SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. Februar 2014, 12:29 Uhr

Zurückhaltung im Beruf

Introvertiert und Chef - das geht

Von

Wer nach ganz oben will, muss sich vor den richtigen Leuten aufplustern. Stimmt nicht ganz: Auch introvertierte Menschen machen Karriere und übernehmen Führungsaufgaben - wenn sie ihre vermeintlichen Schwächen für sich nutzen.

"Heiß auf Kaltakquise?" Wenn Sylvia Löhken solche Titel in der Buchhandlung sieht, muss sie schmunzeln. Für ihre Kunden sind Kaltakquise und Selbstdarstellung ein Graus. Die Karriereberaterin hat sich deshalb auf das Coaching von "Intros" spezialisiert, wie sie Introvertierte nennt. Zurückhaltende Menschen, die es im Berufsleben oft schwer haben, weil die Arbeitswelt den Lauten gehört.

Wer Karriere machen will, muss sich zeigen, seine Talente ins Licht rücken und sich schon mal vor den richtigen Leuten aufplustern. Im Berufsleben wird erwartet, dass man seine eigenen Stärken selbstbewusst in den Vordergrund rückt. Extrovertierte schaffen das oft mit Charme, Enthusiasmus, Lust an der Selbstdarstellung und einer Prise Draufgängertum. Wie aber gelingt das ruhigeren Menschen?

"Intros haben ganz eigene Stärken", sagt Löhken. "Da ist ihr langer Atem, die Fähigkeit, dicke Bretter zu bohren und ihr Bedürfnis nach Sicherheit, das im Job sehr nützlich sein kann." Introvertierte Menschen seien nicht schüchtern, sie brauchen zum Regenerieren nur mehr Ruhe und Rückzug. "Sie regenerieren von außen nach innen." Ein Extro hingegen holt sich seine Energie aus dem sozialen Austausch. Löhken rät ihren leisen Klienten: "Glaubwürdig sein. Werde mehr von dem, das du bist."

Löhken spricht aus Erfahrung: Sie ist selbst introvertiert. Ein Raum voller fremder Menschen ist für sie der Horror. Doch statt ihre Schwächen auszubügeln, konzentriert sie sich auf ihre Stärken. Etwa beim Netzwerken: Bei Veranstaltungen führe sie keinen wahllosen Smalltalk, sondern ein tiefes Gespräch. Das komme der Intro-Eigenschaft nach Vertiefung und Substanz zugute - und auch der Gesprächspartner erinnere sich bestimmt an den besonderen Austausch.

Introvertierte fürchten zudem spontane Meetings und Konferenzen. "Intros überzeugen im Schriftlichen", sagt Löhken. Deshalb rät sie ihnen, per E-Mail vorab Kontakt zu Entscheidern aufnehmen und Vorschläge zu machen. Auch ein Gespräch unter vier Augen könne helfen, vorab nützliche Allianzen zu schmieden.

Führen durch Herumgehen

Introvertierte sollten darauf achten, dass sie nicht ins Hintertreffen geraten. Das Rückzugsbedürfnis dürfe nicht in soziale Isolation kippen, die die Karriere blockiert. Es gehe um die richtige Balance, die sich Löhken beispielsweise verschafft, indem sie nach drei Tagen Seminar auf mindestens einen halben Tag Zeit für sich achtet.

Auch wenn es Introvertierte häufig nicht wahrhaben wollen, eignen sich viele auch als Führungskraft. Löhkens Klienten punkten oft im Einzelkontakt, weshalb "Management by walking around" eine gute Methode sei: Führen durch Herumlaufen, den einzelnen Mitarbeiter an seinem Schreibtisch besuchen. Mitarbeiter schätzten die Fähigkeit von leisen Führungskräften, sich einzufühlen und zuzuhören. Allerdings müssten diese darauf achten, nicht ihrer Konfliktscheu nachzugeben.

"Übernehmen Sie Verantwortung, und lassen Sie andere wahrnehmen, wofür sie stehen", rät Löhken. Leise Menschen präsentieren zwar ungern im Rampenlicht, doch die Substanz ihres Beitrages, die Beherrschung des Themas und eine gute Vorbereitung könne Sicherheit vermitteln, ermutigt Löhken.

Dass zurückhaltende Menschen die Karriereleiter erklimmen können, belegt Kanzlerin Angela Merkel. "Eine typische Intro", sagt Löhken. Leider sei nicht kolportiert, wie die Kanzlerin ihren Tag strukturiere, doch die Beraterin ist sicher, dass sie in ihrem Terminplan immer wieder für Ruhepausen sorge, die für Intros so wichtig sind.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung