön verpackt, mit dem klaren Ziel, Kunden zum Kauf zu bewegen und die Kassen der Unternehmen zu füllen. Dafür haben sie rund 600 Mitarbeiter in Deutschland und einigen anderen Ländern, die meisten in Hamburg. Zu den Kunden zählen Ricola, Sixt, Nike und Vodafone.

Konferenzen satt: Der Rhythmus, wo man mit muss

Jung von Matt zählt zu den Großen der Kreativbranche, aber der Wettbewerb ist hart, besonders in den vergangenen Jahren, in denen die Firmen wegen der Krise ihre Werbeetats gekappt haben. Andere Agenturen lauern, die Serviceplan-Gruppe zum Beispiel, fischerAppelt oder Zum goldenen Hirschen.

Am Ende gewinnen die besten Ideen, die sowohl die Auftraggeber als auch die Konsumenten überzeugen. Ein Werbespruch darf nicht einfach nur ein Werbespruch bleiben. "Geiz ist geil": ein Satz, den sie sich hier in Hamburg ausgedacht haben. Heute bauen Soziologen an Universitäten diesen Satz in Präsentationen ein, um den Zeitgeist der Gesellschaft zu beschreiben.

Die Werbebranche

Andere Werber haben weniger Glück mit ihren Ideen: Legendär ist immer noch der Ausrutscher des schwedischen Staubsaugerkonzerns Electrolux. Er machte vor Jahrzehnten in den USA Werbung mit dem Slogan: "Nothing sucks like an Electrolux". Blöd nur, dass "suck" nicht nur "saugen" bedeutet. Die meisten verstanden darunter: "Nichts ist so scheiße wie ein Electrolux".

Maria Groh ist Werbeberaterin. Sie selbst ist nicht für die Ideen zuständig, dafür haben sie bei Jung von Matt "die Kreativen". Das sind Texter und Grafiker, die wichtigsten Leute in der Agentur. Maria arbeitet mit ihnen in kleinen Teams, koordiniert die Arbeit, sie hat die Termine im Blick, hält den Kontakt zum Kunden.

Keine Kifferlounge, eher ein Bergwerk

Ihr Tag ist eng durchgetaktet. Mindestens fünf Konferenzen, heute sind es sogar acht. Sie diskutieren über "Preprint", "Art Buying", "einbriefen", Fristen nennen sie hier "Timeline". Springen zwischen Powerpoint, Excel und Word. Zwölf-Stunden-Tage sind die Regel, jeden Freitag gibt es "Bier ab vier". Das reimt sich geschmeidig, nur haben sie das Bier inzwischen auf 18 Uhr verlegt. "Ich hätte nie gedacht, dass es so stressig ist", sagt Maria Groh.

Sie kennt die vielen Filme über die Werbebranche, wo sie koksen, kiffen und sonst was tun, um auf die richtigen Ideen zu kommen - "das ist natürlich Quatsch". Eine Werbeagentur ist keine Kifferlounge, eher ein Bergwerk, in dem sie mühsam nach guten Ideen schürfen. Auf dem Parkplatz vorm Haus sieht es aus wie vor einem Hörsaal, in einer Raucherecke fast nur junge Leute, die aussehen wie Studenten. Vielleicht sind die Brillengläser etwas größer und die Rahmen dicker. Alle duzen sich, oft selbst mit Kunden, es gibt keinen Dresscode. Schief angeschaut werden eher jene, die Anzug und Krawatte tragen.

11 Uhr, fünfter Stock, Konferenz mit dem Chef, es geht um die Präsentation bei Mercedes-Benz. Jean-Remy von Matt, für viele in der Branche ein Idol, sitzt am Tisch. Maria Groh und ihr Team haben Ausdrucke mit ihren Ideen in der Hand. "Schwieriges Thema", sagt der Chef in seinem Schweizer Dialekt. "Aber wir haben's gelöst", sagt der Texter und lächelt. Das glaubt er. Noch.

Der Chef dreht jedes Wort in den noch geheimen Werbesprüchen um. "Das ist so ne Drei plus, irgendwie verhungert das ein bisschen." - "Ist das nicht Seniorendenke?" Und dann: "Wir ziehen für morgen den Stecker. Wir sind nicht bei 120 Prozent." Er bläst den Termin mit Mercedes ab. Er will kein Mittelmaß präsentieren.

"Ich gehöre zum alten Eisen", sagt die 26-Jährige

Maria Groh schaut grimmig. Nicht schon wieder, den Mercedes-Termin haben sie bereits dreimal verlegt. Sie telefoniert mit Stuttgart und hat Glück. Die Manager sind nicht begeistert, aber sie vertrauen der Agentur, sind langjähriger Kunde, sie wollen ja nichts Mittelmäßiges. Dann lieber eine Woche länger warten.

Für Maria Groh hat die Sache etwas Gutes. Sie muss nicht bis tief in die Nacht an der Präsentation arbeiten, heute wird sie um kurz nach acht nach Hause gehen. Seit Herbst 2007 ist sie in der Agentur. "Ich gehöre zum alten Eisen", sagt sie. Viele andere bleiben nur zwei, drei Jahre, aber Maria Groh will die Leiter in dieser Agentur weiter nach oben steigen.

Wo geht's denn hier zur Werbung?

Sie ist jetzt "Senior Projektmanager". Die nächste Stufe ist Projektleiterin. Jedes Jahr gibt es das berühmte Schampus-Gespräch mit den Vorgesetzten. Es heißt so, weil die Firma dann gern eine Flasche spendiert. Natürlich reden sie auch über Beförderungen. Bei Maria Groh war die letzte im vergangenen Sommer.

Sie hat Wirtschaftskommunikation in Budapest studiert, ist zweisprachig aufgewachsen, weil ihr Vater Ungar ist. Kurz vor Studienende machte sie ein Praktikum in der Agentur, der ideale Einstieg für Werber. Schon im Praktikum bekommen sie eigene Projekte übertragen. Wer sich gut anstellt in den sechs Monaten und gute Noten vorweisen kann, bekommt einen Job als "Junior Projektmanager".

Ein Normalowohnzimmer soll die Werber erden

Der für Einsteiger übliche Verdienst ist in der Werbung im Vergleich zu anderen Branchen knapp. Etwa 25.000 Euro brutto erhalten Berufsstarter als Jahresgehalt, das reicht in Hamburg gerade so zum Leben. In der Marketingabteilung eines Konzerns hätte Maria Groh doppelt so viel verdienen können. "Aber in der Agentur lernt man so viel mehr, hier kann man sich ausprobieren, in den Konzernen sind die Strukturen oft verkrustet." Später jedoch wechseln viele zu Großunternehmen.

Agentur-Flaggschiffe, allen voran Jung von Matt, gelten als "Verheizer", als "Quälmaschinen". Auf der eigenen Website steht für Bewerber eigens ein Video, das dieses Vorurteil widerlegen soll. Die Mitarbeiter schwärmen in Interviews für die Agentur. An den langen Arbeitszeiten ändert das auch nichts. "Die Agentur ist dein Zuhause", sagen einige Mitarbeiter. "Aber man fühlt sich wohl hier."

Vielleicht liegt es auch am Wohnzimmer. Es liegt im dritten Stock des Backsteinbaus, wo früher eine Corsagenfabrik untergebracht war. Eine Art Konferenzraum, in dem Maria Groh auch gern Bewerbungsgespräche mit möglichen Praktikanten für ihr Team führt. Das Wohnzimmer soll Werber, die in Lofts arbeiten und in Szenevierteln leben, seit Jahren daran erinnern, für wen sie eigentlich Werbung machen: die deutsche Durchschnittfamilie. Kerzenständer in der Ecke, Programmzeitschrift auf dem Couchtisch, Raufasertapete, die Oster-Dekoration steht noch.

"Es ist eine Abwechslung, die wir manchmal brauchen", sagt Maria Groh. Sie sitzt auf dem biederen beigefarbenen Sofa, das sie sich selbst wohl nie in die Wohnung stellen würde. Immerhin könnte es unter dem Sofa bald besser werden: Den Teppichboden wollen sie demnächst vielleicht durch Laminat ersetzen. Aber das hängt noch davon ab, was die Marktforschung zu den bevorzugten Bodenbelägen der Deutschen herausbekommt.

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