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Carmen Michaelis

Tipps von der Karriereberaterin Trio plus Einzelgängerin - kann das ein gutes Team sein?

Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Ein Gastbeitrag von Carmen Michaelis
Drei Kolleginnen verstehen sich prächtig, auch privat. Die vierte gehört nicht so richtig dazu und zieht sich immer mehr zurück. Sollten die anderen drei sie darauf ansprechen?
Gute Stimmung im Büro: Nur blöd, wenn sich andere dann ausgeschlossen fühlen

Gute Stimmung im Büro: Nur blöd, wenn sich andere dann ausgeschlossen fühlen

Foto:

Hinterhaus Productions/ Stone RF/ Getty Images

Eliza, 29 Jahre: "Wir sind in unserer Abteilung vier Frauen. Drei von uns sind im selben Alter, haben gleiche Interessen und ähnliche Lebensverhältnisse. Wir haben uns also immer viel zu erzählen, gehen regelmäßig miteinander in die Kantine und auch mal nach Feierabend was trinken. Die vierte Kollegin ist wesentlich älter und lebt ganz anders. Ich befürchte, dass sie sich ausgeschlossen fühlt. Sie wird immer ruhiger und zurückgezogener. Mir ist nicht wohl dabei. Soll ich sie darauf ansprechen?"

Zur Autorin

Carmen Michaelis war zehn Jahre Führungskraft in einem Unternehmen, zuletzt stellvertretende Geschäftsführerin. Seit 2004 arbeitet sie selbstständig als Coach, Trainerin und Moderatorin für Unternehmen. E-Mail an karriere.leserpost@spiegel.de schreiben   Stichwort Carmen Michaelis 

Liebe Eliza,

freuen Sie sich zunächst darüber, dass Sie so tolle Kolleginnen haben, mit denen Sie vieles teilen können. Wenn wir bedenken, wie viel Lebenszeit wir auf der Arbeit und mit den Menschen dort verbringen, ist das ein wahres Geschenk für Sie.

Sie fragen sich, ob Sie Ihre Kollegin ansprechen sollen. Verhalten Sie sich getreu dem Motto: Stelle nur eine Frage, wenn Du auch wirklich eine Antwort haben möchtest. Fragen Sie sich im ersten Schritt ganz ehrlich, was Sie selbst möchten. Bleiben Sie zunächst bei Ihren Bedürfnissen. Möchten Sie zum Beispiel wirklich, dass die Kollegin beim Feierabendbier dabei ist? Hätten Sie Spaß daran, gemeinsam zu viert Mittagessen zu gehen? Loten Sie den Rahmen aus, der für Sie gut und stimmig ist, dann können Sie überlegen, wie Sie vorgehen wollen.

Einige weitere Gedanken vorweg für Ihre Selbstklärung:

Sie befürchten, Ihre ältere Kollegin fühlt sich ausgeschlossen. Ihre Kollegin ist erwachsen; sie könnte das Thema ebenso ansprechen oder aber sich stärker in die Gruppe einbringen. Ist Ihre Kollegin vielleicht eher der Typ, der Distanz und Autonomie braucht? Dann gilt es, das zu akzeptieren, und alles ist gut.

Lösen Sie sich vom Ganz-oder-gar-nicht-Prinzip

Erweitern Sie Ihren Blick für die vielen Optionen, die sich Ihnen bieten und bedenken Sie vorweg: Lösen Sie sich vom Ganz-oder-gar-nicht-Prinzip. Es gibt mehr als schweigen oder ansprechen, zu viert oder zu dritt die Pausen oder private Zeit verbringen. Hier einige Anregungen, die Ihnen weiterhelfen können, für sich einen passenden Weg zu finden:

  • Wenn Sie sich noch nicht sicher sind, ob Sie Ihre Kollegin ansprechen möchten:
    Lernen Sie Ihre Kollegin besser kennen. Sie können die ohnehin vorhandenen Kontakte durch die Arbeit nutzen, um nach Verbindungen und Interessantem zu suchen, neugierig sein, was die Kollegin denkt und wie sie lebt. Dann schauen Sie weiter. Es verpflichtet Sie zu nichts.

  • Wenn Sie zu dem Schluss gekommen sind, das Thema vorerst nicht anzusprechen:
    Nutzen Sie die fachliche Ebene, um in Kontakt zu kommen und sie in anderer Form einzubinden. Fragen Sie sie um Rat und nutzen Sie ihre Erfahrung. So bringen Sie der Kollegin Wertschätzung entgegen und zeigen ihr den Wert, den sie für das Team hat.

  • Wenn Sie sich dazu entschieden haben, das Gespräch zu suchen:
    Beschränken Sie sich auf Ihre Wahrnehmung und stellen Sie eine offene Frage:
    "Liebe XYZ, Du wirkst auf mich in den letzten Wochen so still und zurückgezogen. Vorher hast Du häufiger mal was erzählt. Ich mache mir Gedanken. Wie geht es Dir?"
    Diese offene Form bietet Ihrer Kollegin die Möglichkeit, für sich und ihre Situation die Verantwortung zu übernehmen. Mit Ihrem Angebot, über die Situation zu sprechen, haben Sie Interesse an der Integration der Kollegin gezeigt.

Sollte Ihre Kollegin äußern, dass sie sich ausgeschlossen fühlt, kann Ihre Reaktion unterschiedlich sein. Das hängt von Ihren eigenen Bedürfnissen ab.

Sie können "die Wahrheit der Situation" aussprechen. Zum Beispiel, dass Sie mit Ihren Kolleginnen viel teilen und Sie gern die Pausen und Freizeit dazu nutzen - und dass es Ihnen leidtut, sie damit außen vor zu lassen. Lassen Sie die Aussage dann so stehen. Es braucht keine weitere Erklärung. Widerstehen Sie dem Impuls, erst die Wahrheit auszusprechen und sie dann wieder zu beschönigen.

Die Wahrheit auszusprechen, kostet Mut - kann aber helfen

Die Wahrheit der Situation zu äußern, erfordert Mut. Es entspannt jedoch häufig eine Beziehung, da etwas ausgesprochen wird, was im Grunde alle ahnten oder wussten. Bieten Sie etwas anderes an, dass die Kollegin ins Team einbindet. Etwa ein gemeinsames Kaffeetrinken alle paar Wochen oder ein gemeinsames Projekt, eine Aufgabe, bei der Sie sich fachlich gut ergänzen.

Signalisiert sie in dem Gespräch, dass sie sich ausgeschlossen fühlt und gern mit dabei wäre, können Sie ein Format suchen, dass für beide Seiten passt. Auch hier liegt die Verantwortung nicht nur bei Ihnen. Fragen Sie die Kollegin nach Vorschlägen.

Wenn Sie Ihnen aber sagt, dass alles okay sei, nehmen Sie das ernst und respektieren Sie diese Grenze. Sollte es sich für Sie stimmig anfühlen, können Sie ihr anbieten, auf Sie zuzukommen, wenn sie Bedarf hat. Vielleicht beschäftigt Ihre Kollegin auch etwas ganz anderes, und der Grund für Ihren Rückzug hat gar nichts mit der Bürosituation zu tun.

Unabhängig, wofür Sie sich entscheiden, erweitern Sie Ihren Blick und betrachten Sie die Gesamtsituation: Ein Team besteht aus unterschiedlichen Persönlichkeiten mit vielen verschiedenen Fähigkeiten und Eigenschaften. Und das ist gut so. Die Teammitglieder können einander fordern und ergänzen und so einen größeren Mehrwert erzielen.

Wie verhält sich Ihr Vorgesetzter in dieser Situation? Seine Aufgabe ist es, alle Teammitglieder gewinnbringend und wirksam unter einen Hut zu bringen, etwa durch gemeinsame Meetings, einen passenden Aufgabenzuschnitt, Teamentwicklungen zum Kennenlernen und zur Vertrauensbildung. Machen Sie ihm den Vorschlag, als Team einen Boxenstopp zu machen, um Erwartungen abzuklären und sich gemeinsam gut aufzustellen. Je klarer die gegenseitigen Erwartungen ausgesprochen sind, desto geringer die Gefahr täglicher Enttäuschungen.

Abschließend und damit Sie entscheiden können, wie Sie vorgehen, nehmen Sie Ihre beiden Kolleginnen in den Blick und in die Verantwortung. Wie sehen Ihre Kolleginnen die Situation? Geht es ihnen genauso? Holen Sie sie ins Boot und teilen Sie Ihre Verantwortung für ein gutes Miteinander im Team. Berichten Sie Ihren Kolleginnen von Ihren Gedanken, und stellen Sie die möglichen Optionen vor. Und vor allem: Teilen Sie die Verantwortung. Wer weiß, vielleicht ist auch eine der beiden Kolleginnen die Richtige für ein Gespräch. Gemeinsam können Sie ausloten, was Sie sich mit der Kollegin vorstellen können und dann gemeinsam handeln.